Ausgabe: 04 / 2008
Seite: 94

Gelebte Geschichte

Von Claudia Bodin

NEW YORK: ARCHIVE FEVER

Eine scharfsinnige Ausstellung untersucht im International Center of Photography das Konzept des Archivs. Sind die vergilbten Fotos unserer Großmutter historische Dokumente oder doch nur austauschbare Momentaufnahmen, die mit den Jahren ebenso verblassen werden wie unsere Erinnerungen? Dass Filme und Fotografien nicht unbedingt die Wahrheit abbilden, wissen wir. Doch was verbirgt sich hinter dem Konzept des Archivs, fragte sich Okwui Enwezor, der als künstlerischer Leiter der Documenta 11 bekannt wurde. Ein Archiv sei schließlich mehr als ein "muffiger, dunkler, träger Aufbewahrungsort für historische Gegenstände", so Enwezor.

Für seine kleine, scharfsinnige Ausstellung im International Center of Photography hat er Arbeiten von 1960 bis heute ausgewählt, in denen Künstler Archivmaterial interpretieren, umgestalten oder in Frage stellen. Schon die Präsentation im Untergeschoss ist gelungen:

Die Wände wurden schwarz gestrichen oder mit Sperrholzplatten verkleidet, so dass man das Gefühl hat, einen Archivkeller zu durchwandern. Manchmal schnürt einem die Macht des Bildes die Kehle zu. Einige der Künstler geben denjenigen eine Stimme, die in Kriegswirren oder bei Revolten ansonsten wohl nur ihren Weg in die Statistiken gefunden hätten. Andere scheinen mit ihren Arbeiten gegen das Vergessen ankämpfen zu wollen - ob in der Montage aus Filmaufzeichnungen vom Prozess gegen Adolf Eichmann ("Ein Spezialist", 1999) des israelischen Künstlers Eyal Sivan oder den nur passbildkleinen und wie schlechte Fotokopien ausse henden Porträts, die Ilán Lieberman von Kindern zeichnete, die in Mexiko verschwunden sind. Privatfotos werden zu Museumsstücken, Fiktion wird durch nachgestellte Bilder zu Realität.

Andy Warhol, der mit seinen Zeitkapseln das Archivieren zur Kunstform erhob, hängt mit einer Arbeit unscheinbar gleich neben der Kantine. Hans-Peter Feldmann hingegen nimmt mit "9/12 Front Page" (2001) einen kompletten Raum ein. Nebeneinander aufgereiht zeigt er die Schlagzeilen von 100 Tageszeitungen aus der ganzen Welt, die einen Tag nach den Anschlägen vom 11. September erschienen. Eine Tragödie verkommt zum Spektakel. Und dennoch fühlt es sich so an, als ob Geschichte zum Leben erweckt würde. Termin: bis 4. Mai. Katalog: ICP/Steidl Verlag, 45 Dollar. Internet: www.icp.org

Wie ein Archivkeller inszeniert: Blick ins Untergeschoss des New Yorker Fotografiezentrums