Ausgabe: 04 / 2008
Seite: 32-36
Rendezvous mit verlorenen Freunden
Von Heinz Peter Schwerfel
Als Rockmusikerin hat Patti Smith Kultstatus. Was dagegen nur wenige wissen: Die amerikanische Künstlerin und Weggefährtin Robert Mapplethorpes zeichnet und fotografiert seit über 30 Jahren. Jetzt sind ihre Bilder in der Fondation Cartier in Paris zu sehen
Patti Smith ist eine Ikone der amerikanischen Rockmusik, neben Lou Reed und John Cale die letzte Überlebende eines New Yorker Underground der frühen siebziger Jahre, als die Künste sich noch mischten, als Musiker zeichneten, Maler rockten und Fotografen Popstars wurden. Die 61-Jährige hat über vier Jahrzehnte hinweg ein ganz persönliches visuelles Universum aus Zeichnungen, Fotos, handgeschriebenen Gedichten und Clips aufgebaut.
Die Pariser Fondation Cartier, spezialisiert auf genreüberschreitende Ausstellungen zeitgenössischer Berühmtheiten, hat nach dem Philosophen Paul Virilio und dem Filmemacher David Lynch die Rockmusikerin um eine retrospektive Übersichtsschau gebeten. art-Korrespondent traf die Künstlerin bei den Vorbereitungen in Paris. art: Ich habe Ihnen einen 30 Jahre alten Katalog mitgebracht, den ich als Student bei der Vernissage Ihrer Ausstellung in der Kölner Galerie Veith Turske gekauft habe.
Patti Smith: Das ist ein wunderbares Buch, eine Mischung aus Fotos, Gedichten, Zeichnungen. Veith liebte Rock 'n' Roll, er war einer der ersten in Europa, die meine Welt wirklich verstanden. Die Ausstellung in Köln verhalf mir zu meiner ersten Museumsschau, im Kunstmuseum Bern, wo ich Zeit hatte, all diese unglaublichen Paul Klees zu bewundern.
Turske entdeckte Sie zeitgleich mit dem New Yorker Galeristen Robert Miller.
Meine allererste Ausstellung fand schon 1973 im Gotham Book Mart statt, einer berühmten Buchhandlung in Downtown Manhattan, die auch meine Gedichte herausgab. Sie sehen also, ich hatte ausgestellt, bevor ich meine ersten Platten aufnahm. Dort entdeckte Robert Miller meine Arbeiten und schlug mir vor, in den tollen Räumen seiner großen Galerie in Uptown auszustellen. Ich war sehr geschmeichelt, lehnte aber ab, weil ich nicht vor meinem Freund Robert Mapplethorpe in einer schicken Uptown- Galerie ausstellen wollte. Robert und ich wohnten und arbeiteten seit 1967 zusammen im Hotel Chelsea.
Bei wem stellte Mapplethorpe damals aus?
Bei Holly Solomon, also downtown.
Wir alle träumten davon, auch uptown auszustellen. Zu meiner Überraschung akzeptierte Miller, und Robert und ich haben zusammen bei ihm 1978 eine große gemeinsame Schau eingerichtet.
Vorher war Köln, ein Meilenstein in meiner Karriere. Nach der Eröffnung gingen wir auf die Bühne und spielten, dann hat Franz Gertsch mich fotografiert, um nach den Vorlagen große Porträts zu malen. Es war eine fantastische Zeit.
Lebten Sie und Mapplethorpe damals in engem Kontakt zur New Yorker Kunstszene?
Wir kannten natürlich viele Künstler und Dichter. Brice Marden war ein enger Freund, er stellte uns Willem de Kooning vor. Wir waren viel mit William Burroughs und Allen Ginsberg zusammen. Aber damals gab es noch keinen mondänen Kunstbetrieb, alle kämpften erst einmal um ihr Werk, nicht um Ruhm. Und wir waren nicht Teil einer bestimmten Szene. Da gab es damals den so genannten zweiten Kreis um Andy Warhol und die Factory, und wir sahen Andy zwar häufig, waren aber nicht Teil der Factory.
In Ihren Werken fehlt es fast völlig an Anspielungen oder Hommagen an andere Künstler der damaligen Zeit. Während Sie in der Musik Lou Reed ein Denkmal setzten, mit Bruce Springsteen musizierten und Bob Dylan coverten, verweisen Sie in Dichtung und Zeichnung auf Arthur Rimbaud, Paul Verlaine, Jean Dubuffet, Pablo Picasso, Constantin Brancusi, aber nie auf Zeitgenossen.
