Ausgabe: 03 / 2008
Seite: 48-57
Recherche im Salon - Bekenntnis eines Menschenfeinds
Von Barbara Hein
Er war ein griesgrämiger Zeitgenosse und ein genialer Beobachter: Félix Vallotton, dem die Hamburger Kunsthalle eine große Schau widmet, zeigte unter der glatten Oberfläche seiner Bilder die Abgründe der Pariser Bourgeoisie
Lebenslang bin ich der gewesen, der hinter einer Fensterscheibe steht und zuschaut, wie draußen gelebt wird, und nicht mit dabei ist", schreibt Félix Vallotton am 7. August 1918 in sein Tagebuch. Zu diesem Zeitpunkt - er ist 52 Jahre alt - betrachtet er sein Leben schon lange mit Distanz, Abscheu und Groll:
Großbürgerlich residiert er seit seiner Heirat 1899 in Paris, seine wohlhabende Gattin gibt Empfänge, sie machen Ferien am Meer, unternehmen Landpartien und Reisen. Um nichts muss er sich sorgen, kann sich ganz der Malerei und seinen Holzschnitten widmen - der Traum jedes Künstlers.
Doch Vallotton ist diese Existenz zuwider:
"Sentimentales Gewäsch, verliebtes Gurren, umschlungene Pärchen, Spazierfahrten ins Grüne, und alles, was dazu gehört, sind mir von jeher auf die Nerven gefallen." Am 28. Dezember 1865 wird Félix Vallotton in Lausanne in der Schweiz geboren, früh zeigt sich sein enormes künstlerisches Talent, und bereits mit 17 Jahren geht er nach Pa ris. Es ist die Zeit der großen Impressionisten: Monet, Manet, Renoir, Degas tauchen von der Aura des Augenblicks beseelte Eindrücke in leuchtende Farben.
Vallotton lässt das kalt. Er bewundert Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780 bis 1867), der als zeitweiliger Chef der École des Beaux-Arts der berühmten Schule ihre streng klassizistische Prägung gegeben hatte. Er bewirbt sich allerdings nicht dort, sondern an der etwas weniger strikten Académie Julian, wo die Strömungen der Zeit diskutiert werden und die Studenten selbst bestimmen, welches Modell sie in welcher Pose malen wollen.
Von Kommilitonen erlernt er die Technik des Holzschnitts, die er schnell und äußerst erfolgreich perfektioniert.
1892 trifft er in der Académie auf die aufsässigen Jungkünstler der Gruppe Nabis, die sich nach dem hebräischen Wort für "Prophet" benannt haben. Nach ihrer Auffassung ist ein Bild, bevor es ein Pferd, ein Akt oder eine Anekdote darstellt, zuerst einmal eine von Farben in einer bestimmten Anordnung bedeckte Fläche. Obwohl diese nüchterne These durchaus Vallottons sprödes Temperament trifft und er bis 1903 gemeinsam mit der Gruppe ausstellt, bleibt er distanziert.
Sie nennen ihn den "Nabi étranger", den Einzelgänger.
Freunde und Kollegen beschreiben schon den jungen Vallotton als zynischen Eigenbrötler und verächtlichen Beobachter. Auf den noch existierenden Fotografien sieht man einen schlanken Mann mit dünnem, glattem Haar, der stets Anzug und Weste trägt und niemals ein Lächeln auf den schmalen Lippen hat. So kühl und kontrolliert wie er selbst, erscheint auf den ersten Blick auch seine Kunst: Akte, Stillleben, Interieurs, Porträts - zeitgemäße Sujets, umgesetzt mit großer handwerklicher Meisterschaft. Doch der Frieden trügt. In vielen seiner über 1700 Gemälde und rund 240 druckgrafischen Arbeiten lauern Wut, Selbsthass, Argwohn, Spott und Zwänge dicht unter der Oberfläche.
Besonders schlecht kommt die Bourgeoisie weg, ihre Doppelmoral und Verlogenheit kritisiert er in diversen Interieurs, die er in den späten neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts malt: plüschige, beklemmende Räume, in denen die sattfarbigen Möbel lebendiger wirken als die Menschen.
"Der Besuch" zeigt ein Paar, die Dame scheint gerade angekommen zu sein, sie trägt noch ihren Mantel.
Der Herr in Anzug und Krawatte hält ihre Hand, die Gesichter sind einander zugewandt, wie kurz vor einem Kuss. Eigentlich eine romantische Szene, aber trotzdem wirken die Figuren starr und teilnahmslos - ganz im Gegensatz zu den Teppichen, die ihnen den Weg ins Schlafzimmer weisen.
