Ausgabe: 04 / 2008

Studio

Thesen, Trends und Trash

Kasten: EINE LISTE Wie meinen? - kryptische Ausstellungstitel 2008 1. Christine Hill - Volksboutique Official Template Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen, Berlin 2. Peter Tollens Orange Red White Gray Green Paintings Margarete Roeder Gallery New York 3. Ein hallescher Kosmos auf Einheitsformat Kunstverein Talstraße, Halle/Saale 4. Das Heilige Grab und die Wahre Länge Christi Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd 5. Jens Andres. Von Mäusen und Möpsen - Installative Malerei Kunstverein Friedberg 6. Aernout Mik - Shifting Shifting Kunstverein Hannover 7. Luis Gordillo: Iceberg Tropical Kunstmuseum Bonn 8. Cuboid. Thomas Ganzenmüller.

Shoeashore Legasea Kunst verein Braunschweig 9. Der Wal oder Artisten in der Zirkuskuppel Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig 10. Pneuma Monoxyd Skulpturenmuseum Glaskasten Marl 11. Aglaia Konrad: Sculpture House, Boeing Over & Undecided Frames Nord/LB Art Gallery Hannover 12. Vom Grotesken zur Grotteske.

Zur Aktualität des Ornaments MAK, Wien 13. Andreas Hentrich und Herbert Linden. Neues auf der Bildfläche Galerie Skala, Köln 14. Fick die Fläche, Raum ist betretbar Galerie Vera Gliem, Köln

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STILKRITIK Immer wieder bestätigt auch der Kunstbetrieb das Klischee von der "Servicewüste Deutschland". Ein besonders krasses Beispiel rüder Ansprache: Céline und Heiner Bastians neues Galeriehaus gleich an der Berliner Museumsinsel mit seiner reichen Auswahl an selbst gebastelten Verbotsschildern und Gebotstafeln - bloß weil ein Museum in Preußen steht, ist es doch kein Kasernenhof!

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67,4 Jahre alt wurden Bildhauer im Durchschnitt zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert. Das hat der amerikanische Pharmazie- und Biomedizin-Professor Philipp Greenspan von der University of Georgia herausgefunden, als er 460 Künstlerlebensläufe aus dieser Zeit verglich. Er glaubt, dass die an spruchsvolle körperliche Arbeit zu der hohen Lebenserwartung führte. Maler hingegen, die sich weniger bewegen und auch oft mit bleihaltigen Farben hantierten, starben früher - nämlich schon mit 63,6

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Wenn man nett ist, nennt man diese Sonderform der Gattung Graffiti:

"Guerilla-Embroidery" - wenn nicht: Street Art für Mädchen. Erfunden hat den neuen Ein-Personen-Trend die junge schwedische Künstlerin Ulrika Erdes. Unermüdlich beackert sie Bus- und Zugsitze mit niedlichen Motiven im kindlichen Kreuzchenstich. Auf ihrer Webseite können Trittbrettfahrer umsonst Sticksets mit Mustern anfordern: www.ulrikaerdes.se

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KLEINE ENZYKLOPÄDIE DER KUNSTKLISCHEES (11)

Malerfürst, der: m., [von ahd. furisto, der Erste, der Vornehmste], ein aus dem dt. Adelssoziolekt entlehntes Kompositum, das urspr. die Herrschernähe einz. Hofmaler charakterisierte, mittlerweile aber einen Künstlertypus meint, der v.a. durch selbstherrliches, egozentrisches Gebaren auffällt. M. imitieren obsessiv Stil und Statussymbole des Hochadels: Gehrock, Gehstock, Siegelring und Landschloss. Ein gew. Maß an Alter u. Erfolg sind für die glaubh. Verkörperung eines M. unbed. erforderlich, da die neue Identität 1. kostspielig ist und 2. schnell ins Lächerliche gleitet.

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Ein Weltwunder à la Semiramis zu Babylon ist das vielleicht nicht, aber Mona Hatoum nennt ihre grellgrün sprießende Installation aus Jutesäcken, Erde und Gras trotzdem Hängender Garten. Vielleicht hat die im Libanon geborene und in London und Berlin lebende Britin mit ihrem neuesten Werk sogar einen international patentierbaren Coup gelandet: ein vielfältig einsetz- und ausbaubares Stapelsystem zur Landgewinnung und Deichbefestigung in Hochwassergebieten.

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DIE ART-HOME-STORY ( 9 )

Zu Gast bei Marc Brandenburg Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Trolli Glotzer Diese Bonbons in Form von Augäpfeln könnten aus Kubricks "A Clockwork Orange" stammen. Faszinierend, was für ein Verpackungsaufwand bei so einem Trashprodukt betrieben wird. Eigentlich sollte es nicht bei Kaiser's im Regal landen, sondern ausgestellt werden.

