Ausgabe: 04 / 2008
Seite: 78
Gefährlicher Seiltanz über der Großstadt
Von Hans Pietsch
Glasgow präsentiert sich als lebendige Metropole für zeitgenössische Kunst GLASGOW: INTERNATIONAL FESTIVAL OF CONTEMPORARY VISUAL ART
Ein Mann wagt sich 90 Meter über der Erde auf ein zwischen drei Hoch häusern einer Sozialbausiedlung im Norden Glasgows gespanntes Drahtseil. Die Zuschauer unten spüren den starken Wind. Vorsichtig bewegt er sich vorwärts, bleibt nach einer Weile stehen. Ein Raunen geht durch die Menge, als er beginnt, rückwärts zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Dann geht er schnelleren Schrittes erneut auf das gegenüberliegende Hochhaus zu.
Den gewagten Seiltanz führte der französischen Akrobat Didier Pasquette im Sommer 2007 auf; zu den jüngsten Taten eines der führenden Hochseilkünstler der Welt zählt zum Beispiel die Überquerung der Themse oder des alten Wembley-Stadions. Sein Auftritt in Glasgow wurde von der Videokünstlerin Catherine Yass mit der Kamera aufgezeichnet.
Ihr Film "High Wire" ("Hochseil") bildet nun einen der Höhepunkte des diesjährigen Kunstfestivals, das zum dritten Mal in der schottischen Stadt am Fluss Clyde stattfindet.
Man kann sich kaum einen spektakuläreren Eingriff in den Alltag einer Großstadt vorstellen als diesen gefährlichen Drahtseilakt. Die sich ständig verändernde Natur des öffentlichen Raums ist auch eines der Themen des an mehr als 30 Orten stattfindenden Festivals. Aber es geht auch um Fragen der Privatsphäre in einer Zeit der mobilen Kommunikation.
"Die Spannung zwischen öffentlich und privat interessiert uns, aber wir haben das Thema bewusst recht offen gelassen, um es den Künstlern zu ermöglichen, eigene Antworten zu geben", sagt der nach diesem Festival ausscheidende Direktor Francis McKee, der als Kurator und Impresario viel zum Erfolg der Glasgower Kunstszene beigetragen hat.
Man begegnet vertrauten Namen:
Der Maler Wilhelm Sasnal drehte einen Film über polnische Einwanderer in Glasgow, Jonathan Monk befasst sich mit der Geschichte eines Straßenbahndepots, das zum Kulturzentrum Tramway wurde, der Algerier Adel Abdessemed stellt in Woodlands Terrace seine spielerischen, poetischen Plastiken und Videos vor, der in Glasgow lebende Bildhauer Jim Lambie zeigt in der Gallery of Modern Art neue Arbeiten, unter anderem eine Version seiner berühmten schwarz-weißen Bodenarbeit "Zobop", und Turner-Preisträger Simon Starling, ebenfalls aus Glasgow, kombiniert für seine skulpuralen Bildserien klassische Fototechnik mit digitaler 3-D-Darstellung. Daneben Unbekanntes, das ohne Unterstützung des Festivals wohl kaum nach Glasgow kommen würde: So zeigt der in Peking ansässige Kurator Pi Li in der von Charles Rennie Mackintosh 1897/1909 erbauten Kunstakademie eine Schau mit ganz jungen Künstlern der Pekinger Produzentengalerie Universal Studios, mit der ein kritischer Dia log zwischen beiden Städten in Gang gesetzt werden soll.
Direktor McKee leitet auch das Centre for Contemporay Art (CCA), wo Catherine Yass' Film zu sehen ist, zusammen mit Fotos in Leuchtkästen, die in der Siedlung Red Road aufgenommen wurden. Das Zentrum und andere Institute wie das Tramway sind sichtbares Ergebnis von massiven Kulturinvestitio nen der Stadt, beginnend in den achtziger Jahren.
Seit dem 19. Jahrhundert war Glasgow ein Zentrum des britischen Schiffsbaus.
Doch dann wurden die Werften am Clyde stillgelegt, die Arbeitslosenzahlen stiegen, die einst so stolze Stadt verfiel.
Bis ein cleverer Werbemensch den Slogan "Glasgow's Miles Better" ("Glasgow ist um Meilen besser") erfand, mit dem die Stadt einen kräftigen Aufschwung erfuhr.
Denn ohne eine lebendige und aufregende Kultur, so sagten sich die Stadtväter, sind keine neuen Industrien anzulocken.
Es funktionierte: Glasgow floriert, hat eine lebendige, weit über die Grenzen der Stadt hinaus wirkende Kulturszene, mit Galerien wie Sorcha Dallas, Mary Mary und Toby Websters The Modern Institute. Sie sind auf dem internationalen Markt präsent, ihr Stamm besteht jedoch aus Glasgower Künstlern. Direktor McKee: "Diese Energie und Vielfalt der Stadt soll unser Festival reflektieren." Termin: 11. bis 27. April. Katalog: erscheint während des Festivals. Internet: www.glasgowinternational.org
Jim Lambie: "Quando Quango", Ensemble aus bemalten Holzstühlen von 2007
Zwischen zwei Wolkenkratzern: Der Film "High Wire" von Catherine Yass zeigt den Akrobaten Didier Pasquette bei seinem Hochseilakt über Glasgow
Simon Starling: "Holzkanu" von 2007
Spiel mit Softdrinks:
Still aus dem Video "Foot On" von Adel Abdessemed (2005)
