Ausgabe: 04 / 2008
Seite: 56

Adrenalin der Großstadt

Von Claudia Bodin Jrgen Frank

Die New Yorker Künstlerin Sarah Morris spürt in kühlen Bildern und Filmessays dem Geist der Metropolen nach. Jetzt hat ihr neustes Werk in München Premiere

Die Künstlerin Sarah Morris gibt es gleich zweimal. Da sind ihre monumentalen Gemälde, semiabstrakte Farb- und Formspiele in strahlenden Lackfarben, die eine kühle Glätte ausstrahlen und wegen ihrer Plakativität bei Sammlern sehr gut ankommen.

Ihr Thema sind die amerikanischen Metropolen, die sie in ihren Bildern zu geometrischen Formen gefrieren lässt.

Und dann sind da ihre Dokumentarfilme über die Oscar-Zeremonie in Hollywood oder das Attentat bei den Olympischen Spielen in München 1972. Hier scheint die Handschrift auf den ersten Blick deutlich anders.

Die Filme im Kinoformat sind detailverliebt, emotional und gehen in die Tiefe. Doch für Morris bilden beide künstlerischen Ausdrucksformen eine Symbiose: Die Arbeiten entstehen stets parallel, wachsen in unterschiedlichem Tempo und befruchten sich gegenseitig.

Seit den neunziger Jahren ist Morris der intellektuelle Darling der New Yorker Kunstszene. Wie ihr Ehemann, der britische Künstler Liam Gillick, mit seinen minimalistischen Installationen und grafischen Textarbeiten, wird sie in diesem Jahr gleich mit mehreren Ausstellungen gefeiert. Ihre Bilder beschreibt sie scherzhaft als "das Diagramm meiner Kopfschmerzen". Damit meint sie die Nerven aufreibende Vorarbeit, um an das gewünschte Material für ihre Filme her anzukommen.

Ihre intensiven Recherchen, die vielen Gespräche und Besuche vor Ort. All die Erfahrungen und Eindrücke fließen auch in ihre Malerei ein. Sarah Morris' Atelier befindet sich einem früheren Lagerhaus in Chelsea, in dem viele Künstlerkollegen und Fotografen arbeiten. Hier produziert die 40- Jährige ihre Bilder mit Hilfe von Assistenten.

Die Raster komponiert sie am Computer. Mit schablonenartigen Klebefolien werden die Farben dann Schicht für Schicht aufgetragen.

Manche ihrer Bilder wirken wie moderne Versionen von Piet Mondrians abstrakten Kompositionen, die bei Morris das Tanzen gelernt haben.

Die Herstellung dauert Monate. Morris spricht von einer großen Anzahl von Koordinaten, die berechnet werden.

"Wir befolgen ein striktes Protokoll", erklärt die Künstlerin. Bei ihren Filmen hingegen ist sie frei. Sie improvisiert, bedient sich unterschiedlicher Techniken. "Im Vergleich zu den Bildern sind die Filme schnell und gleichen einer Explosion." Während sie als Regisseurin die Welt mit Feingefühl und Humor durchdringt, wird ihre Arbeit als Malerin vom Intellekt regiert. Ihre Bilder haben einen starken theoretischen Überbau.

Morris' Thema waren lange Zeit die urbanen Strukturen von Städten wie New York, Las Vegas oder Miami. Die schillernd bunte Oberfläche ihrer Bilder hat stets etwas Überwältigen des. Ganz so wie die gewaltigen Gebäude und Bewegungen in diesen Städten. Sie versucht, Momente unserer Zeit einzufangen: "Meine Bilder tragen das Element der Propaganda in sich. Sie repräsentieren ein System, das größer als das Individuum ist. Deshalb fühlt man sich von ihnen immer auch ein wenig abgestoßen." Von ihrem Vater, einem Wissenschaftler, erbte Morris die analytische, methodische Herangehensweise an ihre Arbeit. Als Studienfach wählte sie Semiotik, die Lehre der Zeichen. So erklärt sich ihre Vorliebe, die Welt mithilfe von Symbolen zu interpretieren.

"Midtown" (1998) hieß die erste Serie, bei der sie sich von ihrem damaligen Atelier auf der belebten 42nd Street von Manhattan inspirieren ließ.

