Ausgabe: 03 / 2008
Seite: 71

Durchgeknallt und unbeliebt

Von Heinz Peter Schwerfel

Im Grand Palais wird das Leben der französischen Königin als Tragödie inszeniert PARIS: MARIE ANTOINETTE

Sie wurde vom Volk gehasst wie keine andere Königin. Heute, mit gebührendem historischen Abstand, wird die jüngste Tochter von Österreichs Kaiserin Maria Theresia, Marie Antoinette, die 1770 im Alter von 15 Jahren mit dem französischen Kronprinzen verheiratet wurde, als Inbegriff unfreiwilliger politischer Tragik verehrt, als ein Opfer europäischer Politik und nationaler Missverständnisse. Kunstgeschichtler adeln ihre legendäre Verschwendungssucht als systematisches Mäzenatentum für die Künstler, Musiker und Modeschöpfer ihrer Zeit. Marie Antoinette ist Kult - nicht zuletzt wegen ihrer Exekution, die 1793 auf der Place de la Concorde als Massenspektakel inszeniert wurde.

Vor dem Eingang zu ihren frisch renovierten Räumen im Petit Trianon in Versailles stehen die Besucher Schlange wie nie. Als einzige Regentin der Geschichte kommt sie ohne Berufsbezeichnung aus, allein der Vorname reicht als Titel für eine große Ausstellung, die mit Hilfe des Bühnenbildners Robert Carsen und über 300 Exponaten opernhaft wie eine Tragödie in drei Akten inszeniert ist:

Marie Antoinette als jugendliche Prinzessin, in Schönbrunn behütet und mit viel Sinn für die Künste erzogen; dann als eigensinnige Herrscherin, ein durchgeknallter Twen, der in Versailles Prunk als Lebensstil zelebriert; schließlich als ungeliebter, in zahlreichen Karikaturen verunglimpfter Fremdling aus Österreich, der ungläubig und ohne jedes politische Fingerspitzengefühl den Aufstand des Volkes verfolgt.

Dekorative Skulptur, Mobiliar und Kunsthandwerk überwiegen in der Ausstellung.

Ihren eigentlichen Höhepunkt erlebt die Inszenierung erst in den Grafiken und Gemälden, darunter zahlreiche Porträts, die Marie Antoinette von sich und ihrer Familie in Auftrag gab. Selten hat eine gezielte Manipulation medialer Selbstdarstellung ihr Ziel so verfehlt.

Denn gegen die vielen Schimpfpamphlete und Karikaturen kämpfte die PR-Abteilung des Königshauses vergeblich an.

Termin: 15. März bis 30. Juni. Katalog: 49 Euro.

Internet: www.grandpalais.fr

"Porträt Marie Antoinette mit der Rose" (1783, 113 x 87 cm) von Elizabeth Louise Vigée-Le Brun