Ausgabe: 04 / 2008
Seite: 18-31

Das Treffen der Generationen - Schau ohne Schatten

Von Kito Nedo

Zur fünften Berlin-Biennale, die in diesem Monat beginnt, kommen viele ganz junge Künstler - und einige Veteranen, deren Werk nun wiederentdeckt wird. art stellt vorab die interessantesten von ihnen vor

Kasten: CEZARY BODZIANOWSKI Nicht schlecht staunten die Bewohner der oberen Stockwerke eines Wohnhauses in der polnischen Stadt Lodz, als jemand an einem Sommermorgen des Jahres 1997 gegen sieben Uhr an ihr Fenster klopfte. Draußen in der Kanzel eines Hebebühnenwagens wünschte ihnen ein untersetzter junger Mann mit akkurat getrimmtem Chaplinbärtchen fröhlich einen guten Morgen. Wer diese Person war und warum sie sich gerade dieses Haus für ihre morgendliche Fassadentour ausgesucht hatte, wusste niemand. Bis heute kündigt der 1968 geborene Bodzianowski nur gelegentlich Ort und Zeit seiner dadaistisch anmutenden Mini-Intervention an - meistens klinkt er sich einfach in Alltag und Öffentlichkeit der von ihm besuchten Städte ein. Mit diskret-skurrilen Aktionen gelingt es ihm, geschäftige Großstädter für kurze Zeit aus Ihrer Routine zu reißen. Mittlerweile gehört Bodzianowski zu den bekanntesten zeitgenössischen Künstlern Polens.

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TRIS VONNA-MICHELL Einer Sprech-Performance des Engländers Tris Vonna-Michell beizuwohnen ist so, als beobachte man einen Menschen mit eingebauter Fast-Forward-Funktion.

Scheinbar mühelos kann der schlaksige junge Mann mit Schiebermütze die Geschwindigkeit seines Redeflusses steigern, ohne dass sich seine Stimme je überschlagen würde.

Alltägliches, Zeitgeschichte, Erlebtes und Ausgedachtes verwebt der 1982 geborene britische Performer zu einer kunstvollen Rede. Mal lässt er während des Vortrags in der Manier von Schautafeln nach und nach einen Packen DIN-A4- Kopien zu Boden fallen, mal ähnelt seine Performance jenen Power-Point-Vorträgen, deren dramaturgische Eigengesetzlichkeiten Vonna-Michell lustvoll zu einem fesselnden, absurden Theater überformt.

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HARITON PUSHWAGNER Er zählt zu den erratischen Figuren der zeitgenössischen Kunst Norwegens. Sein bürgerlicher Name ist Terje Brofoss; das Pseudonym Hariton Pushwagner legte sich der Künstler in den siebziger Jahren mit ironischer Hippie-Geste zu. Die großformatigen Bilder und die am Comic geschulten Zeichnungen des 1940 geborenen Künstlers zeigen die westliche Kultur in grotesker Überzeichnung: Totalitär verwaltete Städte, ein von Massenroutinen bestimmter Alltag und die Allmacht der elektronischen Medien drohen die Menschen zu ersticken. Seine in den sechziger Jahren begonnene und bis heute unvollendete grafische Novelle "Soft City" gehört zu den Hauptwerken Pushwagners, der sehr zurückgezogen arbeitet.

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KATER? INA ŠEDÁ Die 1977 geborene Šedá mobilisiert die geheimen Kräfte des Sozialen - ob sie nun eine mehrmonatige Beschäftigungstherapie für ihre schwermütige Großmutter ersinnt oder die Bewohner eines Dorfes dazu bringt, an einem bestimmten Samstag zur selben Zeit das Gleiche zu tun. Für Ihren Beitrag zur Documenta 12 ließ sie 1000 Hem den mit einem von ihr entworfenen Muster herstellen, um diese per Post in der Plattenbausiedlung Nová Líšen? in der Peripherie ihrer tschechischen Heimatstadt Brünn zu verteilen. Als Absender gab sie andere Bewohner der Siedlung an - ein Anstoß zur Kontaktaufnahme.

