Ausgabe: 04 / 2008
Seite: 66-71

Die Vermählung von Esprit und Nachhaltigkeit

Von Till Briegleb

Als in Frankreich noch niemand über energiebewusstes Bauen sprach, entwarf Edouard François schon wuchernde Pflanzenfassaden als urbane Oasen und Stadtbalkone im Dschungel. Seine Bauten sind vielleicht nicht so perfekt gedämmt wie deutsche Niedrigenergiehäuser - aber selten sah Nachhaltigkeit so gut aus. Ein Besuch bei dem eloquenten Zeremonienmeister des Öko-Barock in Paris

Wenn man ein bisschen gemein ist, dann erfüllt Edouard François eine Menge Vorurteile, die wir Deutschen über Franzosen hegen. Er tritt auf mit einer gewissen intellektuellen Eitelkeit, ist sehr stolz auf seine Kleidung und seine Kochkünste, breitet gerne seine private Philosophie über Kunst und Leben aus und glaubt, direkt am Puls der Zeit zu leben. Zwar erfüllt er die beiden gängigsten Stereotypen über Franzosen - dass sie so viel rauchen wie sie wenig Englisch können - nicht, aber ansonsten erscheint der ironisch lächelnde, graumelierte Struwwelkopf als das ziemlich perfekte Bild eines französischen Künstlerarchitekten.

Umgekehrt hat auch Edouard François seine festen Vorstellungen von der deutschen Kultur.

Sie ist ernst, nüchtern und technisch versiert, dem Spielerischen und Sinnlichen abhold, denkt gerne in klaren Systemen und macht deswegen gute Verträge. Aber sie interessiert ihn!

Nicht zuletzt, weil die Nachbarn auf einem Gebiet versiert sind, das in Frankreich bis vor kurzem als typisch deutsche Weltverbesserei belächelt wurde - und dessen Adaption für einen Architekten durchaus die Gelegenheit bot, in Frankreich als Individualist aufzutreten.

Die Rede ist von der Nachhaltigkeit, speziell von der ökologischen Baukultur. Zwar gibt es auch in Frankreich mittlerweile einen Staatspreis für das umweltschonende Bauen, und Stararchitekten wie Jean Nouvel heimsen gelegentlich internationale Preise für energietechnische Innovationen ein, auf die bisher deutsche und britische Architekten abonniert waren. Aber An fang der Neunziger, als Edouard François sich für das Thema zu begeistern begann, krähte kein gallischer Hahn nach grüner Architektur und Energiebilanzen. Wozu hat man denn Kernkraftwerke? Allerdings legt François größten Wert darauf, von der nüchternen deutschen Ingenieursbaukunst distanziert zu werden. Seine nachhaltige Architektur macht er "the French way", und das übersetzt er mit "verführerisch". Oder im ganzen Satz:

"Meine Aufgabe als Architekt ist es, eine 'Superfocus-Obsessionnalité' aus dem Problem der Nachhaltigkeit zu entwickeln." Und das Produkt dieser Superfocus-Obses sionnalité sieht dann wahrlich nicht mehr aus wie ein Nullenergiehaus deutscher Machart.

Zum Beispiel sein "Tower Flower" - ein Wohngebäude am Boulevard Périphérique, jener Stadtautobahn, die das Kern-Paris begrenzt: Das weiße neungeschossige Haus besteht aus weit auskragenden Plattformen, in die große weiße Betonkübel eingelassen sind, aus denen Bambus wächst. Das eigentliche Haus verschwindet somit hinter einem struppigen grün-braunen Vorhang. Oder sein erstes spektakuläres Gebäude "L'Immeuble qui Pousse" ("das sprießende Haus") von 2000, eine Wohnanlage mit 64 Einheiten in Montpellier, die er mit einem vertikalen Steingarten verkleidet hat: Gehalten von einem großen Drahtnetz und permanent künstlich bewässert, erlauben die losen Steine der Fassade, sich in einen senkrechten Steingarten für duldsame Rankpflanzen zu verwandeln. Holzbalkone, die auf Stelzen weit vor der Fassade stehen, sollen zudem die Privatsphäre in die Natur verlängern.

Nach deutschen Gesichtspunkten ist natürlich weder das eine noch das andere Haus wirklich ökologisch konstruiert. Aber das wischt François lächelnd beiseite. "Meine frühen Gebäude sind sicherlich nicht am effektivsten in Sachen Nachhaltigkeit, aber sie medialisieren das Problem. Damals ging es darum, ein Symbol für einen Bewusstseinswandel zu schaffen, weniger um eine technisch reife Lösung.

Heute dagegen arbeite ich daran, Lösungen zu medialisieren." Dabei verbindet François die französische Liebe zum Superzeichen mit sehr originellen Vorschlägen. Gilt nach dem Dogma der Nachhaltigkeit kompakte Bauweise als besonders umweltschonend, weil geringe Oberfläche geringen Energieverlust bedeutet, so geht François genau den gegensätzlichen Weg. In Chartres komponiert er ein Wohnquartier mit möglichst großflächigen Fassaden, um mit Photovoltaik möglichst viel Strom zu produzieren.

