Ausgabe: 04 / 2008
Seite: 50-54
Neues Glück in der Wüste
Von Ute Thon
Auch wenn Thomas Krens jetzt den Chefsessel des Guggenheim-Imperiums räumt, der expansionsfreudige Kunstvermittler hat noch Großes vor - zum Beispiel ein Megamuseum in Abu Dhabi. art hat ihm vor Ort über die Schulter geschaut
Thomas Krens tritt ab! Das war dann doch eine ziemlich große Überraschung. Zwar stand der mächtige Guggenheim-Chef, der seit 20 Jahren das New Yorker Museumsimperium leitet, immer wieder unter Beschuss. Aber entweder hatte er seine Kritiker bekehrt oder einfach links liegen gelassen. Mal sorgte sein laxer Umgang mit Stiftungskapital und Kunstschätzen für Aufregung, mal sein tollkühner Expansionsfeldzug, mal sein selbstherrlicher Führungsstil (art 3/2003). Doch alle Vorwürfe perlten von ihm ab wie Wasser vom Otternpelz.
Die letzte Schlacht gewann Krens, 61, vor drei Jahren: Als Peter B. Lewis, damals Vorsitzender des Guggenheim- Verwaltungsrats und Millionenspender des Museums, den umtriebigen Direktor zu mehr Sparsamkeit und Konzentration auf die Museumsgeschäfte im New York verpflichten wollte, holte sich Krens einfach ein paar bessergesonnene Mitglieder in den Verwaltungsrat.
Schließlich legte Lewis entnervt sein Amt nieder. Letztes Jahr kündigte dann auch Lisa Dennison, die geschäftsführende Direktorin des Guggenheim New York und Krens lang jährige Vertraute.
Jetzt also nimmt der visionäre Museumsmann, der ein exzentrisches Ausstellungshaus für abstrakte Kunst zum globalen Markennamen machte, seinen Hut. Natürlich geht auch das nicht ohne große Geste. Krens bleibt "Senior Advisor for International Affairs" der Guggenheim-Stiftung und wird ihr vielleicht größtes Projekt weiter vorantreiben: das Guggenheim-Abu Dhabi, ein 42 000 Quadratmeter großer Museumskomplex auf Saadiyat Island, der "Insel des Glücks", in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Kurz vor seinem Rücktritt traf art Thomas Krens zur Besichtigung der 27 Quadratkilometer großen Wüsteninsel vor der Küste Abu Dhabis.
Noch besteht sein künftiges Wirkungsfeld nur aus schmutziggrauem Sand, ein paar schäbigen Militärbaracken und einer einzigen mickerigen Palme am Strand. Doch bereits 2012 soll hier eine gigantische Guggenheim- Filiale eröffnen, entworfen von Frank Gehry. Außerdem sind spektakuläre Museumsbauten von den Stararchitekten Norman Foster, Jean Nouvel und Tadao Ando, eine futuristische Konzerthalle von Zaha Hadid und 19 avantgardistische Ausstellungspavillons für eine Kunstbiennale à la Venedig geplant, dazu Fünf-Sterne-Hotels, Luxusvillen und Golfplätze. "Die weltgrößte Ansammlung von kulturellen Wertanlagen", so verkündet ein Prospekt der Tourismusbehörde Abu Dhabis, soll in zehn Jahren fertig sein.
Krens hat den Masterplan mit entwickelt.
Finanziert wird das Milliardenprojekt von der Regierung Abu Dhabis. Der Wüstenstaat mit nur 1,6 Millionen Einwohnern verfügt über fast 10 Prozent der weltweiten Erdölvorkommen und hat mit rund 47 000 Dollar das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Abu Dhabis Herrscher wollen vorsorgen für die Zeit, wenn der Ölreichtum einmal versiegt. Dazu gehört neben der Ansiedlung neuer Wirtschaftsbranchen, Bank- und Serviceunternehmen auch Tourismus. Anders als das Nachbar-Emirat Dubai, das mit schrillen Themenparks und Shopping Malls lockt, setzt Abu Dhabi auf Hochkultur. Neben dem Guggenheim Museum hat die Tourismusbehörde auch einen Multimillionen-Dollar- Deal mit dem Louvre geschlossen.
