Ausgabe: 03 / 2008
Seite: 18-29
Trocken war gestern
Von Kristina Raderschad Christian Schaulin
In den Neunzigern bekam das niederländische Design ein Gesicht: Die Gruppe "Droog" - trocken - entwickelte mit Humor und Alltagsnähe ein neues Designverständnis. Nun entlässt die holländische Revolution ihre Kinder: Eine neue Generation entwickelt das "Droog"-Erbe mit Witz und Innovationsfreude weiter
Design aus den Niederlanden sorgt international für Aufsehen - und ist gefragt wie nie. Die alljährliche Ausstellung der Abschlussarbeiten an der Designakademie Eindhoven zieht Besuchermassen an, von denen andere europäische Designhochschulen nur träumen können. Namhafte Galeristen wie Rosanna Orlandi aus Mailand oder Murray Moss aus New York wetteifern dort darum, die vielversprechendsten Talente vom Fleck weg unter Vertrag zu nehmen.
"Jeder will der erste sein, der das nächste große Ding entdeckt", kommentiert Li Edelkoort, Leiterin der Akademie, den Run auf die jungen nie derländischen Designer. Murray Moss etwa, Amerikas Designgalerist Nummer eins, kann sich über jährliche Preis steigerungen für die kunstvollen Einrichtungsunikate seines Schützlings Maarten Baas freuen. Er hatte ihn gleich nach dem Diplom vor vier Jahren unter Vertrag genommen. Ein Steinway-Flügel, den der 30-Jährige kürzlich mit dem Bunsenbrenner zu einer rauchschwarzen Skulptur veredelte, brachte zur Eröffnung der Moss- Dependance in Los Angeles stolze 155 000 US-Dollar ein.
Die eigenwilligen und häufig experimentellen Entwürfe der Niederländer treffen den Nerv der Zeit. Wenn Möbeldesign von der Stange dank Ikea und Co. überall für wenig Geld zu haben ist, muss Design mehr leisten als die Gestaltung funktionaler Alltagsgegenstände. Ausdrucksstarke Objekte mit dem Zeug zur Designikone befriedigen die Suche nach dem Besonderen innerhalb des konformen Massenmarkts. Funktionale Aspekte treten dabei hinter starken Konzepten zurück - was nicht bedeutet, dass etwa der angekokelte Flügel von Maarten Baas nicht benutzbar wäre.
"Form follows function", der viel zitierte Gestaltungsgrundsatz der Moderne, hatte auch in den Niederlanden lange Zeit scheinbar universelle Gültigkeit; klassisches Industriedesign von Gestaltern wie Benno Premsela, Friso Kramer oder Kho Liang Ie für Firmen wie Artifort oder Ahrend war bis in die achtziger Jahre vorherrschend.
Mit der Postmoderne und deren Motto "Alles geht" brach das Funk tionalitätsdogma allerdings auf.
Der Lehrplan an der Eindhovener Akademie, der traditionell wichtigsten Designhochschule des Landes, wurde verändert; statt der industriellen Norm sollten nun der Mensch und seine Bedürfnisse ins Zentrum rücken.
Das neue Motto hieß: "Form follows concept." 1987 begann der Designer Gijs Bakker an der Akademie zu unterrichten, fünf Jahre später gründete er mit der Kunsthistorikerin und Publizistin Renny Ramakers in Amsterdam die Designplattform Droog (trocken) - der Beginn einer neuen Ära im niederländischen Design. Robert Thiemann, Herausgeber des führenden Designmagazins "Frame", sagt heute:
"In den neunzi ger Jahren wurde Droog quasi gleichbedeutend für das niederländische Design." Von Droog vertriebene frühe Entwürfe von Gestaltern wie Jurgen Bey, Hella Jongerius oder Gijs Bakker zitierten althergebrachte Alltagsgegenstände und kleinbürgerliche Einrichtungswelten, die auf hintergründige, oft ironische und manchmal gesellschaftskritische Weise verfremdet wurden.
"Auf einmal war die Idee hinter den Dingen entscheidend", so Thiemann.
Ein Stuhl wurde nicht mehr nur als Gegenstand betrachtet, auf dem man sitzt, der in einer Fabrik produziert, verpackt und verkauft werden muss, sondern als ein Objekt, das Bedeutungen und Erinnerungen transportieren, Zugehörigkeiten definieren und Geschichten erzählen kann. Die niederländische Avantgarde bediente sich dabei neuer Werkstoffe und Produktionstechnologien genau so wie traditionellem Handwerk - Bootsbau, Porzellanherstellung, Lederverarbeitung.
Immer wieder wurden Dinge zusammengebracht, die nicht zusammengehörten; legendär der prächtige Droog-Kronleuchter "85 Lamps" aus nackten Glühbirnen von 1993.
Heute, so scheint es, definiert der Geist der Designergruppe Droog das niederländische Design. Auch in der jüngeren Generation lebt der trockene Humor und der manchmal sperrige Individualismus der Gruppe weiter.
