Ausgabe: 04 / 2008
Seite: 118-119

Das letzte Wort hatten die Bürger

Von Kerstin Schweighfer

Architektur: Wiederaufbau nach der Katastrophe von Enschede

Die Museumsallee im Enscheder Stadtteil Roombeek: Vor der grünweiß gestreiften Villa der Architekten Bolles + Wilson aus Münster steht wie üblich eine Gruppe Schaulustiger mit gezücktem Fotoapparat. "Das ist eine unserer Hauptattraktionen!", sagt Ton van Snellenberg, Manager des Wiederaufbauprogramms Roombeek. Nach Tokio und London, so sagt er schmunzelnd, sei die modernistische Villa "eine von drei Einfamilienhäusern, die Bolles + Wilson in Weltstädten realisiert haben".

Bekannt ist Enschede schon:

Die Bilder der Feuerwerksexplosion, die im Mai 2000 den Stadtteil Roombeek dem Erdboden gleichmachte, gingen damals um den Globus. 23 Menschen starben, 1000 wurden verletzt und mehr als 1500 obdachlos. Die Regierung in Den Haag wollte allen Betroffenen die Rückkehr ermöglichen:

"Niemand darf durch die Katastrophe schlechter dastehen als zuvor", betonte der damalige Ministerpräsident Wim Kok.

Nun ist es soweit: Der Wiederaufbau von Roombeek durch internationale Architekten unter der Leitung ihres Amsterdamer Kollegen Pi de Bruijn nähert sich seiner Vollendung. 80 Prozent der Häuser konnten schon fertiggestellt werden, im April steht die offizielle Einweihung an. Mit Gesamtkosten von 600 Millionen Euro und einer Fläche von 60 Hektar geht es um das größte städtische Wiederaufbau- und Sanierungsprojekt in der Geschichte der Niederlande. Dass es mit dem nationalen Architekturpreis "de Gouden Piramide" ausgezeichnet wurde, liegt nicht allein am vorbildlichen städtebaulichen Konzept, sondern auch an der gelungenen Zusammenarbeit zwischen Behörden, Baumeistern und Bürgern:

"Partizipation" lautete das Zauberwort.

In der Regel werden die Niederländer beim Wohnungsbau vor vollendete Tatsachen gestellt: Wie ein Haus aussieht, bestimmen die Wohnungsbaugesellschaften mit den Kommunen und den Architekten.

Doch in Enschede hatten die Bürger Mitspracherecht: Galt es doch, das Vertrauen in die Behörden wieder herzustellen, das mit der Explosion in Rauch und Flammen aufgegangen war. Denn das für die Katastrophe verantwortliche Unternehmen S. E. Fireworks konnte in seinem Bunker mitten in Roombeek viel mehr Feuerwerk lagern, als erlaubt war.

Die zuständigen Beamten hatten es mit den Sicherheitsvorschriften eben nicht so genau genommen.

Beim Wiederaufbau von Roombeek wurden mehr als 3000 Meinungen gesammelt und berücksichtigt.

"Große Teile des Viertels sind buchstäblich am Küchentisch entstanden", erzählt van Snellenberg. Dabei kam es oft zu knallharten Verhandlungen, wobei die zukünftigen Bewohner das letzte Wort behielten. Dass Pi de Bruijn den Bach wieder ausgraben wollte, der jahrzehntelang unterirdisch verlaufen war, dagegen hatten die wenigsten etwas einzuwenden.

Die Reste alter Textilfabriken hingegen, die de Bruijn als Industriedenkmäler gerne hätte stehen lassen, wurden auf Wunsch der Bürger abgerissen.

Beim Balen-Gebäude allerdings, einem alten Baumwolllager, konnte sich der Architekt durchsetzen:

Dort eröffnete inzwischen das Jan-Cremer-Kulturzentrum.

Radikal umdenken mussten vor allem die Wohnungsbaugesellschaften:

Denn bei der Planung der Mietwohnungen durften die zukünftigen Bewohner selbst bestimmen, wo sie ihre Küche, wo sie das Bad haben wollten oder wie groß das Kinderzimmer ausfallen sollte. Die Gestaltung der Eigentumswohnungen und Privathäuser stand sogar völlig im Zeichen dieses "wilden Bauens":

Die Besitzer mussten sich an Basisbedingungen wie Höhe und Breite halten, hatten aber sonst freie Hand.

Struktur bekommt das neue alte Viertel durch zwei sich kreuzende Hauptachsen. Die prachtvollste ist die Museumlaan, wo neben Bolles + Wilson mit ihrem Streifenhaus auch andere bekannte Architekten wie Erick van Egeraat, Cino Zucchi oder Benthem und Crouwel modernistische Vistenkarten hinterlassen haben. Die Allee verbindet das neue Musikzentrum in der Innenstadt mit dem "Kultur-Cluster" von Roombeek: Der von Bjarne Mastenbroek gestaltete Komplex besteht aus einer Artothek, Ateliers sowie drei Museen.

Ebenfalls direkt am Achsenkreuz liegt ein imposantes Gesundheitszentrum, das die Amsterdamer Architekten Claus + Kaan pyramidenartig aber mit abgerundeten Ecken gestaltet haben.

Dritte im Bunde an dieser Schnittstelle sind ihre Kollegen Hübner- Forster aus Baden-Württemberg:

Sie haben hier ein Bürgerzentrum realisiert mit Sporthallen, Theater, Jugendclub und Schulen.

"Das ist toll geworden!", lobt Jacqueline Buisman. Die 38-Jährige ist in Roombeek geboren, aufgewachsen - und zurückgekehrt.

40 Prozent der alten Bewohner haben die Rückkehr gewagt. Verglichen mit anderen städtischen Sanierungsprojekten ist das viel.

Gestreifter Blickfang: die von Bolles + Wilson entworfene Villa in Enschede-Roombeek

Bürgermitbestimmung wurde groß geschrieben beim Wiederaufbau des Stadtviertels Roombeek

Imposant: Gesundheitszentrum vom Amsterdamer Architekturbüro Claus + Kaan

Orginell: Privathaus, geplant von Benthem und Crouwel

Spitzer Winkel: Bürgerzentrum von Hübner-Forster

KERSTIN SCHWEIGHÖFER