Ausgabe: 03 / 2008
Seite: 30-38

Restlicht der Moderne

Von Thomas Wagner

Der Kölner Künstler Heribert C. Ottersbach ruft uns die Utopien des 20. Jahrhunderts zurück ins Gedächtnis - seine schemenhaften, verwitterten Bilder sind ein Spiegelkabinett der gescheiterten Träume

Da sitzen sie, eingepfercht in einen überdimensionalen Ein kaufskorb wie in einen Käfig. Ängstlich ducken sie sich, die Unbeholfenen, und schlagen verzweifelt die Hände vors Gesicht. Flankiert wird die kleine Konsumtruppe auf der linken Seite von einem, der sich wie ein Veitstänzer gebärdet. Es handelt sich, wie ein anderes Gemälde verrät, um "Jason", den Räuber des Goldenen Vlieses in der griechischen Argonautensage. Ihm gegenüber steht, hantierend zur Seite gedreht, ein Mann im Overall und mit Helm: ein Techniker des Fortschritts. Mythos, Konsum und Technik - alles scheint verfehlt, prasseln doch auf alle Protagonisten Gesteinsbrocken herab wie bei einer Steinigung. "Die Glücksucher" heißt das Bild lapidar.

Es mutet verwegen und anachronistisch an, wenn ein zeitgenössischer Maler gegen das Unverbindliche aufbegehrt und daran geht, sich Vergangenes noch einmal vorzunehmen, um die Zukunft zu gewinnen. Heribert C.

Ottersbach, 1960 in Köln geboren, gehört zur Sorte der Hartnäckigen. Er lässt nicht locker. Und so taucht er ein in die Archive, damit sich seine Bilder mit Erinnerung vollsaugen wie ein Schwamm. Nicht zufällig hat er sich in den letzten zehn Jahren zu einem der beständigsten und radikalsten Maler der Generation nach Polke, Richter und Anselm Kiefer entwickelt. Zu malen begonnen hat er - mit düster-melancholischen Szenerien - Mitte der achtziger Jahre, als es nicht gerade viel versprechend war, Maler zu sein, zumal wenn man nicht neoexpressiv agierte und eine geschichtsbewusste Malerei favorisierte, die über ihre eigenen Möglichkeiten nachdenkt.

Was ihn umtrieb, war nicht das eigene kleine Ich, eher das Bild gewordene geistige Raffinement Sigmar Polkes, die Strenge der Fotoserien von Industriebauten Bernd und Hilla Bechers - und natürlich Gerhard Richters skeptische Überbietung der Fotografie durch die Malerei. Also suchte er selbst nach Möglichkeiten, die Malerei im Dialog mit der Fotografie und den Ereignissen der jüngeren deutschen Geschichte zu überdenken. Mit Konsequenzen für den Produktionsprozess.

Ottersbach entwickelt seine Kompositionen am Computer, bevor er sie auf die Leinwand überträgt.

Für Ottersbach ein Medium der Erkenntnis, ein Feld, auf dem sich, was sich denken und entwerfen lässt, als Bild behaupten und anschaulich bewähren muss. Ottersbach, der unter anderem Philosophie studiert hat, ist kein Konzeptkünstler; seine Bilder sind weder Thesen noch Pamphlete. Vielmehr fragt er, was das gemalte Bild von einem fotografischen Abbild oder anderen Formen der Reproduktion unterscheidet.

Lassen sich Szenen entwerfen, die mehr sind als Abziehbilder oder willkürliche Interpretationen vergangener Ereignisse? Lässt sich mit den Mitteln der Malerei heute noch eine kritische Distanz herstellen? Wurde in der Malerei schon alles durchexerziert, oder lassen sich noch Bilder malen, die nur unter den besonderen medialen Bedingungen unserer Gegenwart entstehen können?

Ironisch befragt Ottersbach deshalb historische Künstlertypen. Der "Stalker" nach dem Filmklassiker von Andrej Tarkowskij ist einer von ihnen - der Scout, der Menschen in eine besondere Zone begleitet, die auf der Suche nach einem Zimmer sind, in dem sich Wünsche erfüllen, ist einer von ihnen. Jason, der antike Glückssucher als Sturmgeschütz der Moderne, der Jäger eines sagenhaften Schatzes, der mit dem Motorrad flieht, ist ein an derer.