Bücher Meistens lese ich mehrere parallel:

Die "Philosophy of Andy Warhol (From A to B & back Again)". Mit "Helter Skelter" über Charles Manson bin ich gerade fertig, dann noch "Gilbert & George - Intimate Conversations with François Jonquet", Diederichsens "Sexbeat" und das "Fotofehler- Buch" von Kurt Fritsche.

Plastik-Pitbull Dieses brutale, knurrende Spielzeug, das einem in die Finger beißt, war ein beliebtes Modell für einige meiner früheren Zeichnungen. Es tauchte vor ein paar Jahren plötzlich auf dem Höhepunkt der Kampfhunde- Hysterie auf. Damals las man ständig über angefallene, verletzte Kinder in den Zeitungen.

Sessel Dieser Sessel als grüne Hand ist ein Geschenk von einem guten Freund. Er hatte ihn irgendwann mal in einem türkischen Kaufhaus in Kreuzberg gefunden. Ich sitze total gern zum Nachdenken darin. Meistens rauche ich dabei dann auch ein paar Zigaretten.

Vinyl In letzter Zeit tendiert der Stil meiner Arbeiten von der Gegenständlichkeit immer mehr hin zur Abstraktion. Mit diesen Platten verhält es sich ähnlich: Bei "Animal Collective" und "Black Dice" wandeln sich Beach-Boys-Harmonien zu monotonen Noise-Klangteppichen und umgekehrt.

Derzeit sieht es in der Guggenheim- Spirale aus, als seien neun explodierende Autos in Zeitlupe erstarrt: Die Installation "Inopportune: Stage One" (2004) ist Teil der Retrospektive "I Want to Believe" des chinesischen Künstlers Cai Guo-Qiang. Der 50-Jährige ist neben Pyrotechnik auch auf ausgestopfte Tiere spezialisiert, daher die Wölfe im Hintergrund. Die Schau ist bis 28. Mai in New York zu sehen (siehe auch das Thomas-Krens-Interview Seite 50).

Bescheidenheit ist eine Tugend? Nicht in Stefan Sagmeisters Welt. Sein Motto lautet "Self-confidence Produces Fine Results" (Selbstbewusstsein erzielt gute Ergebnisse). Auf einer Wand aus 10 000 Bananen verkündete der österreichische Grafikdesigner dies kürzlich bei Deitch Projects in New York. Doch die Botschaft war widersprüchlich: Nach ein paar Tagen wurden die Bananen braun, dann schwarz, die Schrift war nicht mehr zu lesen. Mehr Infos: www.sagmeister.com

Jede gute Show braucht ein Drehbuch - auch eine Vernissage. Dies hier ist eine Rohbauwand in der neuen Berliner Filiale der Galerie Gebr. Lehmann in der Kreuzberger Lindenstraße. Mit dem Bleistift wurde dort der Countdown zum Eröffnungsabend der ersten Ausstellung - Arbeiten von Eberhard Havekost - hingekritzelt.

Ein kleines Kompendium über das Showbusiness Kunst: Von banalen Dingen wie ein "Elektriker" und "Bohrmaschine kaufen <300" über den dann schon wichtigeren Hinweis "Kühlschränke befüllen" geht es hin zum Entertainment.

"15.00 DJ Technik Ankunft" ist zentral - wann gab es zuletzt eine Eröffnung ohne DJ? Ebenso unverzichtbar:

"17.30 Mädels (schick)" bzw. "39. Wann Mädels (was machen)". Rätselhaft bleiben die Programmpunkte "38. Hot Dog" und "22. Nasebohren".

Mit ruhiger Hand schrieb André Breton vor 84 Jahren eines der bedeutendsten Zeugnisse der Moderne nieder: das Manifest des Surrealismus. Am 20. Mai lässt es die Familie seiner ersten Frau Simone Collinet mit weiteren Manuskripten und aus Zeitungsausschnitten zusammengeklebten "Poèmes Collages" bei Sotheby's versteigern - Schätzpreis 300 000 bis 500 000 Euro. Wahrscheinlich wird das Manifest dann leider wieder in privater Versenkung verschwinden und nicht den Weg in ein Museum finden, wo es eigentlich hingehörte.

Jawohl! Bei Heiner Bastian muss man nicht zwischen den Zeilen lesen können, um die Hausordnung zu kapieren

Bei der Arbeit: Guerilla-Stickerin Ulrika Erdes setzt ihre Duftmarken in öffentlichen Verkehrsmitteln in Kreuzstich

Mimikry: Malerfürst Markus Lüpertz (links), Fürst von Bismarck

Mona Hatoums neustes Werk:

"Hängender Garten" (2008, 113 x 90 x 315 cm)

Der Zeichner Marc Brandenburg, 42, in seinem Berliner Atelier. Kontakt: www.cfa-berlin.com

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