Ausgabe: 04 / 2008
Seite: 80-81
Strandgut der Erinnerung
Von Michael Kohler
Die Kunsthalle Barmen stellt den maritimen Maler und Bildhauer vor WUPPERTAL: MATTHEW BENEDICT
Kraftvoll wuchtet ein Matrose das Beiboot über die Gischt der Wellen, der Bug deutet zum blassblauen Horizont, klein und zerbrechlich spreizen sich die Ruder ab. Vor den Seefahrern liegt das offene Meer, der Blick folgt ihnen aus einer durch Felswände gerahmten Grotte. Weder der Bildtitel "Nine of Hearts" (2005) noch die Darstellung verraten, warum der Betrachter in ihr zurückgelassen wird. Ruht er von unerhörten Strapazen aus, hütet er vielleicht einen Schatz oder ist er auf einem unwirtlichen Fels gefangen? Wir werden es ebenso wenig erfahren wie den Inhalt der furchtbaren Nachricht, die ihren Empfänger in Matthew Benedicts "The Tele - gram" (2002) ohnmächtig zu Boden wirft, und auch die Bestimmung eines im mysteriösen Nebel vertäuten bleichen Geisterschiffs bleibt verborgen.
Mit seinen auf Holz aufgetragenen Gouachen gibt der 40-jährige amerikanische Künstler dem Publikum bewusst abenteuerliche Rätsel auf und lädt es ein, sich in der Welt des Maritimen zu verlieren.
Seine Werke wirken wie Illustrationen vergessener oder nie geschriebener Bücher: Sie sind das Strandgut einer lange vergangenen Zeit.
Gerade in diesen genau kalkulierten Unschärfen liegt freilich der Reiz von Matthew Benedicts malerischen sowie gelegentlich auch skulpturalen Arbeiten.
Die Wuppertaler Kunsthalle Barmen stellt sie nun erstmals in einer Einzelausstellung vor. Sein großes Thema gestaltet Benedict in verschiedenen Medien, wobei vor allem die Verfremdungstechniken der Pop Art zum Zuge kommen. In seinen bisherigen Schauen wusste Benedict stets den Eindruck eines in Hafennähegelegenen Trödelladens zu erzeugen: Auf antik getrimmte Ölbilder hängen über liebevoll nachgeahmtem Mobiliar, in Comic Strips wird Seemannsgarn gesponnen, ein mit Latex überzogenes Schiffsmodell scheint sich aus der Wand zu schrauben.
Stilistisch vielfältig bevölkert Benedict die Meeres- und Küstenlandschaft mit alten Mythen und Fantasien. Die Patina moderner Melancholie sieht man seiner Kunst dabei auch ohne Fernglas an.
Termin: 16. März bis 25. Mai. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 24 Euro, im Buchhandel 29,80 Euro.
Internet: www.von-der-heydt-museum.de
Im mysteriösen Nebel vertäut: "Geisterschiff" (2006, 153 x 213 cm, Gouache auf Holz)
