Ausgabe: 03 / 2008
Seite: 39

Die Macht der bestickten Unterhose

Von Thomas Wagner

Kunst lebt von Verschwendung, meint . Darum ist der schräge Hollywood- Regisseur Erich von Stroheim mit seinen "verrückten Investitionen" ein passendes Vorbild

Alexander Kluge erzählt in seinen "Geschichten vom Kino" eine wahrhaft eigenwillige Story. In ihrem Zentrum steht der österreichische Schauspieler und Regisseur Erich von Stroheim (1885 bis 1957), der, wie Kluge den Leser sogleich aufklärt, sich der große "Von" nennen ließ, obwohl er von Hause aus gar nicht adelig war. In der Tat pflegte er in Hollywood ein Image als Abkömmling eines alten Adelsgeschlechts und behauptete, sein voller Name sei Graf Erich Oswald Hans Carl Maria Stroheim von Nordenwald. Auch gab er an, als Kavallerieoffizier gedient zu haben, was ihm immer wieder Rollen als Militär eintrug.

In Kluges Geschichte geht es aber nicht nur um Stroheim, den schrägen Vogel mit dem Monokel. Im Zentrum der Geschichte steht auch die Kunst selbst, das Spiel mit dem Symbolischen und dessen oft unsichtbare, schwer messbare, aber gleichwohl nachhaltige Wirksamkeit. Oder sollen wir sagen, die kleine Anekdote, um nicht mehr handelt es sich nämlich. Sie gebe uns ein Beispiel dafür an die Hand, wie wirksam etwas sein kann, dessen Funktion man nicht mit "normalen" Maßstäben, ja womöglich überhaupt nicht messen kann?

Die Geschichte geht so: Stroheim, der aus Wien stammte und der Sohn eines Hutfabrikanten war, wurde, als er nach Hollywood kam, zunächst als Stuntman eingesetzt, spielte dann in der Komparserie und wurde schließlich der Schauspieler und Regisseur, als den wir ihn kennen.

Was er auch tat, er versah sich, so betont Kluge, mit dem Image "verrückt", weil er erkannte, dass die Filmindustrie ein unabweisbares Bedürfnis danach hatte. Also hat der große "Von", um sein Image entsprechend zu pflegen, für die 200 Komparsen eines Films, der am Hof der k.u.k. Monarchie spielte, "Männerunterhosen mit eingesticktem Wappen eines Garde-Kavallerie-Regiments anfertigen lassen." Sein Produzent protestierte - wegen der Kosten. Er verstand überhaupt nicht, was das sollte.

Man sieht die Unterhosen im Film doch gar nicht.

"Man sieht sie im Ausdruck der stolzen Gesichter", rechtfertigte von Stroheim seine kostspieligen Kostümwünsche.

Tatsächlich, stellt Kluge lakonisch fest, "verstanden die Produzenten in diesem Film sowenig wie in anderen die Wirksamkeit der ,verrückten Investitionen', mit denen von Stroheim seinen besonderen Status befestigte. Für sie war er ein Hochstapler, ein Verschwender; im Krach wurde der große ,Von' entlassen, die Studios boykottierten ihn als Regisseur." So ergeht es den Verschwendern, wo eine andere Ökonomie als die der Kunst das Sagen hat. Und so ist das mit der Kunst und ihren "verrückten Investitionen". Es muss ja nicht immer bestickte Unterwäsche sein. Warum hat Vincent van Gogh ein ganz bestimmtes Gelb gesucht?

Warum filmt Andy Warhol nur einen Mann im Schaukelstuhl, der einen Pilz isst? Warum verlangsamt ein Künstler wie Douglas Gordon einen berühmten Spielfilm von üblicher Länge, bis er einen ganzen Tag dauert? Warum ist Rodney Graham auf einem fotografischen Diptychon ein Schauspieler, der vorgibt, Cary Grant zu sein, der in Wirklichkeit Alexander Archibald Leach hieß, der, in Hitchcocks "Über den Dächern von Nizza" vorgibt, John Robie zu sein, der vorgibt, ein Angler zu sein - um der Polizei, sprich dem Zugriff einer bestimmten Ordnung, zu entgehen?

Warum wurde auf Goldgrund gemalt? Warum wird von einem Perfektionisten wie Stanley Kubrick erzählt, seine Filme, an denen er mehrere Jahre arbeitete, seien besonders teuer gewesen, wo doch nur wenige am Set und die Kosten im Vergleich zum Ergebnis eher gering waren?

Und warum arbeitete Marcel Duchamp über fünf Jahre an seinem "Großen Glas"?

Die kleine Geschichte von der "Aura des Besonderen" ist freilich noch nicht zu Ende. "Alle Filme", fährt Alexander Kluge fort, in denen von Stroheim "den Glücksbringer gespielt hatte, waren Erfolge gewesen. Die nachfolgenden Filme ohne ihn brachten den Produzenten Verluste. Das lag weder an den Regisseuren noch an den Stoffen, sondern daran, dass diese Filme nicht die Aura des Kostspieligen aufwiesen. Alle vier Firmen, die ursächlich an der Entlassung und dem Boykott des großen "Von" beteiligt gewesen waren, registrierten Verluste." Kunst rechnet eben mit Verausgabung.

Sie ist ein Potlatsch und verschwendet sich, selbst wo sie nicht kostspielig ist.

Warum wird auf Goldgrund gemalt, warum suchte Vincent van Gogh ein ganz bestimmtes Gelb, warum filmte Warhol einen Mann im Schaukelstuhl?