Ausgabe: 03 / 2008
Seite: 8

Studio

Von

New York, Paris, London, Moskau: Die Metropolen der Welt sonnen sich im Glanz ererbter Monumente und nagelneuer Prunkbauten. Berlin ist anders. Hier wird in einem selbstquälerischen Abschiedsdrama über Jahre hinweg die Demontage des Palastes der Republik zelebriert. So schafft sich jede Nation ihre Denkmale: Wir bauen eben im Herzen der Hauptstadt an einer grandiosen romantischen Ruine - die immer, immer kleiner wird.

320 Liter rosafarbenes Gesichtstonikum sausen aus fünf Metern in die Tiefe, an anderer Stelle schießt ein kräf tiger Strahl dunkelblauer Tinte in ein Auffangbecken, daneben fließen Milch, Glycerin, Waldmeistersirup und Rotwein. Es spritzt von allen Seiten und riecht wie im Laboratorium eines exzentrischen Chemieprofessors.

Die ita lienische Künstlerin Paola Pivi hat den Frankfurter Portikus in eine feucht-fröhliche Cocktail-Party verwandelt.

Also: Regencape überziehen und bis zum 9. März mitplanschen. Mehr Infos: www.art-magazin.de/pivi

Als der Fotograf Eivind Lentz 40 000 Handybilder sichtete, die ein norwegischer Fernsehsender von Zuschauern für eine Sendung angefordert hatte, fiel ihm etwas auf: Die Leute knipsen ständig das Gleiche. Am beliebtesten sind Tachos am Anschlag, üppige Dekolletés, rote Autos, blaue Augen, lustige Brillen und Sonnenuntergänge. "Es waren auch ziemlich viele Pornobilder dabei", berichtet Lentz. "Die Leute verlieren die Scheu, so Privates öffentlich zu machen, weil heute überall Kameras sind." 100 Motive in je neun Versionen hat Lentz jetzt als Buch herausgebracht.

Infos: www.eivindlentz.com

Der ISO 668 ist die ultimative Verpackung für das Leben.

Der Norm-Container mit rund 30 Quadratmetern Nutzfläche kann als modulares Bausystem jede Dimension erreichen, inhaltlich ist er völlig unbestimmt und als Wohnraum extrem mobil. Neuer Job, neue Liebe oder einfach langweilig - ab auf den Laster und woanders angedockt. Da werden alle Stadtutopien der letzten 100 Jahre wahr. Um nicht als altmodische Verpackungs künstler zu gelten, bauen Architekten deswegen jetzt selbst mit Containern. Wohnanlagen, Flagshipstores und Kreuzfahrtterminals gibt es bereits aus der Box (art 12/2002). Eine Auto bahnkirche und eine Antarktisstation werden gerade mit dem ISO 668 gebaut. Kunst als vagabundierendes Luxusgut darf sich diesem Trend natürlich nicht verschließen. Shigeru Ban hat kürzlich eine reisende Kunsthalle aus Containern errichtet. Meistens verwenden Architekten ihn aber metaphorisch. Herzog & de Meurons Erweiterung der Tate Modern in London, das Science Center von Rem Koolhaas in Hamburg und das New Museum of Contemporary Art von SANAA in New York versehen die Stapelware mit einer neuen Haut, und schon ist aus dem Frachtbehälter ein poetisches Symbol geworden - dessen Charme allerdings endet, wenn das zur neuen Norm wird.

Ist klar. Die Rembrandt-Zahnpasta wurde nicht wirklich nach dem großen Harmenszoon van Rijn benannt, der Giotto-Klebestift hat nichts mit der Frührenaissance zu tun und die Würstchendose schon gar nichts mit Francisco de Goya. Aber genau darum geht es hier doch: um die unfreiwillige Komik, die profanen Alltagsdingen mit Meisternamen innewohnt. Der Freiburger Kunsthistoriker und Künstler Mi chael Klant sammelt seit Jahren auf seinen Reisen Produkte mit Künstlernamen.

70 werden nun vom 1. März bis zum 4. Mai im Freiburger Museum für Neue Kunst ausgestellt, dazu erscheint auch ein Katalog. Weiterführende Infos unter: www.museen.freiburg.de

DIE ART-HOME-STORY ( 8 )

Zu Gast bei Mariella Mosler Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Handschuhe Die trage ich beim Arbeiten mit Bronzegüssen.

Sie sind schön billig und obendrein mit süßem Blümchenmuster dekoriert.

An den Fingerspitzen klebt jede Menge Wachs, den ich zum Befestigen oder Unterfüttern meiner Masken benutze.

Dadurch vermeidet man, dass beim Gießvorgang der Plastiken Löcher entstehen.

Tiermasken Die Tigermaske ist ein Massenprodukt, wahrscheinlich aus China, die Igelmaske ha be ich auf einem Flohmarkt in Berlin gefunden. Sie stammt aus den fünfziger Jahren, ist aus Pappmaché und handbemalt. Masken interessieren mich, weil sie genauso viel zeigen, wie sie verbergen.

Toni Diese Gießkanne ist für meine Sandarbeiten inzwischen unersetzlich.

Ein Bekannter von mir hat sie als spezielles Werkzeug dafür angefertigt und "Toni" genannt. Der Name ist übrigens frei erfunden und hat nichts mit dem Erfinder zu tun.

Toni wird mit Sand gefüllt. Beim Schütten lässt der dünne Gummischlauch die Quarzkristalle ganz fein und in geringen Massen auf den Boden rieseln. So können die extrem feinen Linien und Ornamente meiner Sandarbeiten geformt werden.

Kokosnüsse Kokosnüsse mag ich besonders gerne, nicht zum Essen, sondern weil sie Gesichter haben. Sie sind die perfekten Naturskulpturen. Ich habe sie schon länger hier im Atelier liegen und weiß noch nicht, was ich damit anfangen werde.

Auf jeden Fall müssen immer mehrere Nüsse nebeneinander liegen, damit man die unterschiedlichen Gesichtszüge erkennen kann.

Gummibälle Die bunten Bälle habe ich in einem 50-Cent-Laden gekauft. Eigentlich sind es Kaubälle für Hunde. Vielleicht mache ich daraus ein Bronzeobjekt, indem ich das weiche Material aufschneide, die einzelnen Stücke mit einem Tacker aneinander hefte und das als Form für einen Metallguss verwende. Ich mag es, komische Alltagsgegenstände in meine Werke zu integrieren.

Containerästhetik als neuer Architekturtrend:

Das "New Museum" von SAANA in New York ist schon fertig, ganz links Herzog & de Meurons Plan für den Anbau der Londoner Tate Modern, unten der Entwurf für das "Science Center" in der Hamburger Hafencity von Rem Koolhaas

Profane Produkte wie Klebestift, Würstchen oder Zahnpasta schmücken sich - mehr oder weniger absichtlich - mit den Namen großer Künstler. In Freiburg ist noch mehr zu sehen

Mariella Mosler in ihrem Hamburger Atelier.

Galerie: www.white trashcontemporary.com