Und für ein Projekt in Grenoble erfand François eine spezielle weiche Haut, die er wie ein Präservativ mit Fensterlöchern über das komplette Gebäude zieht, durch die ebenfalls Energie gesammelt wird. Oder er eliminiert einen ganzen Block in Paris, tauscht die Erde aus und baut eine hoch verdichtete Ministadt mit 100 Häusern als ökologisches Biotop, deren Signet Apfelbäume sind, die mit den Ästen des Nachbarbaums zusammenwachsen - "Adam und Eva" nennt François die siamesischen Obstzwillinge.

Solch skurrile Unikate sind typisch für die fröhliche Wissenschaft, die Edouard François mit der Architektur betreibt: "Die Menschen, die mit den Problemen des Planeten superernst umgehen, erschrecken doch nur jeden. Wir müssen das mehr wie Kinder sehen. Hier gibt es etwas zu entdecken und zu erfinden." Auch sein Büro in einem Nachkriegswohnblock am Montparnasse zeigt das Spielerische, das ihn in all seinen Projekten umtreibt. Da hockt ein ausgestopftes Huhn auf einem Architektur modell, eine amorphe Blase mit Kuhhaut bezogen hängt von der Decke, bunte Pläne für ein Luxusresort im Senegal in Form von riesigen Kartoffeln oder das Modell für ein Reiterdenkmal, das erst auf Knopfdruck aus der Erde in einen Glaskasten aufsteigt, zeugen von dem speziellen Humor dieses unkorrekten Ökodesigns.

Obwohl Nachhaltigkeit dabei nicht im Vordergrund stand, verkleidet auch Edouard François' bis her bekanntestes Bauwerk ein seriöses Anliegen mit den Mitteln des Karnevals.

Das Fouquet's Barrière an der Ecke Champs-Elysées Avenue George V ist eine kulinarische Luxusinstitution, die um ein Hotel erweitert werden sollte. In dem Restaurant feiern seit hundert Jahren die Reichen und Schönen von Marlene Dietrich bis Nicolas Sarkozy ihre Erfolge. Der dazugehörige Block wurde nun von François in ein Luxushotel umgebaut, wobei er denkmalgeschützte Fassaden aus der Zeit Baron Haussmanns mit zeit genössischer Architektur zu kombinieren hatte.

Doch was immer seine Klienten von ihm an modernem Design erwartet haben mochten, sie bekamen es nicht. Superfocus-Obsessionnalité bedeutete in diesem Fall eine Eulenspiegelei mit dem Kontext und der Tradition. Denn François kopierte die benachbarten Fassaden des 19. Jahrhunderts inklusive Fenstern und Gittern als geschlossenes Betonrelief, in das er einfach Kastenfenster hineinschnitt, wo es der Grundriss der Luxussuiten verlangte.

Dass das Fouquet's nicht aussieht wie das "Venice" in Las Vegas oder sonstiges Attrappenglück liegt an der Geschmeidigkeit, mit der François die Vergangenheit gleichzeitig respektiert und persifliert. Die grafische Fortführung der Umgebung in dem fein gearbeiteten Relief beruhigt das Auge, die grobe Materialität und die harschen Cut-Outs erklären den Glamour augenzwinkernd zur Kulisse. Dem Betreiber hat's gefallen, er hat dafür 50 Millionen Euro gezahlt, und seine Superreichen kommen auch gerne.

Ein arabischer Milliardär buchte die 15 000-Euro-Suite den ganzen Sommer durch, falls er mit seiner Entourage mal zum Shoppen nach Paris will.

Bei aller Schroffheit zeigt diese Maske des Haussmann-Stils in ihrem unverkrampften und ironischen Umgang mit Geschichte doch eine eigentümliche Schönheit. Doch wehe, man nennt François' Entwürfe "ästhetisch" oder "Design". Dann erntet man ein ärgerliches Stirnrunzeln, wilde Thesen und lange Ausführungen. "Design, das ist nur für die langweiligen Architekten" oder "Ästhetik in der Architektur ist für mich ein sadomasochistisches Problem", lauten solche verbalen Gongs. Und schließlich: "Architektur hat nichts mit Schönheit zu tun." Dann folgen ausführliche, durchaus originelle Erklärungen: Was wir als Schönheit identifizieren würden, wäre nur die nostalgische Sehnsucht nach den heilen Weltbildern unserer Kindheit und deswegen anfällig für reaktionäre Ideologien. "Wenn die Leute rechte Politiker wählen, dann haben wir als Gestalter versagt. Dann ist es uns nicht gelungen, eine so elektrische Stimmung zu erzeugen, dass die Menschen sich in der Zeit wohl fühlen, in der sie leben." Dann holt Edouard François sehr weit aus, um das Scheitern der Moderne als Design-Debakel zu begründen:

