Ausgabe: 04 / 2008
Seite: 86-87
Emigration ins verwischte Bild
Von Michael Kohler
Zwei Ausstellungen würdigen den Wegbereiter der subjektiven Fotografie ERFURT/ESSEN: OTTO STEINERT
Die fotografische Ausbildung wird in Deutschland traditionell von Zucht meistern der strengen Form bestimmt. Was den achtziger Jahren der Lehrstuhl von Bernd und Hilla Becher war, hatte der 1978 gestorbene Otto Steinert nach Kriegsende in Saarbrücken und Essen bereits vorweggenommen. Zu den Absolventen seiner Meisterklasse zählen Fotografen wie Dirk Reinartz, Timm Rautert oder VA Wölf. Während der 30 Jahre seines Wirkens gab es in Deutschland keinen auch nur annähernd so einflussreichen Lehrer.
Der Fotograf Otto Steinert ist dagegen eine eher unbekannte Figur, sieht man von einer kleinen Zahl fotografi- scher Findlinge ab, die als Meilensteine der "subjektiven Fotografie" in die Geschichte eingegangen sind. Wer kennt nicht den "Ein-Fuß-Gänger" (1950), der wie ein Storch auf einem Bein steht, weil der übrige Körper in der langen Belichtungszeit verwischt? Subjektiv erscheint an diesem Motiv vor allem das Experiment mit der Wirklichkeit; diese kommt bei Steinert zwar vor, allerdings nur, um sie im Labor seinen eigenen Formprinzipien zu unterwerfen. Steinert war ein Meister abstrakter Stillleben. Er "malte" mit dem Licht, legte Motive übereinander, verkehrte Positiv und Negativ und setzte die Techniken der unter der Nazi- Herrschaft verfemten sachlichen Fotografie wieder ins Recht.
Die Kunsthalle Erfurt stellt nun einen Querschnitt durch Steinerts Werk neben "subjektive" Positionen in der zeitgenössischen Fotografie. Und das Essener Museum Folkwang vergleicht Steinerts "Pariser Formen" mit den am gleichen Ort entstandenen Fotoreportagen des Schweizer Fotografen Robert Frank.
Dabei zeigt sich, wie Steinert von zunächst noch weitgehend dokumentarischen Straßenszenen zu immer ausgeklügelteren Kompositionen kommt. Nach und nach treten die Menschen von der Bühne des Pariser Lebens ab, um flüchtigen Geisterwesen Platz zu machen.
Diese Emigration in die verwischte Form mag auch in der Scham des ehemaligen Stabsarztes Otto Steinert begründet sein: Seine Lichtspuren des Place de la Concorde führen in eine dunkle Vergangenheit zurück. Termine: 16. März bis 20. April, Erfurt; 25. April bis 6. Juli, Essen. Katalog: Steidl Verlag, 30 Euro (Essen). Internet: www.kunsthalleerfurt.de, www.museum-folkwang.de
"Die Bäume vor meinem Fenster 2" (30 x 38 cm) fotografierte Otto Steinert 1956 (Silbergelatine-Abzug)
"La Comtesse de Fleury" (1952, 30 x 40 cm)
Meister abstrakter Stillleben: "Nervige Schatten" (Luminogramm, 1951, 41 x 60 cm)