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HARALD THYS & JOS DE GRUYTER Das filmische Universum des belgischen Künstlerduos Harald Thys und Jos De Gruyter (geboren 1966 und 1965) ist von zwielichtigen Gestalten bevölkert: mörderischen, aristokratischen Roboterwesen, dem yetiähnlichen Riesenpelztier Wiwi oder Kwik und Kwak, zwei menschengroßen Hamstermutanten, die in einem Zooschaufenster der Schaulust des Publikums preisgegeben sind. Mit kindlicher Begeisterung arbeiten sich Thys & De Gruyter so seit den frühen Neunzigern durch alle Arten von Grausamkeit und den Wahnsinn. Auch wenn es gerade die unheimlichen Filme und Videos sind, welche bislang die größte Beachtung brachten - das böse funkelnde Werk der beiden umfasst auch Zeichnungen, Klangkunst und Installationen.

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PAULINA OLOWSKA Modernismus und Feminismus sind die beiden großen Themen im Werk der 1976 im polnischen Danzig geborenen Künstlerin Paulina Olowska. Geschickt bedient sie sich der verschiedensten Medien wie Malerei, Collage, Video, Installation oder Performance; ihre Arbeiten kreisen oft um Orte, wo soziale Rollen festgeschrieben werden.

So verwandelte sie etwa mit "Metamorphosis" (2005) für das Städtische Museum Abteiberg in Mönchengladbach einen Raum des Museums in einen retrofuturistischen Friseursalon, die Vorlage stammte aus einer alten polnischen Zeitschrift.

Den Charakter einer konkreten Utopie trug der temporäre Betrieb einer Künstlerbar im Zentrum Warschaus mit dem klangvollen Namen "Nova Popularna" im Sommer 2003. Dort schenkte Olowska mit Ihrer Künstlerkollegin Lucy McKenzie selbst gebrannten Wodka und polnisches Zywiec- Bier an die einheimische und zugereiste Boheme aus.

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JANETTE LAVERRIÈRE "Ich war immer Avantgarde", sagt Janette Laverrière über ihre Arbeit als Gestalterin und Innenarchitektin.

Geboren im Jahr 1909 im schweizerischen Lausanne als Tochter des Architekten Alphonse Laverrière, ausgebildet an der Allgemeinen Gewerbeschule Basel und in der Werkstatt des Pariser Möbelkünstlers Emile-Jacques Ruhlmann, erfuhr die Designerin mit puristischen Objekten in den fünfziger und sechziger Jahren große Wertschätzung. Zur Massenproduktion gelangten ihre schlichten und eleganten Entwürfe freilich nie.

Obwohl die bekennende Feministin immer dafür kämpfte, erschwingliche und schöne Möbel für alle zu ermöglichen. Umso mehr ist die in den letzten Jahren einsetzende Laverrière-Renaissance zu begrüßen, die auch ihren poetischen Spiegelobjekten gilt, deren Gestaltung sich die Grande Dame der Pariser Designszene bis heute widmet. Die Berlin-Biennale rückt die skulpturalen Objekte nun in den künstlerischen Kontext.

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CYPRIEN GAILLARD Mit Gemälden, Collagen und Performances erregt der 1980 geborene französische Künstler Cyprien Gaillard seit einigen Jahren die Aufmerksamkeit im Kunstbetrieb. Für die Serie "Swiss Ruins" (2005) beauftragte er einen traditionellen Landschaftsmaler, Sozialwohnblocks in traditionelle Idyllen hineinzumalen. Im gleichen Jahr trieb er die Idee auf die Spitze, indem er Radierungen niederländischer Meister aus dem 17. Jahrhundert mit Ansichten von modernistischer Betonarchitektur kunstvoll ineinander montierte.

Hierzu passen auch seine wilden Performances, in denen er pittoreske Landschaften in bedrohlichen weißen Feuerlöscher-Nebelschwaden verschwinden lässt.

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DANIEL KNORR Fast hätte sich der künstlerische Beitrag "European Influenza" des 1968 in Bukarest geborenen Künstlers für den rumänischen Pavillon zur Venedig-Biennale 2005 zu einer kleinen Staatsaffäre ausgewachsen. Im Parlament musste Rumäniens Premierminister Ca? lin Popescu-Ta?riceanu besorgte Anfragen beantworten, und in der nationalen Presse zürnten die konservativen Kommentatoren. Dabei gab es buchstäblich gar nichts zu sehen. Knorr hatte das Bauwerk gänzlich leer gelassen, um die Aufmerksamkeit der Besucher auf seine Geschichte zu lenken. Als Dreingabe ließ der Künstler am Eingang 5000 zusammen mit dem Kurator Marius Babias herausgegebene Reader mit kunstkritischen und politischen Essays verteilen, um so seinem Konzept des "immateriellen Kunstwerks" Nachdruck zu verleihen. Denn die Kunst, so Knorr, findet in den Köpfen der Betrachter statt. "Erst durch die Rezeption des Publikums wird ein Werk lebendig."