Angefangen bei Malewitschs "Schwarzem Quadrat", das in seiner totalen Abstraktion alles verinnerlicht hätte, was die Moderne ausmacht, hätten spätere Generationen die Idee erst erweitert und variiert, aber dann mit Egozentrik und Eitelkeit von jedem Sinn entleert. Nach den finalen Design- Exzessen des Dekonstruktivismus, der sich "weder um Menschlichkeit, noch um Sinn oder Ökonomie" gekümmert hätte, wäre die Moderne "kaputt". Doch aus ihrer Asche entstünde gerade eine neue "Revolution", der Zäsur des Schwarzen Quadrats durchaus vergleichbar, und das sei die Rückkehr des Sinns und das Aufkommen nachhaltigen Handelns: "Alles was jetzt experimentiert wird, entwickelt natürlich auch eine Ästhetik. Aber die ist dann wenigstens qualifiziert." Bei all diesen theoretischen Erklärungen, die er mit einem superdicken Füller auf den Stichwortzetteln des Interviewers auch grafisch skizziert, lächelt Edouard François süffisant. Das soll wohl heißen: Sag deinen Deutschen, Revolution ist ein Spiel, das Spaß macht. Und darauf kann man dann als Deutscher eigentlich nur antworten: Das ist ein Gedanke, den man durchaus ernst nehmen muss.

Schließlich soll auch in der ökologischen Weltrevolution niemand seine geliebten Vorurteile verlieren.

Internet: www.edouardfrancois.com

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TOWER FLOWER, PARIS Am Boulevard Périphérique, der das schöne Kern-Paris von den Problemvierteln der Banlieue trennt, baute Edouard François 2004 seinen fast rundum begrünten Apartment-Block. Die Pflanztöpfe auf den unregelmäßig weit ausladenden Plattformen spenden Schatten, schützen vor Blicken und geben dem Bau sein unverwechselbar struppiges Gepräge. Bewässert wird der Bambuswald über das umlaufende Metall-Geländer.

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L' IMMEUBLE QUI POUSSE, MONTPELLIER Ein früher Geniestreich ist das "sprießende Haus" von 2000 im südfranzösischen Montpellier, eine Wohnanlage mit 64 Einheiten. Die in einem sanften Bogen gelagerte Fassade ist komplett mit Gabionen verkleidet, mit losen Steinen gefüllten Drahtkörben, wie man sie sonst für Böschungsbefestigungen verwendet.

Dieser vertikale Steingarten wird ständig bewässert und ist längst begrünt. Den Wohnungen vorgelagert sind Balkone, die teilweise auf Stelzen mitten in den Wipfeln des Vorgartens stehen.

So gehört zur Stadtwohnung ein Baumhaus zum Träumen.

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FOUQUET'S BARRIÈRE, PARIS Es ging darum, ein Spitzenrestauant an den Champs Elysées um ein Hotel zu erweitern. François fand eine Lösung, die gleichermaßen radikal modern wie denkmalpflegerisch verantwortungsvoll, ebenso ironisch wie klar ist. Eine klassische Fassade des 19. Jahrhunders wurde mit allem Zierrat in unverputztem Beton nachgebildet, die Fenster überall dort hineingeschnitten, wo es die Funktionalität verlangte. Der Bau von 2006 fügt sich perfekt in die gewachsene Umgebung ein - und behauptet sich mühelos als eigene Schöpfung.

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PARKING DES TERNES, PARIS Auch schnöden Zweckbauten begegnet François mit Witz und Intelligenz. Beim Umbau eines Parkhauses an der Pariser Avenue des Ternes nördlich des Arc de Triomphe schreckte er 2005 auch nicht vor surrealen Inszenierungen zurück, um dem Bau einen eigenen Charakter zu geben.

Er setzte für jede der fünf Etagen eine spezielle Farbe ein und ließ dazu tropische Lianen durch die verglasten Schächte wuchern.

Baut Symbole des Wandels: Edouard François

Mit dem struppigen Charme der Ökologie:

Apartmenthaus Tower Flower in Paris (2004)

Akzent im Stadtraum: Front an der Rue Vernet

Längst begrünt:

L' Immeuble qui Pousse in Montpellier von 2000

Pariser Eleganz und Beton-Brutalismus: Die Fassade des Fouquet's geht mit Ironie auf die Geschichte ein und ist doch radikal modern

Für die Verblendung von Brandmauern (rechts) verwendete man silberfarbene Äste aus Aluminium

Garage mit Dschungel- Biotop: Parking des Ternes, Paris 2005

Die Energiebilanz spielte keine Rolle - wozu hat man denn Kernkraftwerke?

SECTEUR PLANCHAT VIGNOLES, PARIS Im XX. Arrondissement im Osten von Paris plant François eine kompakte Anlage aus hundert Wohnungen und Ateliers - eine grüne Oase in der Großstadt.

Zwei Zeilen von einzelnen Häusern (eine davon rechts im Bild) rahmen einen zentralen Block, der durch außen liegende Treppen erschlossen wird.

Städtebauliches Experiment in Paris: Secteur Planchat Vignoles (Simulation)

"Wenn die Leute rechte Politiker wählen, haben wir als Gestalter versagt"