"Unser Charakter ist verwurzelt im Ton und im Wasser, aber gleichzeitig stecken wir mit unseren Köpfen immer in den Wolken", erklärt die international bekannte Trendforscherin Li Edelkoort das Phänomen. "Wir sind auf dem Boden geblieben, realistisch und nüchtern, und dabei gleichzeitig visionär." Förderung vom niederländischen Staat und Institutionen wie dem EKWC (European Ceramic Work Centre), das Stipendien für Forschungsund Lernaufenthalte vergibt, Hersteller wie Droog oder Cor Unum, die junge Designer mit Entwürfen beauftragen, oder Museen wie Boijmans Van Beuningen in Rotterdam, die junge Talente ausstellen, be kannt machen und fördern - das alles bildet den Nährboden, auf dem sich die niederländischen Designer in den vergangenen 20 Jahren hervorragend entwickeln konnten.
Ganz nebenbei sind der künstlerischen Freiheit in den liberalen Niederlanden kaum Grenzen gesetzt:
"Hier kannst du sogar bewusstseinserweiternde Drogen zu dir nehmen, wenn du der Meinung bist, das bringt deine Arbeit voran", so Li Edelkoort schmunzelnd. Während des Studiums fordert sie die angehenden Designer auf, die Grenzen des Produktdesigns auszuloten und zu erweitern, fachüber greifend zu arbeiten und ihre Umwelt aufmerksam zu analysieren.
Aspekte wie Recycling und Nachhaltigkeit sind Teil des Designprozesses.
So konzipierte Maarten Baas etwa seine "Smoke"-Möbel als Gegenreaktion zu gesichtsloser Massenproduktion in Zeiten der Globalisierung: "Ich habe mich irgendwann gefragt, warum zum Teufel ich den tausendsten Stuhl entwerfen soll - wieso traut man sich als Konsument eigentlich nicht, Möbeln von der Stange seinen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken?"
DEMAKERSVAN Die drei Mitglieder der Gruppe Demakersvan (Die Macher von), alle geboren 1976, nahmen die Vermarktung ihrer 2005 an der Designakademie Eindhoven präsentierten Diplomarbeiten selbst in die Hand - und hatten schnell Erfolg. Der Hocker "Lost & Found" von Judith de Graauw, mit alten Lederverarbeitungstechniken gefertigt, steht bereits in der Sammlung des MoMA in New York. Jeroen Verhoevens Tisch "Cinderella" erzielt Verkaufspreise von bis zu 200 000 Euro. Die drei verbinden computergestütztes Design mit Handwerk; sie arbeiten in einer Lagerhalle am Rotterdamer Hafen, träumen aber von einem Anwesen auf dem Land. "Während des Studiums haben wir auf einem Bauernhof gelebt - eine riesige Spielwiese für unsere Ideen." www.demakersvan.co
JORIS LAARMAN Der 1979 geborene Laarmann ist der jüngste Stern am holländischen Designhimmel. Mit "Heatwave", einem Heizkörper in Form eines Rokoko- Ornaments, schloss er 2003 das Studium in Eindhoven cum laude ab. "Der Funktionalitätsanspruch der Moderne und die überbordenden Formen der Postmoderne müssen sich nicht ausschließen", findet Laarman. "Manchmal ist eine hoch dekorative Form sogar funktionaler als ein nüchternes, geradliniges Design.
Ein Heizkörper braucht eine große Oberfläche, um Wärme abzustrahlen, und das ist mit der Ornamentform gegeben." Auch bei seinen Stuhlentwürfen verbindet Laarmann das Bildhafte mit dem Funktionalen: Der "Bone Chair" und die "Bone Chaise" imitieren die Struktur von Knochen. www.jorislaarman.com
WIEKI SOMERS Eine Blumenvase, die selbst organisch zu wachsen scheint?
