Ausgabe: 05 / 2008
Seite: 86-87
Das Alter macht versöhnlich
Von Heinz Peter Schwerfel
Der amerikanische Bildhauer bespielt den Grand Palais in der "Monumenta"-Reihe PARIS: RICHARD SERRA
Bescheidenheit ist seine Sache nicht: Der Amerikaner Richard Serra, 1939 im kalifornischen San Francisco geboren, überrascht, verstört und entzückt seit rund 40 Jahren mit monumentalen Stahlskulpturen, die so perfekt aufgestellt und ausbalanciert sind, dass "ihr Gewicht zu Gewichtlosigkeit wird", wie Serra es selbst einmal formuliert hat.
Dabei eilt er von Superlativ zu Superlativ - immer größer, immer gewagter werden seine begehbaren Abstraktionen, in der letzten Zeit vor allem Kurven und Ellipsen, die mithilfe spezieller architektonischer Computerprogramme entworfen werden, um ihr Gleichgewicht zu halten.
Kein Wunder deshalb, wenn Serra nun als zweiter Künstler - nach Anselm Kiefer im vergangenen Jahr - vom französischen Kulturministerium eingeladen wurde, am schönsten Pariser Ausstellungsort, dem Grand Palais, eine Ausstellung in der Reihe "Monumenta" zu realisieren - und diese ohne staatliche Subventionen selbst zu finanzieren. In Serras Fall kommt sein New Yorker Galerist Larry Gagosian für die Kosten auf.
Gebaut wurde extra für den Grand Palais eine einzige, aus mehreren Einzelteilen bestehende monumentale Stahlskulptur "Promenade", die mit den Formen und Dimensionen des unter seiner gläsernen Kuppel 45 Meter hohen Gebäudes spielt. Für die gut 13 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche entstand so in einem Stahlwerk der zentralfranzösischen Stadt Châteauneuf (Loire) eine Außenskulptur für den Innenraum, gleichzeitig architektonische Landschaft und abstrakter Erlebnispark für erhoffte 150 000 Besucher.
Eine außergewöhnliche Herausforderung selbst für einen Richard Serra, von dem nach einer Reihe oft umstrittener Freiraumskulpturen in den achtziger und neunziger Jahren keine größere Arbeit mehr in Frankreich zu sehen war.
Weshalb das neue Werk für die "Monumenta" auch in Dialog gesetzt wird mit Serras 1983 entstandener, dem französischen Staat gehörender Plastik "Clara- Clara". Nach Jahren im Lager wird sie während der "Monumenta"-Ausstellung endlich wieder an dem Platz aufgestellt, für den sie vor einem Vierteljahrhundert konzipiert wurde: im Tuilerienpark gleich am Concorde-Platz.
Benannt nach seiner deutschen Ehefrau Clara, besteht "Clara-Clara" aus zwei identischen, um 30 Zentimeter geneigten, über 36 Meter langen Kurven. Die Perspektive der urbanen Achse vom Louvre zum Triumphbogen betonend, wurde "Clara- Clara" 1983 nach mehreren Monaten in den Tuilerien zwangsentfernt und nach unfreiwilligen Zwischenstopps eingelagert:
Serras zweite große Niederlage nach der von dem amerikanischen Ver waltungsamt befohlenen Zerstörung des "Tilted Arc" auf der Federal Plaza in New York.
Inzwischen ist Serra in seinen Arbeiten milder geworden, seine "Monumenta"- Arbeit wirkt versöhnlich und spielt mit dem frühlingshaften Lichteinfall unter der Kuppel des 1900 für die Weltausstellung gebauten Grand Palais.
Termin: 7. Mai bis 15. Juni.
Internet: www.monumenta.com, www.grandpalais.fr
Besuch im Palast:
Richard Serra in der über - wäl tigenden Kulisse des Pariser Grand Palais
