Ausgabe: 05 / 2008
Seite: 87
Buchstabierende Kamera
Von Almuth Spiegler
Im Museum moderner Kunst werden Filme der Künstlerin aus Bangladesch gezeigt WIEN: RUNA ISLAM
Ein jeder kennt das Spiel und das Gefühl der Spannung und Hilflosigkeit, wenn einem jemand ein unbekanntes Wort auf den Rücken schreibt. Die 1970 in Bangladesch geborene Filmkünstlerin Runa Islam tut jetzt für das Wiener Museum moderner Kunst etwas Ähnliches auf unserem Blickfeld. In einem neuen 35-mm-Film, den sie eigens für eine Ausstellung in der unterirdischen "Factory" des Hauses produziert, schreibt sie allein mit der Kamerabewegung Wörter auf die sich bewegenden Bilder. "Die Kamera wird wie ein Stift über ein Blatt Papier geführt, nur fährt sie eben einen Gegenstand oder ein Bildfeld ab", erklärt Mumok-Kurator Matthias Michalka. Dabei handle es sich um eine völlig neue Kamerabenutzung, meint er. Man kann sich die anfänglichen Schwierigkeiten des Erkennens, die er beschreibt, bildlich vorstellen. Durch die irritierende wilde Kamerafahrt, die sich an keine Konventionen hält, wird einem aber wohl bald klar, dass hier noch etwas anderes vor sich geht als das Offensichtliche.
Erst ein einziges Mal hat Runa Islam mit dieser Technik gearbeitet, sie erforscht:
Die Basis dazu liefert die sehr aufwändige "Motion Control", bei der die Kamera wie ein Roboter agiert, jede der Bewegungen wurde zuvor exakt am Computer programmiert. Runa Islams Prototyp entstand in Neuseeland, in Obhut einer der Motion-Control-Pioniere. Dort schrieb sie das Wort "Cinematography" in die Aufnahmen desselben chaotischen Raums ein, in dem die dazu nötigen technischen Geräte selbst standen.
Weniger selbstreferenziell wird ihre Wiener Arbeit. Michalka war mit der studierten Philosophin, die heute in London lebt, auf Location-Suche in der Stadt. Sie entschied sich schließlich für eine leer stehende Wiener Ikone des modernen Museumswesens, das seit Jahren auf seine Renovierung wartende "20er Haus" neben dem Südbahnhof, erstes Wiener Museum für Zeitgenössisches aus den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Als zweiter Drehort wurde das heutige Mumok im Museumsquartier gewählt, "beziehungsweise die Werke darin", ergänzt Michalka. Wie genau, konnte der Kurator noch nicht verraten. Aber es werde etwas damit zu tun haben, welche Rolle die Museen heute im Umgang mit Bildern eingenommen haben. Nach der Premiere in Wien, die noch von zwei älteren Arbeiten Islams und einem eigens erarbeiteten Filmprogramm begleitet wird, ist der für sie ungewöhnlich lange 15-Minuten-Film im September in der White Cube Galerie in London zu sehen.
Termin: 9. Mai bis 13. Juli. Katalog: 20 Euro.
Internet: www.mumok.at
Stills aus "First Day of Spring" von 2005
