Ausgabe: 05 / 2008
Seite: 90

Waffengattung Fotografie

Von Kito Nedo

Eine Retrospektive des russischen Bildreporters im Martin-Gropius-Bau BERLIN: JEWGENI CHALDEJ

Drei rote Fahnen seien in den letzten Kriegstagen mit seiner Hilfe über Berlin gehisst worden, gab der ehemalige Kriegsreporter Jewgeni Chaldej (1917 bis 1997) später zu Protokoll. Doch nur ein Foto aus seiner Serie wurde zum geschichts mächtigen Dokument für die Befreiung vom Faschismus.

Es zeigt Rotarmisten am Morgen des 2.

Mai 1945 auf dem Berliner Reichstag, wie sie mit symbolischer Geste den Sieg begrüßen.

Der Fotograf und die Kämpfer hatten sich erst ein paar Minuten vorher im Erdgeschoss des am Vortag eingenommenen Gebäudes getroffen: "Ich nahm die Fahne, die ich bei mir hatte, und sagte zu drei jungen Soldaten: Lasst uns nach oben gehen und die Fahne hissen." Nicht nur Chaldejs helfende Hand macht diesen angeblich historischen Moment zum Akt einer politischen Inszenierung: In Moskau wurde bemerkt, dass ein Soldat an jedem Handgelenk eine Uhr trug, was ihn als Plünderer entlarvte - eine Uhr wurde eiligst retuschiert. Auch die spätere propagandistische Auswertung des Bildes nährt starke Zweifel am Authentizitätsgehalt des Dokuments.

Chaldej war seit dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 pausenlos für die Moskauer Fotoagentur TASS im Einsatz: Er fotografierte in Murmansk, im Norden Russlands, auf der Krim und in Sewastopol und begleitete schließlich die vorrückenden sowjetrussischen Truppen quer durch Europa bis ins Herz von Berlin. Als Soldat, Propagandist, Künstler und Dokumentarist in einer Person fotografierte er den Kampf bei allen Waffengattungen und schuf unter widrigsten Bedingungen ein respekteinflößendes Werk, das im Moment seines Entstehens Geschichte schrieb. Die große, rund 200 Abzüge und eine Vielzahl zeitgenössischer Dokumente umfassende Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau bietet nun nicht nur die Gelegenheit, einen neuerlichen Blick auf diese Ikonen zu werfen, sondern präsentiert auch jene Bilder, die seinerzeit aussortiert wurden, etwa bislang unbekannte Varianten der Fahnenhissung auf dem Dach des Reichstages.

Termin: 9. Mai bis 28. Juli. Katalog: Neuer Europa Verlag, 29,90 Euro. Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes. Internet: www.chaldej.de, www.gropiusbau.de

"Murmansk, 1941, alte Frau, brennende Erde"

"Sowjetische Fahne auf dem Reichstag, 2. Mai 1945, Nr. 7"