"Ich dachte über Architektur, Ästhetik, Kommunikation, das Konzept von Lärm nach und wollte nicht nur mich selbst, sondern die Geschwindigkeit und das Adrenalin der Stadt zum Ausdruck bringen", erzählt Morris. Begleitend dazu fertigte sie Bilder von gläsernen Hochhausfassaden an, die sie rund um den Times Square fotografiert hatte und anschließend in grobe Farbraster verwandelte. Mit der Kombination von Film und Bild übernahm die Künstlerin "die Kontrolle über ihre eigenen Bezüge".

Sarah Morris wurde 1967 in Großbritannien geboren und wuchs überwiegend in den USA auf. Noch heute pendelt sie zwischen den beiden Welten. Im Anschluss an ihr Studium an der Brown University in Rhode Island nahm sie 1989 an einem einjährigen Künstlerprogramm am Whitney Museum of American Art teil. In dieser Zeit arbeitete sie auch als Assistentin von Jeff Koons und fuhr jeden Tag mit dem Fahrrad zwischen der "damals politisch korrekten Museumswelt und dem politisch inkorrekten Koons" hin und her.

Der Einfluss des erfolgreichen USKünstlers ist bei Morris perfektionistischen Bildern durchaus zu spüren.

Wie Koons besitzt auch seine ehemalige Assistentin ein untrügliches Gespür dafür, dass sich komplexe Botschaften am besten in glänzenden Hüllen verkaufen. Die mehr als zwei Meter mal zwei Meter großen Bilder aus ihren Metropolen-Serien erzielen inzwischen Preise von rund 70 000 Euro. Sie selbst sagt, dass sie von Jeff Koons Standhaftigkeit gelernt hat.

Morris ist für ihre Hartnäckigkeit berüchtigt.

Sei es, um für ihre "Los Angeles"- Serie Brad Pitt vor die Kamera zu bekommen, für "Miami" in der Coca-Cola-Fabrik drehen zu dürfen oder Bill Clinton bei seinen letzten Tagen als Präsident im Oval Office über die Schulter gucken zu können.

Zur Zeit arbeitet sie an einem Projekt über die Olympischen Spiele in Peking. "Eine Stadt unter Termindruck", so Morris, "die ein Ereignis für die Weltbühne inszeniert." Die Namen all ihrer Kontaktpersonen hängen auf weißen Zetteln an der Wand ihres Ateliers.

Es sind Leute wie der Architekt Rem Koolhaas, die ihr weiterhelfen können. Sarah Morris verfügt über hervorragende Verbindungen. Über dem ganzen Zettelwerk thront das Internationale Olympische Komitee in Lausanne. Gemeinsam mit ihrem Team besuchte die Künstlerin die Baustelle Peking mehrere Male. Ihre Erlebnisse in China vergleicht sie mit einer Kafka-Erzählung. "Niemand gibt dir ein klares Nein oder Ja. Niemand will Verantwortung übernehmen.

Es ist eine sehr raffinierte Art, Macht zu verteilen", erzählt sie.

Einige Bilder zeigen übereinander lappende Kreise in unterschiedlichen Formationen. Die Anregung dazu kam nicht von den Olympischen Ringen, betont Morris, sondern von dem ringförmigen Labyrinth aus Autobahnen rund um Peking. Bei der Farbwahl ließ sich die Künstlerin von ihrer Umgebung inspirieren. In diesem Fall waren es Stadtpläne, Verpackungen von Süßigkeiten oder Planen von Baustellen. Liam Gillick wird wie schon in früheren Filmen den Soundtrack liefern. Im August wird die Peking- Serie in ihrer Londoner Galerie White Cube erstmals komplett ausgestellt.

Bereits Anfang Juni werden eine große Wandarbeit und zwei Filme der Künstlerin im Rahmen der Fernand- Léger-Schau in der Fondation Beyeler bei Basel zu sehen sein. Im April feiert Morris neuester Film "1972" im Münchner Lenbachhaus Premiere.