Oder taugt Torquato Tasso zum Exempel, der prototypische Staatskünstler aus Goethes Drama, bei Ottersbach Bürohengst und Schreibtischträumer, ein Akten fressender Mann mit hoher Stirn, dessen Tisch dabei ist, wegzubrechen wie Eisschollen in der Arktis?

Allzu viele aus der jungen Garde der neudeutschen Malerei dekorieren derzeit die Leere ihrer Innenschau und verlieren sich zwischen der ans Mythische grenzenden Verklärung ihres Jugendzimmers und einer eitlen Abstraktion, die für nichts Wirkliches mehr einsteht. "Man strebt im Kunstbetrieb", meint Ottersbach spitzbübisch, "vorgeblich nach den höheren Provokationen und folgt dennoch zumeist den niederen Instinkten." Er aktiviert statt dessen einen Röntgenblick, der die Abziehbilder der Medien durchleuchtet.

Ob, was sichtbar wird, figürlich oder abstrakt, naturalistisch oder als Phantasmagorie erscheint, ist unwichtig.

Nachdem sich die Malerei an der Fotografie abgearbeitet hat, scheint vieles wieder möglich.

Und so erscheint die Welt, wie Ottersbach sie malt, fahl, opak, wie ausgewaschen und verwittert. Gebäude, Landschaften, Interieurs, Fabrik- und Turnhallen, Hangars, Kriegsschiffe und urbane Räume - alles bleibt schemenhaft, wie unter einem Schleier des Uneindeutigen verborgen. Die Frische des Augenblicks ist verloren; es paradieren Nachbilder und Vorstellungen.

Das schafft Distanz und verhindert eine Identifikation. Man glaubt, die Szene wiederzuerkennen, und vermag sie doch nicht zu begreifen. Ottersbachs Gemälde, stets delikat gemalt, haben nichts Kulinarisches. Ottersbach tritt die Flucht nach vorne an und addiert Fragmente aus unterschiedlichen Quellen, bis die Bilder, die daraus hervorgehen, sich vollgesogen haben mit vielfältigen Spekulationen über die Wahrnehmung des Wirklichen.

Was er malt, existiert nur als Bild und skeptische Vision.

Dabei ist es immer wieder die Moderne mit ihren Träumen, Vorschriften und Erlösungsversprechen, die er sich vornimmt. Er begreift sie als militärisch- industriellen Komplex, dessen Terror der Reinheit die Kunst gängelt und ihre Möglichkeiten über Gebühr beschränkt. Vorgeführt wird die Moderne als nüchterne Architektur, als kriegerisches Geschehen und - in eigenartigen Turnhallen - als der Ort ästhetischer Ertüchtigung. Als Bildstörung schieben sich immer wieder abstrakte Rechtecke vor das Motiv und lassen das Bild zwischen Illusionsraum und Fläche oszillieren. Ob in den "Modernebildern" von 1995 bis 1997 oder in dem monumentalen Zyklus "Echtzeit 6889" von 2003, in dem Ottersbach die jüngere deutsche Geschichte wie ein Nomade durchwandert - es geht stets darum auszukundschaften, was noch möglich ist - im großen Bogen einer historischen Erzählung, im Porträt und in der Landschaftsmalerei.

Nicht nur diese Gemälde zeigen keinen festen, ein für allemal fixierten Zustand der Welt. Geschichte erscheint als offenes Feld. Nach 1989, nach dem Ende des ideologischen Zeit alters und dem Scheitern der politischen und ästhetischen Moderne, habe sich, so Ottersbach, eine neue, unerwartete Freiheit ergeben: "Es geht heute vielleicht eher darum, dieses sich unerwartet öffnende Freigelände als solches zu begreifen und zu nutzen." Immer wieder befragt und durchleuchtet der Maler die Utopie der Kunst, die an die Idee des Fortschritts gebunden ist. Aus ihrem Scheitern zieht er die Konsequenz:

Der Künstler muss das Projekt der Weltverbesserung aufgeben.

Wie soll man mit der Erinnerung an die Utopie umgehen?

"Nie war es möglich", so Ottersbach, "sich der Erinnerung, der Archive, des Materials zu bedienen wie heute. Wir leben in einer Zeit und in einer Gesellschaft, die dazu neigt, alles und jedes sofort zu archivieren.