In Paris stieß die Idee, Teile des nationalen Kulturerbes an den persischen Golf auszulagern, auf heftigen Protest.
Wenn es um Fragen zum Programm der neuen Museen in Abu Dhabi geht, reagiert auch Thomas Krens empfindlich. Es soll nicht der Eindruck entstehen, es handele sich bei dem Glücksinsel-Projekt um ein schnödes Geldgeschäft: Petrodollar gegen Westkunst.
Fest steht, dass Abu Dhabi bei seinen kühnen Museumsträumen auf die Kunst anderer Länder angewiesen ist. Noch gibt es in der Stadt nur zwei verstaubte Museen mit archäologischen Funden und Volkskunst aus der Region. Seit neuestem trifft sich die Kultur- und Politprominenz im Emirates Palace. Das goldüberladene Luxushotel hat auf Krens' Betreiben Galerieräume eingerichtet, in denen auch das Saadiyat-Island-Projekt präsentiert wird. Allein das Modell des zukünftigen Guggenheim Museum wiegt 2,5 Tonnen.
Hier sieht man nun Königin Raina aus Jordanien mit ihrem Hofstaat vorbeischweben oder den britischen Prinzen Andrew auf dem Weg zum "World Future Energy Summit". Zur Vernissage der ersten großen Ausstellung mit islamischer Kunst - "The Arts of Islam - Treasures from the Nasser D. Khalili Collection" -, sind alle wichtigen Leute erschienen, Scheichs in blütenweißen Dischdaschas, schwarz verschleierte Prinzessinnen, Banker, Botschafter - Thomas Krens mittendrin: Er schüttelt Hände, macht Smalltalk, zeigt Präsenz.
Schließlich weiß er, wie schnell scheinbar wasserdichte Projekte sinken können. Große Pläne für Guggenheim- De pendancen in Salzburg, Shanghai oder Rio de Janeiro sind unter seiner Regie gescheitert.
Das folgende Gespräch fand Ende Januar, also noch vor Krens' Rücktritt, im Emirates Palace Hotel statt. Wohl auch deshalb mochte er sich zu Personalfragen partout nicht äußern. Dafür erkundigte er sich nach fähigen deutschen Museumsleuten und wollte unbedingt wissen, wie viel Städel-Direktor Max Hollein verdient. art: Sie planen hier ein 42 000 Quadratmeter großes Museum - das größte Guggenheim der Welt. Warum gerade in Abu Dhabi?
Thomas Krens:Warum nicht? In einer Welt, die zunehmend global funktioniert, ist es ein Dünkel zu glauben, zeitgenössische Kunst sei das exklusive Eigentum Europas und des Westens.
Auch in Asien, Afrika oder im Mittleren Osten werden wichtige kulturelle Aussagen gemacht. Kultur kann ein Mittel sein, trennende Gräben der Verständigung zu überbrücken. Die Entscheidung, ein Guggenheim Museum in Abu Dhabi zu bauen, eröffnet uns die Möglichkeit, neu zu definieren, was ein Museum heute sein könnte. Die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen und sich mehr abzugrenzen könnte fürchterliche Konsequenzen haben.
Welche Konsequenzen meinen Sie?
Es geht ums langfristige Überleben und um dauerhafte Relevanz. Wenn wir hier Erfolg haben, können wir eine Plattform für globale Kultur werden - mit einer Betonung der hiesigen Traditionen, von denen wir einiges lernen können. Die islamische Kultur des achten, neunten Jahrhunderts war eine der fortschrittlichsten wissenschaftlichen und künstlerischen Kulturen der Welt.
Ist es nicht merkwürdig, dass sich so eine bedeutende Kultur jetzt die Museen aus dem Westen holt?
Das ist kein Kulturkrieg. Es geht um den Transfer von Informationen und Technologie. Dieser Teil der Welt genießt die Vorzüge eines außergewöhnlich reichen Reservoirs an natürlichen Rohstoffen und hat intelligente Entscheidungen getroffen, diese Reichtümer einzusetzen. Es gibt hier keine kulturelle Infrastruktur, keine Kunstmuseen oder Konzertsäle. Aber das eröffnet auch neue Möglichkeiten.
