Ausgabe: 04 / 2008
Seite: 72-75
Prophet einer bereinigten Welt
Von Tim Sommer
Das Kunstmuseum zeigt die größte Werkschau seit über 50 Jahren BERN: FERDINAND HODLER
Nur einen kleinen Streifen nachtblauen Himmel hat Ferdinand Hodler (1853 bis 1918) über die wüste Ebene gesetzt, ganz flach bleibt das Bild mit den sieben hingelagerten Leibern, von denen man nicht weiß, ob ihr Schlaf schon der ewige ist. Nur eine Figur, es ist der Maler selbst, kämpft mit blankem Entsetzen gegen das lastende Verhängnis, das in Form einer verhüllten Figur auf seinem Körper kniet. Mit diesem Theatereffekt, einer aus heutiger Sicht eigentlich filmischen Erfindung, hat der Schweizer Maler Hodler seinen Ruhm begründet.
Freilich nicht in der Schweiz. Dort wurde die "Die Nacht" vom Genfer Stadtpräsidenten persönlich des Museums verwiesen.
Hodler reichte das Bild beim Salon du Champ-de-Mars in Paris ein - ein Triumph.
Hier in der Hauptstadt der Kunst wusste man 1891 die Todesvision des Schweizers zu schätzen - nach den heiteren Ausflügen des Impressionismus waren nun die düster blitzenden symbolistischen Bilder eines Pierre Puvis de Chavannes in Mode. Hodler aber schöpfte aus dem eigenen Schicksal. Er kam aus einfachsten und unglücklichen Verhältnissen.
Geboren als ältestes von sechs Geschwistern, die alle starben, wurde er mit 14 Jahren zum Vollwaisen: "In der Familie war ein allgemeines Sterben. Mir war schließlich so, als sei immer ein Toter im Haus und als müsste es so sein." Etliche Jahre hatte er sich mit Souvenirbildern für Alpentouristen durchgeschlagen, die Arbeit am Todesbild war sein Durchbruch zum Ich. Große, vielfigurige Tableaus wurden sein Gebiet. Bald schon weniger düster, sondern frühlingshaft-feierlich.
"Parallelismus" wurde sein Kompositionsprinzip und seine Weltanschauung.
Immer wieder fügte er gleiche oder ähnliche Figuren zusammen, weil er wusste, "dass die Wiederholung ein- und derselben Sache den Eindruck vertieft". Straffe Frauen im Schreittanz, stahlfedergetriebene Jünglinge auf grünender Flur - Hodler suchte nach einer Ikonografie für das nachchristliche 20. Jahrhundert, Bildern einer besseren, bereinigten Welt. Dass man heute unwillkürlich an Leni Riefenstahl denken muss, kann man dem Glückssucher des Fin de Siècle nicht zum Vorwurf machen. "Meine Eigenart besteht darin", so Hodlers messerscharfe Selbstanalyse, "dass ich Monumentalität mit Realismus verbinde." Das wird am deutlichsten in seinen Landschaften, die genaueste Beobachtung mit ungenierter Stilisierung vermengen. Am liebsten war ihm ein See im Vordergrund, der ihm "parallelistische" Spiegelungen erlaubte. Die Gipfel fügen sich in einem geheimen Rhythmus, die Wolken tanzen dazu wohlgeordnet.
Nirgends ist ein Mensch zu sehen. Still, schön und groß ist Hodlers Alpenwelt, wie durchglüht von einem höheren Versprechen. "Sehen Sie, wie dahinten alles in Linien und Raum aufgeht? Ist Ihnen nicht, als ob Sie am Rand der Erde stünden und frei mit dem All verkehrten?", schrieb der Maler einmal. Jetzt zeigt das Kunstmuseum Bern 130 Gemälde des seltsamen Naturpropheten und beseelten Avantgardisten, die umfassendste Ausstellung seit über 50 Jahren. Termin: 9. April bis 10. August.
Weitere Station: 9. September bis 14. Dezember, Museum der Schönen Künste, Budapest.
Katalog: Hatje Cantz Verlag, 88 Franken/49,80 Euro.
Internet: www.kunstmuseumbern.ch; www.mfab.hu
Auch in den Selbstbildnissen (hier von 1912, 41 x 32 cm) zeigt sich der Drang zur Pose
Suche nach einer Ikonografie für das 20. Jahrhundert: "Der Auserwählte" (1893/94, 219 x 296 cm)
Beobachtung und Stilisierung: "Genfersee von Chexbres aus" (um 1904, 80 x 100 cm)
Nur der Künstler wehrt sich noch: Mit der düstern Todesvision "Die Nacht" (1890, 116 x 299 cm) errang Hodler Anerkennung in Paris. Er selbst sah darin sein "erstes Werk"