Die Dinge werden somit schnell einer Anonymität und auch zugleich dem Vergessen überantwortet." Auf diesen permanenten Sturz ins Vergessen antwortet Ottersbachs Malerei. Denn bei all den Daten und der nicht annähernd zu überblickenden Menge an Bildern, die in den Archiven lagern und in den elektronischen Netzen zirkulieren, handelt es sich eben nicht um ein, wenn auch virtuelles, kollektives Gedächtnis.

Im Gegenteil. Wie der gelebte Augenblick von einer eigenen Dunkelheit, so ist unsere Gegenwart umgeben von einem riesigen Areal des kollektiv Ungewussten, von Übersehenem, Vergessenem und Unbewusstem.

An diesem arbeitet sich Ottersbachs Malerei ab. Mit einer besonderen Pointe:

Denn wenn es kein gültiges, kein kollektiv beglaubigtes Bild der Vergangenheit und der Gegenwart gibt, dann kann man es ebenso gut aus den Fragmenten des Visu ellen konstruieren.

So entsteht auf den Trümmern der Geschichte eine veränderte Perspektive:

"Aus solcher Offenheit gegenüber den neuen Möglichkei ten einerseits und der Wiederbelebung verloren gegangener Möglichkeiten an dererseits könnte sich vielleicht ein neuer, weiter gefasster Kanon entwickeln, der etwas möglich werden lässt, was ich malerische Souveränität und Kompetenz nennen möchte." Nüchtern stellen wir fest: Keine Heilung durch Kunst. Keine durch den Künstler. Kunst, das bekräftigt Ottersbach, ist kein "Sozialkitt, kein politischer Weichspüler oder gar intellektueller Wohlfühlfaktor". Das Pathos der Totalität verfängt nicht mehr. Im aber, so die Hoffnung, werden vielfältige Möglichkeiten sichtbar. "Das unentwegte Bedürfnis nach Abstraktion und Idylle" heißt das fahle, 2006 entstandene Gemälde einer Waldlichtung. Es ist kein vor der Natur gemaltes Bild der Natur, sondern eine geistige Landschaft, die in der Kunst existiert. Natur und Widernatur, ein Dickicht - wie unsere Gegenwart. In ihr kann man sich ebenso wenig seiner Sache sicher sein wie beim Betrachten eines Gemäldes von Heribert C. Ottersbach.

Ausstellungen: "Hälfte des Lebens", 7. März bis 4. Mai, Altana-Kulturstiftung, Bad Homburg. Danach 16. Oktober bis 11. Januar 2009, Museum Villa Stuck, München; "Erziehung zur Abstraktion", 11. Mai bis 7. September, Mathildenhöhe, Darmstadt; "Arkadia-Block", 28. November bis 15. Februar 2009, Hamburger Kunsthalle. Kataloge: Bad Homburg und München, Wienand Verlag, 25 Euro, im Buchhandel 29,80 Euro; Darmstadt, Hatje Cantz Verlag, Deutsch/Englisch, 34 Euro, im Buchhandel 39,80 Euro. Literatur: "In Erwartung der Ereignisse.

Werke 1995-2006" Hatje Cantz Verlag, Deutsch/Englisch, 29,80 Euro

Der berühmte Dichter, bei Ottersbach ein Bürokrat: "Torquato Tasso (II)" (2004, 175 x 240 cm). Rechte Seite:

"In Erwartung der Ereignisse" (2004, 200 x 185 cm) zeigt eine Straßenszene aus den sechziger Jahren

Gebaute Eintönigkeit:

"Erziehungsanstalt" (2005, 180 x 260 cm)

Oben: "o. T. (großer Waldspaziergang)" (2006, 175 x 240 cm), gemalt nach einem Foto des Künstlers, rechte Seite: "Erziehung (Die Eltern)" (2004, 170 x 120 cm), Anspielung auf den pädagogischen Anspruch der Moderne. Unten: "Jasons Flucht" (2004, 65 x 85 cm, Argonauten-Zyklus)

Ottersbach arbeitet sich an übersehenen und vergessenen Ereignissen ab

Der Maler taucht ein in die Archive, damit sich seine Bilder mit Erinnerungen vollsaugen wie ein Schwamm

Die Figuren stehen für Mythos, Konsum, Fortschritt:

"Die Glücksucher" (2004, 175 x 260 cm)

Es geht stets darum, auszukundschaften, was noch möglich ist in der historischen Erzählung, im Porträt, in der Malerei

Heribert C.

Ottersbach in Köln vor dem alten Stadtflughafen Butzweilerhof - hier ist sein Atelier (Foto: Ludolf Dahmen)