Schauen Sie sich doch mal in diesem Hotel um, sehen Sie das Konsumverhalten, die Automarken. Unsere Kulturen sind ähnlich und anders zugleich.
Ist das hier der Platz für völlig neue Museumskonzepte?
Ja und nein. Zu sagen, etwas sei völlig neu, ist ein Klischee. Keines dieser Museumsmodelle ist komplett neu. Aber es wird neue Erzählweisen geben, andere Ausdrucksformen und Präsentationen.
Ein Beispiel: Im Guggenheim Museum in New York läuft gerade eine Ausstellung des chinesischen Künstlers Cai Guo-Qiang. Er ist für seine großformatigen Papierarbeiten mit Sprengstoffspuren bekannt. Nun könnte man sagen, er macht etwas völlig Neues.
Aber er ist ja nicht der erste Künstler, der Gebrauchsgegenstände in sein Werk integriert. Wissen Sie übrigens, wer der Kurator dieser Schau ist?
Sie vielleicht?
Gut geraten. Cai Guo-Qiang simuliert in der Guggenheim-Rotunde eine Explosion mit neun Autos. Die Fahrzeuge hängen von der Decke und sind mit Fiberglasfasern bestückt, so dass es aussieht, als sprühten Funken aus den Autos (siehe Seite 7).
Sind explodierende Autos heutzutage nicht ein ziemlich kontroverses Bild?
Ich weiß nicht, ob das so interpretiert wird. Könnte sein.
Was werden Sie denn im neuen Guggenheim Abu Dhabi zeigen?
Wollen Sie jetzt, dass ich Namen nenne?
Das wäre schön.
Statt zu antworten, bittet Krens, das Tonband auszuschalten. Erst dann deutet er an, wie sensibel die Verhandlungen und Machtverhältnisse in Abu Dhabi sind. Er möchte nicht den Eindruck erwecken, als spiele er sich zum Sprecher des Saadiyat-Island-Projekts auf. Noch ist er offiziell nur Berater.
Also wechseln wir das Thema.
Sie haben schon viele Guggenheim- Projekte geplant, die wenigsten wurden je gebaut. Ist die Realisation reine Glückssache?
Ich glaube nicht an Glück. Das ist eine Frage mathematischer Spieltheorie.
Das Guggenheim Bilbao war ein enormer Erfolg. Sagen wir mal, 100 Städte wollten diesen Erfolg nachahmen - das wären zu viele für uns. Also entwickelt man einen strategischen Plan, um die aussichtsreichsten Standorte herauszufiltern. Als globale Institution sollten wir besonders in Asien, Afrika, Lateinamerika und dem Mittleren Osten aktiv sein. Dagegen interessieren uns Vorschläge aus den USA oder aus Europa nicht sonderlich, weil wir dort schon eine große Präsenz haben. Damit fallen schon mal über die Hälfte raus. Dann schaut man sich die verbleibenden Orte an. Ist es die verrückte Idee irgendeines Bürgermeisters ohne Geld aus einem kleinen Dorf in Portugal? Vergiss es! Am Ende bleiben vielleicht zehn Kandidaten übrig.
Mit denen setzt man sich hin und geht die Kosten durch - Machbarkeitsstudie, Baukosten und natürlich die Zahlungen an uns. Wir wissen inzwischen sehr genau, was unsere Expertise wert ist. Damit schrumpft das Feld auf vielleicht vier potenzielle Projekte. Jetzt bleibt die Frage: Gibt es dort die notwendigen Ressourcen und würdige Vertragspartner?
Wer ist ein würdiger Partner?
Entweder ein Politiker oder ein finanzkräftiger Bauherr. Doch Geld allein ist keine Garantie. In der Presse werde ich immer wieder kritisiert, wenn ein Projekt wie Rio de Janeiro durchfällt.
Es wird als Fehlschlag verbucht. Ich habe dadurch politisches Kapital und Glaubwürdigkeit verloren. Denn du bist immer nur so gut wie dein letzter Erfolg.
Sie werden oft dafür kritisiert, mehr an Expansionsplänen interessiert zu sein als an Kunst.