Einer ist wild gemustert, fast wie ein Hindernisparcours, der überwunden werden muss. Das Bild an der Wand deutet an, was die Figuren nicht preisgeben:
Die Landschaft, die es vermutlich darstellen soll, sieht aus wie eine Fieberkurve. Das Rendezvous findet heimlich statt, das deutet die Uhr an, die auf der Kommode im hinteren Zimmer kurz nach fünf anzeigt. Das ist die Stunde, zu welcher der Haushalt erledigt und das Abendessen vorbereitet ist, zu der sich das Personal zurückzieht und der Herr noch im Büro ist oder die Dame Besorgungen macht - die Stunde der Affären.
Ob Vallotton selbst eine hat, ist nicht bekannt. Fest steht aber, dass er 1899 vor einer schweren Entscheidung steht: Seit zehn Jahren ist er mit der Fabrikarbeiterin Hélène Chatenay zusammen, die ihm oft Modell gestanden hatte. Sie leben mehr schlecht als recht von ihrem Lohn und seinen Holzschnitten. Vor fünf Jahren hat er die vermögende und verwitwete Gabrielle Rodrigues-Henriques kennen gelernt, Mutter von drei Kindern und Schwester zweier erfolgreicher Pariser Galeristen. Er entscheidet sich für Gabrielle, was sein Leben schlagartig verändert: Er wird Teil der Klasse, die er vorher als bigott, amüsierwütig und verlogen kritisiert hatte - ein Dilemma, das er nie auflösen wird.
In den ersten Ehejahren macht er immer weniger Holzschnitte und malt fast nur noch. Die Bilder werden im Grundton versöhnlicher. Er malt keine heimlichen Besuchsszenen mehr, sondern seine Frau und die neue Wohnung am rechten Seine-Ufer, außerdem Urlaubseindrücke von Land und Strand und wohlwollendere Akte.
Zuvor war keine Falte, keine Delle, kein spitzer Knochen seinem unerbittlichen Auge entgangen, als interessiere er sich nur für die Körperoberfläche.
Trotzdem nähert er sich auch jetzt nicht einem Schönheitsideal. Sein "Akt vor gelbem Grund" ist kompositorisch von Ingres beeinflusst, zeigt die Frau aber nicht als zu eroberndes engelsgleiches Wesen. Ob die angedeutete Schwangerschaft Fluch oder Segen für das Mädchen bedeutet, bleibt offen, ihr Blick verrät es nicht.
Es ist eines von vielen Bildern, die voller Distanz, Glätte und Künstlichkeit sind, womit er Charakteristika der Neuen Sachlichkeit und Pittura metafisica vorwegnimmt.
Im Januar 1918 notiert Vallotton in sein Tagebuch: "Das Leben, das ich lebe, ist buchstäblich das Gegenteil dessen, was ich mir erträumte." Wie ein Schwelbrand frisst sich diese Unzufriedenheit durch sein Werk. Viele seiner Landschaften wirken bedrohlich, Gewässer sehen aus wie Abgründe ("Unterholz, Bois de Boulogne"), Pflanzen scheinen nach Frauen zu greifen ("Schlafender Akt am Ufer"), Schatten Kinder zu jagen ("Der Ball").
Der Himmel ist meist gelbgrau wie vor einem Unwetter, und Bäume biegen sich im Sturm ("Der Wind").
Still leben malt er mit hyperrealistischer Genauigkeit, aus der eine große Faszination für die Stofflichkeit der Dinge spricht. Aber selbst in der schlichten Idylle von Fleisch, Gemüse und Blumen dräut Unheimliches:
Vor lecker glänzende "Rote Pfefferfrüchte" platziert er ein auf den ersten Blick harmloses Tafelmesser. Die Spitze scheint das Rot einer Paprika zu reflektieren - jedoch ist die Farbe so pastos aufgetragen, als sei das Messer in Blut getunkt worden.
Zeitlebens verweigert sich Vallotton allen künstlerischen Moden, bleibt stur seinem realistischen, flächigen Stil treu. Bereits 1899 hatte er sich mit der "Strandpromenade in Étretat" über die Impressionisten lustig gemacht. Dort malt er das vor allem durch Monet zu Ruhm gelangte Naturschauspiel als Staffage: Am Aussichtspunkt ist eine Frauenreisegruppe ins Gespräch vertieft und nimmt keine Notiz von dem spektakulären Blick auf das Felsentor. Im Bild ragt eine Straßenlaterne auf, vor der ein Schoßhündchen tollt, und obwohl der Himmel bedeckt ist, schützt sich links im Bild eine Dame mit Schirm vor der Sommersonne - alles lesbar als Seitenhiebe auf den Lichtkult der Kollegen.