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GABRIEL KURI Nichts würde wohl die Alpträume eines Buchhalters besser illustrieren, als manche Werke des 1970 geborenen mexikanischen Bildhauers Gabriel Kuri. Mit Vorliebe ordnet der Künstler Rechnungen, Kassenbons, Quittungen und Kreditkartenbelege nicht nach ihrem Datum oder dem Steuersatz, sondern nach ihrer Länge und Breite. Anschließend wird der Stapel mit Hilfe zweier unbehauener Felssteine fixiert und so Teil seiner obskuren Skulpturen. In anderen Arbeiten wiederum nutzt Kuri die Belege, die die immergleichen "Vorgänge" der modernen Existenz zwangsläufig mit sich bringen, als Vorlage für die Herstellung kostbarer handgewebter Gobelinteppiche aus Wolle und stellt so die Frage sowohl nach der Kunsthaltigkeit des Alltags, als auch nach der Alltäglichkeit in der Kunst.

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PATRICIA ESQUIVIAS Wie in einem audiovisuellen Puzzle fügen sich in den kurzen Videos von Patricia Esquivias viele Einzelteile zu einer Geschichte. Dabei scheint es der 1979 in Venezuela geborenen Künstlerin, die in England und Kalifornien Kunst studierte, eher darum zu gehen, den Zuschauer am Prozess des Erzählens teilhaben zu lassen, als hieb- und stichfeste Ergebnisse langwieriger Recherchen zu präsentieren. Meist kann der Zuschauer der Künstlerin buchstäblich über die Schulter schauen, während sie anhand von Bildern Zusammenhänge ergründet. Anekdotenhaft verknüpft Esquivias etwa in ihrer fortlaufenden Videoserie "Folklore" (ab 2006) das Zeigen von Bildern historischer Figuren und Traditionen der ehemaligen Kolonialmacht Spanien und das Sprechen darüber - eine Aufarbeitung der Geschichte in spielerischer, offener Form.

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SUSAN HILLER "Jede meiner Arbeiten beschäftigt sich mit Geistern", sagt die Londoner Konzeptualistin Susan Hiller über ihr mittlerweile 30 Jahre umfassendes künstlerisches Schaffen.

Geboren 1940 in Florida, siedelte sie Ende der Sechziger nach London über, wo sie begann, mit profanen Dingen Kunst zu produzieren. Oft sind es übersehene oder vergessene Objekte und Begebenheiten, die Hiller inspirieren. So widmete sie sich in "Monument", einer frühen Installation aus den Jahren 1980/81, den über die ganze Stadt London verstreuten Gedenkplaketten, die an jene Großstädter erinnerten, die ihr Leben bei dem Versuch verloren, ein anderes Leben zu retten.

Für das "J. Street Project" (2002/05) dokumentierte Hiller auf über 300 Fotografien und einem Film deutsche Straßen, deren Name das Wort "Jude" enthält.

In Paris spielte Bodzianowski 2005 absurde Situationen durch; hier tritt er mit Hundekragen im Jardin des Plantes auf

Der Künstler als Schnellsprecher: Performance von Tris Vonna-Michell 2007 im Cubitt, London

Düstere Stadtvision:

"Vertigo 23" (2006, 142 x 67 cm)

Anstoß: 1000 solcher Hemden ließ Šedá in der Siedlung Nová Líšen? verschicken - als Absender gab sie andere Bewohner der Siedlung an

Die Plattenbausiedlung Nová Líšen? am Rande von Brünn

Stills aus der Filmarbeit "Ten Weyngaert" (2007)

Fotoarbeit zum Thema Familie:

"Accidental Collages - About Family" (2004, 74 x 67 cm)

Lampe, entworfen in den fünfziger Jahren (Bronze, Höhe 75 cm)

Ein Pariser Wohnblock stürzt ein:

Stills aus dem Video "Desniansky Raion" (2007)

Hommage an Don Quijote:

Knorr setzte 2000 einer ehemaligen Rotterdamer Windmühle einen Propeller auf

Collage mit Tickets: "Ohne Titel (A 84)" (2007, 33 x 27 cm)

Skulptur mit Belegen: "Geschäftsjahr 2005-2006 (II)" (2006, 45 x 30 cm)

Still aus dem Video "Folklore #1" (2006)

Die Motive für diese Arbeit stammen von den Tarahumaras-Indianern im Norden Mexikos: ohne Titel (2008, 31 x 31 cm)