Ausgabe: 04 / 2008
Seite: 110

Schönwettergedenken

Von Tim Sommer

KOMMENTAR

Wenn der erste Eiswind in die alten Parkanlagen fährt, dann zimmern die Gärtner Schutzhütten für Diana und Venus und was da sonst noch auf den Postamenten steht an Sandsteinpersonal. Es ist ja außer Dienst im Winter.

Seine Funktion ist Schmuck, sonst nichts. Nun steht im Berliner Tiergarten schon seit November eine Holzkiste, und sturmgepeitschte Fußgänger eilen bedenkenlos an ihr vorbei. Darin verborgen ist das "Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen" von Michael Elmgreen & Ingar Dragset, ein leicht verschobener Betonblock mit Videofunktion. Im Turnus von zwei Jahren zeigt es erst Männerküsse im Park, dann einen Film über Lesben. Das bitter nötige Denkmal zur brutalen Verfolgung, systematischen Demütigung und Ermordung Schwuler in der Nazizeit ist fertig, die Presse hat es schon im Herbst gesehen.

Auch der Staatsminister für Kultur hat seinen Informationstext längst auf die Website gestellt. Will man das Denkmal etwa schonen, damit es nicht bald Risse zeigt, wie das für die ermordeten Juden nebenan? Nein. Dem Vernehmen nach wartet man nur auf gutes Wetter für eine gelungene Vernissage.

Die schwule Kultur sei eben hedonistisch, heißt es verstohlen - und der Kunstbetrieb ist es ja bekanntlich auch. So hat das Denkmal eben nur Saisonbetrieb wie die Putten im Park. Scheinbar will es doch nur Schmuck sein und nicht mehr.

Warten auf den Frühling: Denkmal von Elmgreen & Dragset