Auch die bürgerliche Damenrunde könnte man als Seitenhieb verstehen: auf seine Ehefrau, die in solchen Zirkeln verkehrt. Vallotton schreibt in sein Tagebuch: "Mir graust vor diesem falschen Leben am Rande des echten; ich leide daran seit dem ersten Tag und, der 20 Jahre Ehe ungeachtet, so schwer wie am Anfang." In einer anderen Passage heißt es sogar: "Was hat der Mann nur so Schlimmes getan, dass er diese schreckliche Partnerin, die Frau, erdulden muss." Es gibt eine Reihe von Bildern, die von seinem schwierigen Verhältnis zu Frau en durchdrungen sind, zum Beispiel "Der Hass". Die Komposition ist an Dürers Stich "Adam und Eva" (1504) angelehnt, doch Vallotton überspitzt die Figuren: verkrampfte Posen, verzerrte Gesichter, Turmfrisur und Schnurrbart lassen sie wie Karikaturen aussehen, die sich zornig, unversöhnlich und nackt gegenüberstehen und dabei sehr lächerlich aussehen. So wie Adam und Eva interpretiert er auch Gestalten aus der griechischen Mythologie auf zynische Weise neu: Perseus lässt er als eitlen Gecken ein Krokodil töten, während eine überfrisierte Andromeda unwirsch wartend neben ihm hockt. Vallotton nennt diese rund 30 großformatigen, zwischen 1908 und 1915 entstandenen Arbeiten "Grandes Machines".
Das ungleiche Verhältnis von Mann und Frau wird nirgends aufgelöst - es ist das tragende Thema nicht nur dieser Werkgruppe, sondern auch in Vallottons Leben, das einen Tag nach seinem 60. Geburtstag endet. Er stirbt am 29. Dezember 1925 in einer Pariser Klinik an den Folgen einer Operation.
Nirgends hat er sich zugehörig gefühlt, weder bei Menschen noch in Gedanken oder Theorien. Es scheint, als habe er den Zustand der Unzufriedenheit und des Weltekels regelrecht zelebriert, weil er nur in dieser Verfassung Inspiration und Schaffenskraft finden konnte. Ohne diese innere Zerrissenheit wäre das Werk vermutlich nie entstanden - und die Welt um einen faszinieren den Künstler ärmer.
Ausstellung: "Félix Vallotton. Idylle am Abgrund", Hamburger Kunsthalle, Hubertus-Wald-Forum (in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Zürich), bis 18. Mai. Katalog: Verlag Scheidegger & Spiess, 35 Euro, im Buchhandel 50 Euro. Weitere Ausstellung:
"Félix Vallotton in der Villa Flora", Villa Flora Winterthur, bis 28. September. Katalog: Benteli Verlag, 26,80 Euro
Innenschau: "Selbstbildnis als Zwanzigjähriger" (1885, 70 x 55 cm)
Hingabe ans Detail oder der kühle Blick eines früh Desillusionierten?
Vallotton malte die "Gesäßstudie" (um 1884, 38 x 46 cm) im Alter von knapp 20 Jahren
Rendezvous am Nachmittag:
Die Uhrzeit legte dem zeitgenössischen Betrachter nahe, dass "Der Besuch" (1899, 56 x 87 cm) heimlich geschieht
Trügerische Idyllen: "Unterholz, Bois de Boulogne" (1925, 73 x 60 cm) und "Akt vor gelbem Grund" (1922, 100 x 73 cm)
"Umschlungene Paare sind mir von jeher auf die Nerven gefallen"
Impressionismus- Kritik "Die Strandpromenade in Étretat" (1899, 33 x 53 cm)
Vallotton perfektionierte den Holzschnitt und feierte damit erste Erfolge. Themen wie "Die Lüge (Intimitäten, Blatt 1)" (1897, 18 x 23 cm) finden sich auch in der Malerei
Harte Kontraste, scharfe Schnitte: "Das Feuerwerk (Weltausstellung, Blatt 6)" (1901, 16 x 12 cm)
Hyperreal und doppelbödig:
"Rote Pfefferfrüchte" (1915, 46 x 55 cm)
Mit ihrer Glätte nehmen seine Bilder die Neue Sachlichkeit vorweg
Schwieriges Verhältnis zwischen Mann und Frau: "Der Hass" (1908, 206 x 146 cm)
"Weiblicher Akt vor einem roten Sofa kniend" (1915, 82 x 101 cm)
