Ausgabe: 05 / 2008
Seite: 97
Triumvirat auf wackligen Beinen
Von Hans Pietsch
LONDON: DUCHAMP, MAN RAY, PICABIA
Die Tate Modern präsentiert ein ungleichgewichtiges Dreiergespann. Der Skandal von gestern ist das Museumsstück von heute: Das könnte die Moral der Schau "Duchamp, Man Ray, Picabia" in der Tate Modern sein. Denn die Entrüstung von damals lässt sich heute nur noch schwer vermitteln.
Selbst den größten Stein des Anstoßes sehen wir mit anderen Augen: Marcel Duchamps "Fontaine" (1917) stellte die Kunst, so heißt es, für immer auf den Kopf. Nichts, was danach kam, konnte noch neu sein. Der heutige Betrachter akzeptiert Duchamps zum Kunstwerk erhobenes Alltagsobjekt längst als eine Ikone der Kunst des 20. Jahrhunderts.
Strahlend weiß liegt das mit "R.
Mutt 1917" signierte Urinal nun in London auf einem Sockel, in einem "Objekte" betitelten Raum, in dem sich noch weitere von Duchamps Ready-Mades befinden: eine von der Decke hängende Schneeschaufel, ein Hutständer, sein Flaschentrockner und das auf einem Hocker montierte Fahr radrad. Keine Provokation mehr, doch der Betrachter kann an den luftigen Ge bilden zumindest noch immer Bedeutung aufhängen.
Duchamp und Francis Picabia lernten Man Ray um 1915 in New York kennen. Ein Maler, der Erfinder der Konzeptkunst und ein Fotograf, die mit schockierend konventionellen Landschaftsbildern begannen, sich dann Dada und Surrealismus verschrieben, wenngleich nie als Unterzeichner von Manifesten. Dass die gegenseitige Befruchtung der drei lebenslangen Busenfreunde über das Teilen von Frauen und schnellen Autos hinausging, will die Schau der Tate Modern zeigen. Doch so ganz gelingt das nicht. Denn das anarchische Triumvirat, das die Kunst verhöhnte und den Kunstbetrieb verachtete, steht auf wackligen Beinen.
Die Beeinflussung ist nämlich im Grunde ein Zirkelschluss - der mit Duchamp beginnt und endet. Sein "Akt eine Treppe hinabschreitend" (1912) brachte nichts Geringeres als den Kubismus in Bewegung. Und sein letztes, über 20 Jahre lang im Geheimen entstandenes Meisterwerk "Etant Donnés" (1946 bis 1966), eine Tür mit zwei Löchern, durch die man einen in einer surrealen Landschaft liegenden Akt sieht - in der Schau leider nur durch eine fotografische Nachbildung zu sehen - vermag bis heute durch seine voyeuristische Erotik zu bestürzen. Doch davon abgesehen ermüdet man beim Gang durch die 13 Räume schnell: Warum über 300 Exponate, von denen so viele ins Mittelmäßige absacken?
Endlos reihen sich die verfremdeten Aktfotos von Man Ray aneinander. Und auf Picabias peinliche Rückkehr zu einer Art klassischen Malerei Ende der zwanziger Jahre hätte man lieber verzichtet.
Auch seine während des Krieges entstandenen schauderhaft kitschigen Pin- Ups, mit denen er dem Kunstmarkt die Zunge rausstreckte - als vermögender Playboy konnte er sich das leisten -, langweilen schnell. Und dass diese auf Pornofotos fußen und in London als erste postmoderne Gemälde deklariert werden, macht sie nicht besser.
Was im Gedächtnis bleibt, ist nur Duchamp. In allen seinen Werkphasen ist er den beiden anderen Künstlern um Längen voraus, seine verrückten Ideen zünden, seine Arbeiten haben Witz. Er wischt der Kunstgeschichte wirklich eins aus, während Man Ray und Picabia im Vergleich nur müde protestieren. Das immerhin stellt die Schau heraus.
Termin: bis 26. Mai. Katalog: 24,99 Pfund, im Buchhandel 29,99 Pfund. Internet: www.tate.org.uk
Hinter Duchamps "Fontaine" (1917) tritt alles in den Hintergrund: hier Man Rays "Obstruction" (1920) und das undatierte "Les Grandes Vacances"
