Ausgabe: 03 / 2008
Seite: 68-70

Encyclopaedia Obskurica

Von Mirja Rosenau

Der Kunstverein richtet dem Berliner Künstler seine erste Werkschau aus BRAUNSCHWEIG: CHRISTOPH KELLER

Wer weiß, warum es im Frühsommer 2003 in New York so viel geregnet hat? Womöglich ist tatsächlich der Künstler Christoph Keller Schuld am schlechten Wetter gewesen. Schließlich hatte er auf zwei New Yorker Dächern Apparaturen aufgestellt, die "Orgonenergie" auf den Äther abfeuerten, um Einfluss auf die Wolkenbildung zu nehmen. Die "Cloudbuster"-Maschinen hatte Keller Entwürfen des experimentierfreudigen Psychoanalytikers Wilhelm Reich abgeschaut, der die alles durch wirkende, vermutlich alles erklärende "Orgon"-Kraft um 1940 entdeckt hatte - oder auch bloß frei erfunden?

Die Fakten sind in Kellers Kunst von den Erfindungen kaum zu trennen. Sie macht sich in Sphären auf, in denen sich angeblich Wasserdichtes als durchlässig erweist, wo scheinbar unverrückbare Wahrheiten ihre Autorität einbüßen und Unwahrscheinliches an Plausibilität gewinnt. "Wie kann man in einem nur lückenhaften Zusammenhang von Bildern und Dokumenten eine Geschichte erzählen?", fragt der Künstler, der über ein Studium der Mathematik, Physik und Hydrologie zur Kunst gekommen ist.

Wer nach den Lücken im gesicherten Wissen sucht, wird in jedem Archiv schnell fündig. Christoph Keller hat diverse kollektive Wissensspeicher zum Gegenstand seiner metaarchivischen Installationen gemacht - vom Filmarchiv des Berliner Universitätsklinikums Charité zur "Encyclopaedia Cinematographica", einem vom Tierpsychologen Konrad Lorenz in den fünfziger Jahren lancierten Forschungsprojekt, das mittels mehrerer Tausend zweiminütiger Filme nichts Geringeres als die gesamte bewegte Welt dokumentieren wollte. Für den Braunschweiger Kunstverein, der dem 1967 geborenen Künstler nun unter neuer Leitung von Hilke Wagner eine erste, längst fällige Werkschau ausrichtet, nimmt Keller sich in einer neuen Arbeit der Magnetophonaufzeichnungen des Psychiaters Eberhard Zwirner an, der ab 1932 deutsche Dialekte erfasste und dessen "Deutsches Spracharchiv" zeitweilig im selben Haus wie der Kunstverein residierte. Mit Zwirners Anliegen, auch "die rassischen Seiten des Sprechvorgangs zu erfassen", wäre darüber hinaus die für Keller interessante Dunkelzone aufgemacht, in der sich Wissenschaften und Mystik, Kulturgeschichte, Ideologie und universaler Forschungsanspruch durchdringen und Subjektives jeden Objektivierungsversuch durchkreuzt. Vor diesem Hintergrund hat der Künstler 2002 etwa auch einen Expeditionsbus rundum verspiegelt oder, wie in der Filminstallation "Tour Solaire" (2007), den teleskopischen Blick eines Observatoriums anstatt in den Himmel ins eigene Innere gekehrt.

Auf der Suche nach Lücken zwischen archivisch gesicherten Phänomenen, aus denen Paraphänomenales erwächst, ist er auch im Internet fündig geworden. Unter diversen Verschwörungstheorien findet etwa die im Netz kursierende Annahme Kellers analytisches Interesse, durch Flugbenzinbeigaben werde die Erdatmosphäre gezielt vergiftet. Bilder von Kondensstreifen, vom Künstler gesammelt und neu sortiert, sollen Aufschluss geben.

Vielleicht ließen sich ja die unheimlichen Streifen per Orgonbeschuss neutralisieren.

Wer weiß?

Termin: 8. März bis 12. Mai. Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König 19,90 Euro, im Buchhandel 24,80 Euro. Internet: www.kunstverein-bs.de

Harmlose Kondensstreifen oder Verschwörungsindizien?

Kellers "Chemtrails Project" (2006)

Klimawandel per Orgonbeschuss: Kellers "Cloudbuster"-Apparatur, 2003 in New York aufgestellt