Ausgabe: 04 / 2008

Hormonell verwirrte Schulkinder

Eine Ausstellung der amerikanischen Fotografin und Filmemacherin im Kunstverein HAMBURG: SHARON LOCKHART

Kinder als Objekte machen Kunst meist possierlich oder pathetisch. Egal, ob es das Jesusbaby im Arm einer Raffael-Madonna ist, Velázquez' "Niños" oder Gerhard Richters "S. mit Kind", etwas Minderjähriges sorgt stets für die Extraportion Rührung. Doch bei Sharon Lockhart, 43, die seit Jahren Kinder ins Zentrum ihrer Arbeit rückt, fehlt das Prinzip "niedlich" fast vollständig - statt dessen behandelt die US-Amerikanerin den Menschheitsnachwuchs mit einem nüchternen bis melancholischen Blick, der eher die Schwellenängste vor dem Erwachsensein ins Zentrum rückt.

Zahlreiche Filme und Fotoarbeiten Lockharts inszenieren diese Verletzlichkeit des pubertären Zustands, wo die Kindheit bereits verloren, aber die Zukunft noch ungeklärt ist.

Wenn Schulkinder einen Kuss aus François Truffauts Film "Taschengeld" oder japanische Mädchen einer Basketballmannschaft die Posterposen ihrer Stars nachahmen oder eine Lily und ein Jochen vor einem Meerpanorama ihre Pickel und Rasierverletzungen zeigen, dann sind diese Momentaufnahmen Metaphern für eine große Verwandlung unter schweren inneren Kämpfen.

Aufgewühlt sein, aber cool wirken, dieses typische Verhalten hormonell verwirrter Schulkinder benützt Lockhart auch in ihrer Arbeit "Pine Flat", wie viele ihrer Projekte eine Kombination aus Film und Fotografie. Rund vier Jahre fuhr Lockhart von Los Angeles in ein Dorf am Fuße der Sierra Nevada, richtete in einer Scheune ein Fotostudio ein und drehte mit den Kindern Szenen in der Natur, die sie in inszenierter Natürlichkeit porträtieren.

Beim Spielen, Lesen oder Knutschen in Wiesen, an Bächen oder unter Bäumen geben zehnminütige Beobachtungen der Künstlerin einen Ausdruck kindlichen Alltags wieder, dessen Genauigkeit aus dem Fehlen jeder spektakulären Übertreibung entsteht.

Wegen dieser Methode wurde Lockhart als eine moderne Ethnografin mit den Mitteln der Kunst beschrieben. Ihr bekanntestes Projekt, "Teatro Amazonas" (2000), veranschaulicht diese Suche nach einer Essenz menschlichen Lebens in der Beobachtung fremder Welten in Brasilien.

In dem berühmten Dschungelopernhaus von Manaus, das in dem Film "Fitzcarraldo" von Werner Herzog die Hauptrolle neben Klaus Kinski spielt, hatte Lockhart einen Querschnitt der Bevölkerung Manaus' im Zuschauerraum platziert und in einer Einstellung gefilmt, wie sie einem modernen Chorwerk lauschen. Ergänzt wurde der Film durch Fotoseri en, die in der Tradition von Walker Evans die Armut der Landbevölkerung porträtieren oder im Stil der Bechers Landfrüchte in der Hand einer Bäuerin zeigen.

Dieser konstruierte Voyeurismus, der den Betrachter nie aus der Frage entlässt, welchen Zweck diese Dokumente eigentlich erfüllen, wird in der Retrospektive im Hamburger Kunstverein durch zahlreiche Fotoarbeiten sowie die Filme "Pine Flat" und "No" (2003) vorgestellt.

"No" zeigt ein Paar japanischer Bauern, die in einer lieblichen Landschaft Heu zu kunstvollen Kegeln zusammenrechen.

Die subtile Absurdität dieser Szene gibt auch den Erwachsenen einen Ausdruck kindlicher Unbestimmtheit, der für Sharon Lockharts Werk so typisch ist.

TILL BRIEGLEB Termin: 12. April bis 15. Juni, Katalog: DuMont Verlag, zirka 32 Euro, im Buchhandel zirka 39,90 Euro.

Internet: www.kunstverein.de

Zwei Stills aus dem 16-Millimeter-Film "Pine Flat" (2005) von Sharon Lockhart

TILL BRIEGLEB

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