Eine weich anmutende Form aus steinharter Keramik? Das Überraschungsmoment in scheinbar vertrauten Gegenständen zeichnet das Design von Wieki Somers aus. In ihrem Studio am alten Hafen in Schiedam entwirft die 32-Jährige Möbel, Leuchten und Accessoires. Bekannt geworden ist die Designerin mit prägnanten Arbeiten aus Keramik. Der "High Tea Pot" ist eine schaurig-schöne Teekanne aus feinstem Porzellan, die der Form eines Tierschädels nachgebildet ist. Sie bringt alle Eigenschaften auf den Punkt, die für Somers' Arbeiten charakteristisch sind: ein fragiles Äußeres, hinter dem sich immer ein starkes Konzept verbirgt; die Vereinigung von Edlem und Einfachem, Anziehendem und Abstoßendem in einer poetischen Form. www.wiekisomers.com
MAARTEN BAAS Im Studio Baas wähnt man sich eher im Künstleraltelier denn in einem Designbüro: Mit Hilfe seiner Assistenten fertigt der 30-Jährige in einer ehemaligen Autowerkstatt bei Eindhoven Möbel als expressive Unikate. Die plastischen Stühle aus seiner Serie "Clay" etwa werden wie Knetmännchen aus einem strapazierfähigen Industrieton geformt und nach dem Trocknen in Bonbonfarben lackiert. Und für die Serie "Smoke" bearbeitet Baas Antiquitäten, Billigmöbel oder Klassiker wie den Zigzag-Chair von Gerrit Rietveld so lange mit der Flamme eines Gasbrenners, bis sie zu kohlschwarzen Skeletten werden. Auf Anfrage verwandelt Maarten Baas übrigens auch persönliche Lieblingsstücke mit dem Bunsenbrenner in pechschwarze Kunstwerke - so ließ Akademie-Chefin Li Edelkoort sich von ihm ihr Klavier verkokeln. www.maartenbaas.com
CHRIS KABEL Er vergleicht seine Arbeitsweise gerne mit der eines Chirurgen.
"Ich liebe es, vorhandene Dinge auseinander zu nehmen, ihre Funktion und Bedeutung zu sezieren", erklärt der 33-jährige Designer in seinem Rotterdamer Studio und lacht. "Schon als Kind habe ich die antike Wanduhr meiner Mutter komplett zerlegt und anschließend so zusammengebaut, wie es mir gefiel." So macht er es bis heute. Bei den "Money Vases" wird der Preis einer Vase, in Münzen umgerechnet, zur Form des Gefäßes aus schwarzem oder platinfarbenem Porzellan. Blumen, die man in die Löcher der handbemalten "Coral Vase" steckt, führen die zweidimensionale Dekoration der Vase als dreidimensionale Elemente im Raum fort. Den hauchzarten Lampen "Bubblicious Lamps" verleiht die Vorrichtung zur späteren Aufhängung bereits ihre finale Form. www.chriskabel.com
BERTJAN POT Oberflächen und Materialien stehen im Mittelpunkt der Arbeiten des 32-Jährigen der an Eindhovens Design Academy beim Textildesigner Ulf Moritz studiert hat. Ob Leuchte, Stuhl oder Tisch: Bei Bertjan Pot ist die äußere Hülle eines Objekts der Ausgangspunkt des Designprozesses. "Meistens wird die Haut sogar zum konstruktiven Element", erklärt Pot, der sich manchmal jahrelang mit der Entwicklung eines Produkts beschäftigt. Der "Carbon Chair" besteht aus in Epoxidharz getränkten Karbonfäden und kommt ganz ohne einen aussteifenden Rahmen aus. Hat die Hülle seiner Entwürfe mal keine konstruktiven Eigenschaften, dann zumindest haptische Qualitäten. So verbirgt ein hauchdünnes Holzfurnier die tragende Metallstruktur des "Slim Table", den Bertjan Pot für Arco entwickelte. www.bertjanpot.nl
Joep Verhoeven und Judith de Graauw mit dem wild ornamentierten Maschendrahtzaun "Lace Fence" (2004)
"Cinderella" (2004) wurde im Computer entworfen und aus 57 Schichten Birkenholz gefräst
Joris Laarman im Hafen von Rotterdam, sitzend auf der "Bone Chaise" (2006)
Der "Bone Chair" ("Knochenstuhl") von 2006, gefertigt aus Aluminium
Laarmans Diplomarbeit, schon fast eine Designikone: der Heizkörper "Heatwave" mit Rokoko- Ornamenten
Das Boot wird zur Badewanne:
"Bathboat" aus dem Jahr 2005 (Stills: Stephan Göttlicher)
Die Teekanne "High Tea Pot" (2003): Mit Porzellan wird die Form eines Tierschädels nachgebildet
Wieki Somers in ihrem Atelier, in der Hand hält sie die Blumenvase "Blossom" von 2004
Eine Assemblage von gebrauchten Möbeln: ein Unikat aus der Serie "Hey Chair, be a bookshelf"! von 2005 ("Hey Stuhl, sei ein Bücherregal")
Maarten Baas in seinem Studio mit Stühlen aus der Serie "Clay" (2006)
Die "Coral Vase" (2005): Das Ornament verschmilzt mit der realen Blume
Sanft zusammengedrückt ist die "Bubblicious Lamp" (2006)
Chris Kabel in seinem Studio unter dem Sonnenschirm "Shady Lace" (2003)
Die Form folgt nicht der Funktion - sie orientiert sich am Menschen
Bertjan Pot mit der Lampe "Disco Dome" (2003) und dem "Carbon Chair" (2004)
Die Couch "Lazy Bastard" und der mit Klebeband ornamentierte Teppich "The ducttape Carpet", (beide 2007)
Der Freiheit sind im liberalen Holland keine Grenzen gesetzt
KRISTINA RADERSCHAD