Diesmal geht es nicht um eine Stadt, sondern um "einen historischen Fehlschlag": das Attentat auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München. Morris lässt den deutschen Psychologen Dr. Georg Sieber seine Version der Ereignisse von 1972 erzählen. Der Sicherheitsberater hatte damals einen derartigen Anschlag vorausgesagt - und wurde anschließend von den Verhandlungen mit den Entführern ausgeschlossen.

Im Film sieht man einen älteren Herren, dessen "Identität in diesem einen qualvollen Moment aus der Vergangenheit gefangen ist", sagt Morris.

Am meisten Aufsehen erregte die Künstlerin mit einer vergleichsweise reißerischen Arbeit, ihre 25-minütige Analyse der Vorbereitungen zu den Oscar-Verleihungen ("Los Angeles", 2004). Ihr Hollywood, das sich zu wummernden Beats für die größte Fernsehshow der Welt rüstet, sieht so aus: Botox-Spritzen gegen Falten, Medikamente gegen Angstattacken.

Der legendäre Produzent Robert Evans lässt sich von seiner barbusigen Freundin rasieren, Filmstars auf dem roten Teppich gefriert ihr Lächeln.

Der Film führte die Cineastin zur ihrem Idol Robert Towne und damit zu ihrem zweiten viel beachteten Projekt.

Towne ist eine Kultfigur für Hollywood- Insider. Der Drehbuchautor und Script-Doktor verhalf Filmen wie "Der Pate", "Chinatown" und "Bonnie und Clyde" zu ihrem Glanz. In Anlehnung an den Towne-Thriller "The Parallax View", der in Deutschland unter dem Titel "Zeuge einer Verschwörung" lief, nannte Morris ihr Atelier "Parallax Corporation".

Als sie vor zwei Jahren den Auftrag bekam, die gewaltige Deckenfläche im Erdgeschoss des Lever House in Manhattan mit ihren geometrischen Formen zu bemalen, gab sie der Arbeit den Namen "Robert Towne" (2006). Der Künstlerin gefiel die Idee, Los Angeles und New York gegeneinander auszuspielen und dem hochnäsigen Manhattan einen Typen wie Towne vor die Nase zu setzen. Dessen Lieblingsthemen sind Macht, Korruption und der Zerfall der Moral. "Besser an der Decke als am Boden sein", lautete der lapidare Kommentar des inzwischen über 70-Jährigen zu dem von ihm inspirierten Kunstwerk. Morris dagegen erkennt sich in ihrem Idol sofort wieder. So wie Towne als ewiger Außenseiter Hollywood Rätsel aufgab, gibt auch Morris mit ihren kühlglänzenden Bildern und Filmessays zwischen Malerei, Urbanistik, Psychologie und Entertainment der Kunstwelt immer noch Rätsel auf.

Ausstellungen: 25. April bis 3. August, Lenbachhaus, München; 1. Juni bis 7. September, "Fernand Léger", Fondation Beyeler, Riehen bei Basel.

Katalog: 18 Euro (München). Kontakt: Galerie Max Hetzler, Berlin, www.maxhetzler.com, White Cube, London, www.whitecube.com Literatur: Sarah Morris. Bar Nothing. Galerie Max Hetzler, 2004

Kasten:

Weitere Bilder von Sarah Morris finden Sie unter: www.art-magazin.de/morris

Alles unter Kontrolle:

Sarah Morris in ihrem Atelier, wo jeder Pinsel seinen Platz hat

Unfertiges Bild aus der Peking-Serie in Morris' Studio, die Computerausdrucke daneben zeigen Farbcodierungen an

Morris arbeitet mit schablonenartigen Folien, die die einzelnen Farbflächen des Bildes trennen

Urbaner Kosmos (im Uhrzeigersinn):

Blick aus Sarah Morris' Atelier in Manhattan, Namenskarten für das Peking-Olympia-Projekt, Bücherregal und Farbproben

Im Vergleich zu ihren streng geometrischen Gemälden gleichen Sarah Morris' Filme einer Explosion

Stills aus Morris' neustem Film "1972" (2008) über das Attentat bei den Olympischen Spielen in München

In ihrem Film "Los Angeles" (2004) beleuchtet Morris die eitle Welt der Oscar- Zeremonien

CLAUDIA BODIN