Ausgabe: 05 / 2008
Seite: 129

Unsentimentale Direktheit

Von Peter Meyer

Ein Bildband feiert die Amerikanerin Helen Levitt als Pionierin der "Street Photography" BUCH DES MONATS

Auch wenn sie zur berühmten "Photo League" in New York Verbindung hatte und davor bei einem Porträtfotografen arbeitete - ihr Handwerk wirklich gelernt hat Helen Levitt auf der Straße. Schon als junge Frau streifte die 1913 geborene und in Brooklyn aufgewachsene Fotografin mit der Leica durch die Viertel ihrer Heimatstadt - immer auf der Suche nach dem einen unverwechselbaren Augenblick, dessen Faszination sich ihr Anfang der Dreißiger erschlossen hatte, als sie ihr großes Vorbild Henri Cartier-Bresson kennen lernte.

Und so entstanden vor allem in den Vierzigern eine Fülle von Schwarzweiß-Aufnahmen mit spielenden Kindern oder plaudernden Erwachsenen, von Damen mit Hündchen oder Männern mit Autos: präzise beobachtete Szenen aus dem Alltag, denen später zahlreiche genauso intensive Momentaufnahmen aus Mexiko folgten und die sie zu einer mittlerweile hoch angesehenen Pionierin der "Street Photography" machten.

Um Botschaften oder gar Sozialkritik war es der ebenso zierlichen wie resoluten Frau, die auch einige Jahre als Cutterin für den spanischen Surrealisten und Regisseur Luis Buñuel arbeitete und selbst Filme drehte, nie gegangen, gleichwohl hat die ihrer Bilder bis heute nichts von ihrer Frische verloren. Ein Umstand, den die inzwischen 94-Jährige mit derselben gelassenen Selbstverständlichkeit hinnimmt wie die kürzliche Verleihung des "Spectrum"-Fotopreises der Stiftung Niedersachsen und der in diesem Begleitband zu einer Retrospektive im Sprengel-Museum Hannover (bis 25. Mai) mit gut 140 Bildern aufs Schönste bestätigt wird.

Helen Levitt: mit der Kamera dem Augenblick auf der Spur

Helen Levitt: Fotografien. Hatje Cantz Verlag. 168 S., 142 Abb., 49,80 Euro