Ich interessiere mich eben nicht besonders für meine Zeitgenossen.
Auch nicht für Warhol?
Nein. Robert setzte sich stark mit Warhol auseinander, aber ich mochte eigentlich nur seine Serie "The last Supper".
Und ich finde immer noch, dass seine letzten Arbeiten die besten sind.
Wirklich wichtig unter den Zeitgenossen waren für mich damals nur die Abstrakten Expressionisten: de Kooning, Jackson Pollock, Lee Krasner.
Und dann kam gleich die Kunstgeschichte, Michelangelo, Rembrandt, Picasso. Das hat nichts mit Nostalgie oder Konservatismus zu tun, aber deren Werke sind für die Ewigkeit bestimmt, im Vergleich dazu ist die Skulptur eines Jeff Koons nur Müll.
Ich sehe in Ihren damaligen Zeichnungen auch eine gewisse Nähe zu Cy Twombly.
Als ich 1968 zum ersten Mal nach Paris kam, entdeckte ich im Schaufenster einer Galerie Arbeiten, die meinen sehr ähnlich waren. Nur dass ich meine natürlich besser fand (lacht). Ich ging hinein und zeigte der Galeristin meine eigenen Zeichnungen, und sie gefielen ihr. Das war Ileana Sonnabend, und sie hat mir zwar nichts abgekauft, mich aber sehr ermutigt. Es war damals das erste Mal, dass ich etwas von Cy Twombly sah. Beide benutzten wir handgeschriebene Texte in unseren Zeichnungen, aber mir gefiel meine Linienführung besser. Dagegen hat Twombly eine Art, den Bildraum mit Graffiti aufzubrechen - das war meisterhaft, so etwas konnte ich nicht.
Trotzdem fühlte ich mich nicht eingeschüchtert.
Woher kommt Ihre Liebe zum Dichter Arthur Rimbaud?
Ich war 16, ein junges Mädchen, das keinen Freund hatte, einsam war. Da entdeckte ich sein Gesicht auf einer Zeichnung und verliebte mich in ihn.
Ich wusste erst einmal nichts über ihn, wo er lebte, was er tat, und leider war er ja bereits seit 1891 tot. Aber seine Gedichte sprachen zu mir, selbst in ihrer englischen Übersetzung, ich verstand sie sofort. So kam es zu unserer Beziehung, die bis heute hält. Wir mögen uns immer noch sehr (lacht).
Rimbaud und Dylan waren und sind für mich die wichtigsten Künstler überhaupt.
Und unter den Malern?
An Malern wie Rembrandt, Picasso oder Dubuffet interessiert mich vor allem ihr Werk, nicht die Person, selbst wenn ich vieles über ihr Leben weiß.
Es gibt keine persönliche Beziehung zu diesen Künstlern. Nur zu Mapplethorpe, weit über seinen Tod hinaus.
Im Booklet Ihrer CD "Trampin" von 2004 benutzen Sie zum ersten Mal eine eigene Fotografie, mit der Hand Ihrer Tochter Jesse, die eine getrocknete Blume hält. Warum haben Sie nie vorher eigene Bilder benutzt?
Plattencover sind Zweckfotografie, meist braucht es ein Porträt, und so etwas mache ich nun mal nicht. Ich bin keine professionelle Fotografin.
Ich würde auch Brancusi niemals einen Fotografen nennen, trotzdem hat er sehr schöne Fotos gemacht, die unbedingt Kunstwerke sind. Ich lege keinerlei Wert auf technisch perfekte Fotografie. Ich verstehe zwar etwas von Komposition und von Licht, aber vor allem weiß ich, was ich will.
Das Foto Ihrer Tochter wirkt wie das Zitat eines Mapplethorpe-Fotos. Ist Kunst die Möglichkeit des Dialogs mit Menschen, die aus Ihrem Leben verschwunden sind?
Genau das ist es, was ich versuche. Das gilt ganz besonders für Robert. Noch in unserem letzten Gespräch, wenige Stunden vor seinem Tod, habe ich versprochen, diesen Dialog mein Leben lang fortzusetzen. Auch in meiner Ausstellung in der Fondation Cartier wird es wieder eine Installation über ihn geben. Und manchmal kommt es vor, dass ich ein Foto mache, nicht weil es mir gefällt, sondern weil es Robert gefallen hätte.
