Ausgabe: 04 / 2008
Seite: 95

Neckischer Flirt

Von Almuth Spiegler

WIEN: CRAGG VS. MESSERSCHMIDT

Ein perfektes Duett barocker Charakterköpfe und moderner Skulpturen im Belvedere. Selten gelingt die Konfrontation von alter und neuer Kunst so gut wie jetzt in der Orangerie des Wiener Belvedere. Meist bleibt es beim unfairen Wettkampf zwischen einem zeitgeistig Triumphierenden und einem, der sich weder gegen eine Vereinnahmung noch eine Attacke mehr wehren kann.

Umso überraschender und anregender ist das, was sich nun zwischen den artifiziell gewundenen Gebilden des britischen Bildhauers Tony Cragg und den extrem direkten Charakterköpfen des barocken Ausnahmekünstlers Franz Xaver Messerschmidt entspinnt: ein leicht sinniges Duett, das jedem der beiden exaltierten Positionen genug Freiraum, genug Respekt zugesteht - und so ein fast neckisches Spiel der beiden ermöglicht.

Ein vom britischen Skulpturen- Spezialisten Jon Wood perfekt arrangierter Flirt zwischen abstrakten und gegenständlichen Formen, die doch Ähnliches bezwecken: das Nachaußenstülpen eines wilden Innenlebens.

Gleich zu Beginn scheint die unüberwindbare Distanz zwischen den Zeiten auch unübersehbar komisch: Viel zu hoch ist der Sockel, viel zu ausgesucht spöttisch wirken an dieser Stelle Messerschmidts "Erzbösewicht" und "Schalksnarr".

Unter ihnen schraubt sich ein hölzernes Gewinde von Cragg in die Luft; "Out of Sight" heißt es noch dazu. Und weiter geht es in diesem schelmischen Ton: Da recken sich abwechselnd spitze Nasen, vorgeschobene Kinnladen und gespitzte Lippen aus kapriziösen "Kopflandschaften" wie hyperreale Fratzen.

Messerschmidts unverwechselbare Meisterwerke entstanden vorwiegend nach 1770 in Pressburg (heute Bratislava), dem selbst gewählten Exil des ehemaligen Hofbildhauers von Kaiserin Maria Theresia. Und auch Cragg arbeitet abseits der Zentren von Macht - er hat sich für Wuppertal entschieden, nicht etwa für London. Die Verbindungen zwischen beiden sind unübersehbar aber lose genug, um nicht aufdringlich zu wirken. Auf große Umarmungen wird verzichtet, der Zugang ist spielerisch und die Konzentration auf nur 33 Werke stellt noch dazu ein heute seltenes Zeugnis kuratorischer Entschlossenheit dar. Mehr hat es einfach nicht gebraucht.

Das Experiment ist gelungen.

Termin: bis 25. Mai. Katalog: 21 Euro.

Internet: www.belvedere.at

Tête-e-à-tête: Craggs "Bent of Mind" (2002), Messerschmidts "Zweiter Schnabelkopf" (nach 1770)