Mein Verständnis von Kunst und ihrer Durchdringung unserer Gesellschaft ist profund. Dabei fühle ich mich allerdings nicht an die Grenzen des traditionellen akademischen Diskurses gebunden. Die beste Art, ein Kunstwerk zu schützen, wäre doch, es in eine klimakontrollierte Box zu packen, die Tür zu verschließen und niemanden reinzulassen. In dem Moment, wo man Kunst öffentlich ausstellt, setzt man sie einem Risiko aus. So gesehen steht jedes Museumskonzept dem Gedanken reiner Kunstbewahrung entgegen.
Aber es gehört nun mal zu unseren Aufgaben, Kulturgeschichte - und ich sehe Kunst als wichtigen Geschichtenerzähler - einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen, zum Wohle aller.
In der islamischen Welt ist man auf amerikanische Kultur gerade nicht sonderlich gut zu sprechen. Die USRegierung mahnt Reisende in die Vereinigten Arabischen Emirate zu extremer Vorsicht. Das Risiko von Terroranschlägen auf amerikanische Einrichtungen wird als sehr hoch eingeschätzt. Warum wollen Sie Ihr Museum überhaupt in so eine feindselige Gegend bringen?
Meinen Sie, wir hätten hier mehr Feinde als seinerzeit im Baskenland? Dort wurden zwei Typen gefasst, die versucht hatten, 12 Granaten ins Guggenheim Bilbao zu schmuggeln. Ein Polizist wurde bei der Festnahme getötet.
Hier in Abu Dhabi habe ich mich intensiv mit US-Botschafterin Michele J. Sison beraten. Aber Sicherheitsfragen waren nie ein Thema. Wenn man Kultur nicht einem gewissen Risiko aussetzt, wozu ist sie dann gut? Wer nichts riskiert, wird auch niemals belohnt.
Waren Sie überrascht, als Lisa Dennison das Guggenheim verließ und einen Job bei Sotheby's annahm?
Ja und nein.
Wer wird Ihre Nachfolgerin?
Wir suchen immer noch. Wen sollten wir Ihrer Meinung nach anheuern?
Max Hollein vielleicht. Der war doch mal ihr Assistent.
Wir sollten ihn fragen. Was verdient ein europäischer Museumsdirektor eigentlich?
Eine Million, eine halbe Million Dollar?
Weitaus weniger. Aber wo wir schon mal dabei sind: Was verdient eigentlich der Direktor des Guggenheim?
Das darf ich leider nicht sagen.
Kasten:
Lesen Sie weiter, wie Krens mit Joseph Beuys einen Berg Kaviar und fünf Kaninchen verspeiste. Das komplette Interview auf: www.art-magazin.de/krens
Bleibt nicht im Regen stehen: Thomas Krens im Januar 2008 in Abu Dhabi
Neu definieren, was ein Museum sein könnte: Thomas Krens mit den Kuratorinnen Nancy Spector, Carmen Giménez und Suzanne Pagé (von links) auf Saadiyat Island
"Es geht ums langfristige Überleben und dauerhafte Relevanz. Wenn wir mit dem Museum hier Erfolg haben, können wir eine Plattform für globale Kultur werden"
KULTUROASE Schon 2012 sollen die ersten Museen auf Saadiyat Island eröffnen. Der vordere Teil der 27 Quadratmeter großen Wüsteninsel vor Abu Dhabi ist als Kulturdistrikt mit verschiedenen Ausstellungshäusern geplant. Das größte davon ist mit 42 000 Quadratmetern Gehrys Guggenheim Abu Dhabi (links vorne), in Strandlage daneben Nouvels Kuppelbau für den Louvre (rechts unten), Hadids Konzerthalle (Mitte) und Tadao Andos Meeresmuseum (rechts oben)
Thomas von Arabien: Krens mit Restaurantmanager Zakarya Charaf im Emirates Palace Hotel
"Wenn man Kultur nicht einem gewissen Risiko aussetzt, wozu ist sie dann gut? Wer nichts riskiert, wird auch niemals belohnt"
art-Redakteurin im Gespräch mit Thomas Krens in Abu Dhabi: "Wollen Sie jetzt, dass ich Namen nenne?"
