Ausgabe: 03 / 2008
Seite: 74
Eine Leere, die frösteln lässt
Von Birgit Sonna
Das Haus der Kunst richtet dem belgischen Maler eine umfangreiche Werkschau ein MÜNCHEN: LUC TUYMANS
Ein wenig verfrüht annonciert das Münchner Haus der Kunst den Übergang in eine wärmere Jahreszeit. "Wenn der Frühling kommt", frohlockt der triviale Titel einer Werkschau von Luc Tuymans. Doch im Fall des belgischen Malers ist solchen optimistischen Ansagen zu misstrauen. Tuymans' auf den ersten Blick elegische Bilder mit ihren verwaschenen Farben lassen einen eher frösteln. Nicht nur, weil sie farblich eine gewisse Leere, Leblosigkeit und Kälte ausstrahlen, sondern auch die Nichtdarstellbarkeit des Grauens verhandeln.
Als schieres Phantom wird der Nationalsozialismus ebenso wie die Brutalität der belgischen Kolonialmacht in eher nebensächlichen Momenten heraufbeschworen.
Mit dem Ausstellungstitel spielt Tuymans auf eine Propagandazeitschrift der Wehrmacht an. Die mittlerweile an die Londoner Hayward Gallery gewechselte Kuratorin Stephanie Rosenthal will mit ihrer Abschiedsausstellung eine Klammer zwischen einer klassischen Retrospektive und der Verortung der Bilder im ehemaligen Kunsttempel Hitlers herstellen: "Die Bilder von Tuymans sind ein schneidender Kommentar zur deutschen Geschichte, auch wenn sie dies nicht immer explizit sein wollen." Rund 90 Werke aus über 30 Jahren sind in der Schau versammelt, zugleich bekommt man auch Einblicke in die Arbeitsweise von Tuymans. Das Verblichene der möglichst abstrakt gehaltenen Schauplätze und Täter ist ein Stück weit technisch bedingt. Als Vorlage dienen dem 1958 geborenen Maler häufig Polaroidaufnahmen:
"Was mich an Polaroids fasziniert, ist ihre Verwandtschaft mit der Art, wie ich male: Ich beginne mit der hellsten Farbe, dann gehe ich zu stärkeren Kontrasten über, und in gewisser Weise tun Polaroids dasselbe." Auch das eigens für das Haus der Kunst gemalte Wandbild "Alice in Wonderland" lädt nicht in ein Fantasia ein.
Es erinnert vielmehr daran, dass die feierliche Eröffnung des Disneyland-Parks 1955 im kalifornischen Anaheim von technischen Pannen überschattet wurde.
Konstruierte Scheinwelten des Glücks sind für Tuymans per se zum Scheitern verurteilt. Die Sehnsucht nach dem Frühling bildet da keine Ausnahme.
Termine: 2. März bis 12. Mai. Weitere Station: 30. Mai bis 17. August, Zacheta - Nationalgalerie für Kunst, Warschau. Internet: www.hausderkunst.de
Leere, Leblosigkeit, Stille: menschenleeres "Studio" (2002, 206 x 300 cm)
