Ausgabe: 04 / 2008

"Seit Wochen auf den Tag gefreut"

Service: Gratisbus bringt niederländische Senioren ins Museum

Erwartungsvoll steigt Nel Matot aus dem Bus. Ihren Stock hat die alte Dame aus dem nordholländischen Boskoop vorsichtshalber mitgenommen, auch wenn sie noch recht rüstig ist: "In zwei Monaten werde ich 90", meint sie und geht vorsichtig die Stahltreppe herunter, die wie eine Flugzeugtreppe an den Bus gerollt wer den kann. In einem Museum war Mevrouw Matot vor 26 Jahren zum letzten Mal. Aber heute wird sie in Amsterdam gleich zwei Institute besuchen: erst die Dependance der Sankt Petersburger Eremitage an der Nieuwe Herengracht, dann das Rijksmuseum:

"Seit Wochen habe ich mich auf diesen Tag gefreut!" Möglich wird er durch den "Museum Plus Bus", eine Initiative, für die sich sieben niederländische Museen zusammengeschlossen haben: neben dem Rijks museum und der Eremitage auch das Van Gogh Museum und das Jüdisch-Historische Museum, beide ebenfalls in Amsterdam.

Auch das Mauritshuis in Den Haag, das Cobra Museum in Amstelveen und das Kröller-Müller in Otterlo machen mit. Ziel der Aktion: Menschen über 55 - "55-plussers", wie sie in den Niederlanden genannt werden - über die Museumsschwellen zu locken.

Dabei geht es vor allem um Bewohner von Alters- und Pflegeheimen, die gehbehindert sind oder sich nicht allein aus dem Haus trauen: "Wir wollen diesen Menschen einen Museumsbesuch ermöglichen", sagt Mitinitiator Joël Cahen, Direktor vom Jüdisch- Historischen Museum. Der Museum- Plus-Bus hat Stauraum für Rollstühle, Gehhilfen und ist neben der Stahltreppe auch mit einem Rollstuhllift ausgestattet.

Finanziert wird die Initiative mit einer Million Euro pro Jahr von der BankGiroLoterij, einer Lotterie für wohltätige Zwecke.

Der Betrag reicht für 250 Fahrten jährlich mit maximal 45 Teilnehmern pro Fahrt, inklusive Kaffee und Kuchen zur Begrüßung, Mittagessen und Führung. "Wir waren schon Ende Januar völlig ausgebucht und hatten Anfragen für mehr als 500 Fahrten", erzählt Reiseleiter Henk de Winter von der "Museum Plus Bus"-Stiftung, als er seine Gruppe in den ersten Stock der Eremitage lotst. Dort wartet bereits eine Kunsthistorikerin für eine Führung durch die Ausstellung "Art Nouveau unter den letzten Zaren". Auch die Nachfrage für diese Fahrt mit Mitgliedern des katholischen Seniorenbundes in Boskoop sei viel zu hoch gewesen: "Wir mussten losen, um auf 45 Teilnehmer zu begrenzen." Die sind begeistert: "Interessant und gesellig", befindet die 83-jährige Wilhelmina van der Kooij und bestaunt zwei prächtige Orchideenvasen, mit denen Émile Gallé einst Zarin Alexandra erfreut hat. Und die 78-jährige Jo Luitjes erklärt: "Ich würde öfter in ein Museum gehen, aber Städte wie Rotterdam oder Amsterdam jagen mir Angst ein. Da ist es toll, dass es diesen Bus gibt." Ist die Hemmschwelle erst gesenkt, beschließen manche Senioren auf eigene Faust, zu zweit oder zu dritt, zurückzukommen.

Auch Frau Luitjes hat nach dem Besuch ihre Angst verloren: "Ich war nicht zum letzten Mal hier."

Kasten:

Der Grafiker Christoph Aeppli hat dem Museum Tinguely in Basel 43 Bronzeskulpturen seiner Schwester Eva Aeppli geschenkt.

Sie war in erster Ehe mit dem Schweizer Künstler Jean Tinguely verheiratet. +++ Das massenhafte Verkleistern von Hamburger Backsteinfassaden zwecks Wärmedämmung (art 12/2007) zu stoppen, fordern zehn Institutionen - darunter die Hamburgische Architektenkammer sowie die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung - in einem Memorandum von der Politik. Die Experten fürchten um den traditionellen Charakter Hamburgs als Backsteinstadt. +++ Bis Mitte April bleiben Teile des Obergeschosses im Berliner Bode- Museum geschlossen. Der Grund: Das 2005 verlegte Parkett ist von holzfressenden Käfern befallen. Um die Schädlinge zu töten, wird der Boden stückweise mit mobilen Geräten auf 60 Grad erhitzt.

Die Gehhilfen sind ausgepackt, der Museumsbesuch kann starten

KERSTIN SCHWEIGHÖFER

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