Ausgabe: 04 / 2008
Seite: 55
Die Beine wackeln nicht
Von Thomas Wagner
Udo Kittelmann geht nach Berlin, in Frankfurt herrscht Katzenjammer. meint: Kein Grund zur Panik! Das MMK wird den Weggang des Direktors überleben
Was bleibt? Was verweht? Wer macht Geschichte? Wer schreibt sie um? Eben noch als interessantester Standort für Gegenwartskunst gefeiert, an dem Solisten erfolgreich ganz unterschiedliche Ausstellungsmusik machen, hallt es in Frankfurt plötzlich in allen Lüften wie Geschrei.
Seit man von der Nachricht aus Berlin überrascht wurde, Udo Kittelmann, seines Zeichens Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst (MMK), werde im Herbst die Nationalgalerie übernehmen, scheint es kein Halten mehr zu geben. Ungebremst schießen Spekulationen ins Kraut, ängstlich wirft man das Erreichte über Bord und macht mit offensichtlich falschen Behauptungen Politik.
Indes, auf der Basis kollektiver Amnesie lässt sich nicht erfolgreich Kulturpolitik machen.
Wer soll Kittelmann nachfolgen? Soll Max Hollein, Direktor von Städel-Museum, Schirn-Kunsthalle und Liebieghaus, das MMK gleich mit übernehmen? Kann sich das MMK überhaupt auf Dauer behaupten, wenn nun auch das Städel massiv ins Zeitgenössische investiert?
Zu viele kochen ihr Süppchen, und so mancher glaubt, nun sei der Moment, alte Rechnungen zu begleichen. Max Hollein, sonst immer irgendwo im Gespräch, ist schlau genug, abzuwinken: Weder wolle er das MMK übernehmen, noch Generaldirektor der Frankfurter Museen werden.
In einem solchen Tohuwabohu glaubt so mancher frech behaupten zu müssen, das MMK stehe ohnehin auf wackeligen Beinen. Schließlich habe Kittelmanns Vorgänger Jean-Christophe Ammann mit dem Immobilienhändler Dieter Bock "Geheimverträge" über "Dauerleihgaben" abgeschlossen, deren Abzug 2005 einen enormen Aderlass bewirkt und die Sammlung ruiniert habe.
Ammann, der das MMK, das 1981 gegründet und 1991 eröffnet wurde, von 1989 bis 2001 leitete und bislang weitgehend zu den Vorgängen schwieg, macht im Gespräch unmissverständlich deutlich, dass es sich bei der Vereinbarung mit Bock keineswegs um einen "Geheimvertrag" gehandelt hat. Der Kontakt, so Ammann, sei bereits vor der Eröffnung des Hauses zustande gekommen, der Vertrag mit einer Laufzeit von 15 Jahren von der Stadt Frankfurt geschlossen worden. Ammann lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass er, als der Geldgeber - offenbar um zu beruhigen - die "Dieter und Olga Bock-Stiftung zur Förderung der Bildenden Künste" gründete, nicht nachgefragt und die Sache dann schlicht vergessen habe: "Ich war unter Druck. Ich wusste nicht, wie ich das Museum sonst hätte eröffnen können." Natürlich war der Casus Bock museumspolitisch eine Katastrophe, natürlich schmerzt der Verlust von kapitalen Werken Bruce Naumans, Alighiero Boettis, Luc Tuymans' und anderer. Allerdings wurde die Zahl der Abgänge auch durch Konvolute von Zeichnungen und Druckgrafiken in die Höhe getrieben. Zurück blieb nämlich keineswegs ein halb leeres, schon gar kein konfuses Museum.
Einiges konnte mit Hilfe der Stadt zurückgekauft werden.
"Der Weggang der so genannten ,Sammlung Bock'", meint Ammann, habe "eine schmerzhafte Delle in der Sammlung bewirkt, mehr nicht." Die Geschichte des MMK beginnt also weder mit der Ära Kittelmann, noch muss es erst zu einem der wichtigsten Museen zeitgenössischer Kunst werden. Im Gegenteil.
Schon in den neunziger Jahren war das MMK bereits das weithin bewunderte Modell eines Museums, das sich nicht wie eine Kunsthalle über Wechselausstellungen, sondern über die Sammlung definierte.
Das hat Zukunft, besonders im Wettstreit mit dem Städel. Denn Ammann sammelte bewusst keine Einzelstücke, sondern Werkgruppen, die er in 20 "Szenenwechseln" in unterschiedlichen Konstellationen erprobte. Ausgehend von der Pop-Art-Sammlung Ströher, baute er Brücken in die Gegenwart - mit Gerhard Richter, On Kawara und Walter de Maria, aber auch mit Künstlern aus der Region wie Thomas Bayrle, Peter Roehr und Manfred Stumpf. Nur so ließ sich das neue Haus ohne Wechselausstellungsraum in der Stadt verankern. Udo Kittelmann hat - mit einem stärkeren Akzent auf Ausstellungen - daran angeknüpft.
Und er hat, vor allem mit dem gemeinsam mit den Museen in St. Gallen und Vaduz realisierten Erwerb der Sammlung Ricke, die Fundamente weiter verstärkt. Das MMK braucht keinen Zampano, der es neu erfindet.
Es genügt weiterhin ein unabhängiger Kopf. Mühsam geht's bergauf, schnell bergab.
Die Geschichte des MMK beginnt nicht mit der Ära Kittelmann - es war bereits in den Neunzigern ein weithin bewundertes Modell eines Museums