Im Katalog gibt es ein kurioses Foto, das Sie 1969 von Mapplethorpe gemacht haben. Sie zeigen nur seine Hand, die er in den Gürtel geklinkt hat, wie ein Cowboy.
Ich sah ihn damals täglich, deshalb wollte ich nicht einfach sein Gesicht, ich wollte ein Bild, das etwas Wesentliches sagt über seine Persönlichkeit.
Unser Zimmer im Hotel Chelsea war sehr klein, er arbeitete ununterbrochen, und wenn er etwas fertig hatte und glücklich damit war, dann hatte er diese typische Geste, seine Hände zufrieden unter den Gürtel zu haken. Und so habe ich ihn am Eingang des Hotels erwischt. Ich wusste, er hat etwas für ihn Wichtiges zu Ende gebracht. Es ist kein besonders gutes Fo to, das Licht auf seiner Hand ist viel zu hell, aber es fängt einen perfekten Moment ein und eine Geste, die nur ich kannte.
Mapplethorpes Fotografie ist sehr ausgeklügelt und formal perfekt.
Ganz anders als Ihre Bilder.
Das ist richtig, Aber wir haben beide mit Zeichnungen angefangen, Robert hat die Fotografie erst relativ spät entdeckt, denn eigentlich wollte er Bildhauer werden. Aber er war nicht diszipliniert genug, und Fotografie gab ihm die Möglichkeit, mit dem menschlichen Körper zu arbeiten. Er wollte formal perfekt arbeiten, ein neuer Michelangelo.
Und er wurde zum technisch perfekten Fotografen, der sich mit Licht auskannte wie nur wenige andere, etwa Robert Frank oder August Sander. Meine Herangehensweise an die Fotografie ist eine völlig andere - ich mache Bilder, so wie andere Familienfotos machen, mit Hingabe und Konzentration. Ich weiß genau, was ich will. Und wenn ich mir die Arbeiten mancher französischer Fotografen anschaue, etwa von André Kertész, dann fühle ich mich dieser einfachen, aber wunderbaren Fotografie am nächsten.
Trotzdem haben Ihre Fotos nichts mit Henri Cartier-Bresson oder einer Kunst des "gefrorenen Augenblicks" zu tun. Sie enthalten eine Zeit, die verstreicht. Das gilt vor allem für Ihre Polaroids.
Ich fotografiere nur sehr selten bestimmte Momente. Meistens sind meine Fotos meditative Bilder, und ich kann stundenlang auf das richtige Licht warten, um mein Hochzeitskleid aufzunehmen, eine Gitarre oder das Bett des Dichters John Keats.
Werden die Polaroids bearbeitet?
Ich mag nicht, dass sie so glänzen, deshalb lasse ich sie in ihrem kleinen Bildformat als Silbergelatine-Abzug drucken.
Und hoffe, dass sie von Leuten gekauft werden, die sie sich ganz selbstverständlich über den Schreibtisch hängen und im Alltag damit leben wie mit Reliquien der Erinnerung, meiner Erinnerung, die ich mit ihnen teile. Ich möchte, dass die Leute beim Telefonieren Virginia Woolfs Schlafzimmer anschauen oder Bäume in Lynchburg, Virginia. Das ist, was ich mir für meine Fotos am meisten wünsche, dafür mache ich sie. Dass sie auch von anderen Leuten gesehen werden.
Termin: 28. März bis 22. Juni, Fondation Cartier, Paris. Katalog: "Land 250", zirka 40 Euro.
Literatur: "Trois", Verlag Actes Sud, 3 Bde., je zirka 14,50 Euro. Internet: http://fondation.cartier.com Kontakt: Robert Miller Gallery, New York, www.robertmillergallery.com
Porträt mit Buntstift und Kreide (ohne Jahr, 74 x 59 cm)
Smith mit ihrer Polaroidkamera:
"Ich warte stundenlang auf das richtige Licht"
"Ich hatte in New York und Köln ausgestellt, noch bevor ich meine ersten Platten aufnahm"
Undatierte Polaroids: oben Notre Dame. Unten die Arbeit "Jesse, eine Blume haltend": "Ich fühle mich Fotografen wie André Kertész nahe"
Den blonden Jungen mit Spielzeugtraktor (oben) fotografierte Patti Smith 2005 in Namibia, die Picasso-Gedenkplakette in einer Straße in Paris
Smith-Zeichnung "Paris" (1968, 32 x 50 cm): "Besser als Cy Twombly"
"Arthur Rimbaud, Bob Dylan und Robert Mapplethorpe sind für mich die wichtigsten Künstler"
