Ausgabe: 05 / 2008
Seite: 96
Auf leisen Sohlen
Von Claudia Bodin
NEW YORK: WHITNEY-BIENNALE
Die neue amerikanische Kunst verzichtet auf Provokation und laute Statements. Der kalifornische Künstler Eduardo Sarabia lädt in seiner Bar auf ein Glas Tequila ein; MK Guth ist damit beschäftigt, Zöpfe zu flechten: Die Biennale im Whitney Museum of American Art, bei der wieder einmal der Puls der Gegenwartskunst gemessen wird, ist eine Ausstellung der kleinen Gesten.
Sicher ist es den beiden Kuratorinnen Shamim M. Momin und der Deutschen Henriette Huldisch, die mit Mitte 30 so jung wie viele der Künstler ist, gelungen, einen Moment in der amerikanischen Kunstbefindlichkeit zu erfühlen. Während 2006 Sex, Punk und antiamerikanische Botschaften auf die Besucher einhämmerten, wird nun die Kunst als Überbringerin doktrinärer Botschaften in Frage gestellt. Der Großteil der in New York lebenden Künstler scheint sich vielmehr in sich selbst zurückzuziehen.
Antworten liefern sie nicht. Provokation liegt ihnen fern. "Die Ausstellung gibt sich langsam preis", warnte denn auch Whitney-Direktor Adam D. Weinberg. Ein gedrosseltes Tempo in einer hysterisch schnellen Stadt mit einem sich überschlagenden Kunstmarkt - das klingt verlockend.
Doch leider wirkt so manche Arbeit unausgegoren oder allzu durchsichtig.
Positiv ist, dass sich die Kuratorinnen für deutlich weniger Werke als in den Vorjahren entschieden. Vieles wurde vom Whitney in Auftrag gegeben, so dass sich die Künstler ihren Raum erobern konnten. Am meisten nutzte dies die New Yorkerin Phoebe Washburn (art 9/2007) mit ihrer genial absurden, durch das Getränk "Gatorade" betriebenen Blumenfabrik. Andere Arbeiten wie die aus Müll, Dreck und Gips geformten Vögel von Charles Long oder die Videoarbeit von Javier Téllez, in der sich Blinde in einem stillgelegten Schwimm bad in Brooklyn tastend einem Elefanten nähern, zählen zu den leisen, überzeugenden Momenten der Biennale. Im Whitney nimmt die Schau drei Stockwerke ein. Für rund einen Monat zog sie mit zusätzlichen Arbeiten in das charmant baufällige Armee-Gebäude der Seventh Regiment Armory in der Park Avenue. Dort wird Gretchen Skogerson in der früheren Exerzierhalle der größte Luxus zuteil. Ihre simple Neoninstallation darf die riesige, sonst leer stehende Halle ganz allein erhellen.
Termin: bis 1. Juni. Katalog: 45 Dollar.
Internet: www.whitney.org
Installation von Bozidar Brazda (Park Avenue), Phoebe Washburns Getränke-Blumen-Maschine (2008)
