Ausgabe: 03 / 2008
Seite: 86

Radikale Ausweitung der Leinwand

Von Almuth Spiegler

GRAZ/KARLSRUHE: HIGH TIMES, HARD TIMES

Entgrenzt, experimentierfreudig und so zeitgenössisch wie nie zuvor: New Yorker Malerei zwischen 1967 und 1975. Je schwächer der Markt, so lautet eine Theorie, desto besser die Kunst. Dass sie zumindest experimenteller ist, darauf kann man sich wohl einigen. Vielleicht wird deshalb heute so brav gemalt und wurde andererseits die Leinwand in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren in New York so radikal ausgeweitet und verlassen. Tot war die Malerei deshalb noch lange nicht, woran die von Kritikerin Katy Siegel, Künstler David Reed und dem Verband "Independent Curators International" organisierte Wanderausstellung "High Times, Hard Times" pionierhaft erinnert.

Unglaublich, was da im Schatten von Konzept-, Video-, Performancekunst so alles ausprobiert wurde, um aus der Sackgasse von Minimal- und Pop-Art zu ent - kommen. Die Künstler haben ge sprayt, auf Boden und Wände geschüttet, Rahmen ausgestopft, Leinwände verzerrt - und auffällig viel und bunt genäht. Man ging Richtung Objekt und Installation, blieb aber zumindest dem Thema Malerei treu. Liegt es am medialen Crossover oder an der mehr oder weniger hinter den Experimenten stehenden Friedensbewegtheit?

Die Werke wirken heute so zeitgenössisch wie vielleicht nie zuvor.

Trotzdem sind die meisten von ihnen vergessen, in den USA und erst recht in Europa. Am bekanntesten sind heute interessanterweise noch die Künstlerinnen - Lynda Benglis, Mary Heilmann oder die gerade wiederentdeckte Lee Lozano. Eine Ausnahme stellen auch die beiden Deutschen Blinky Palermo und Franz Erhard Walther dar, deren Einfluss auf die New Yorker Szene aber bislang wohl unterschätzt wurde.

Weniger als die ausgesuchten Arbeiten selbst überzeugt in der Schau allerdings der dramaturgische Aufbau, der vortäuscht, es habe eine lineare Entwicklung gegeben, die in nur wenigen Jahren vom konventionellen Tafelbild über eine experimentelle Phase wieder zurück zur Tradition führte. Das spiegelt eine Kunstgeschichte vor, die so simpel nicht mehr zu erzählen ist.

Termin: bis 24. Februar, Neue Galerie Graz; 29. März bis 1. Juni, ZKM Karlsruhe. Katalog: Verlag Independent Curators International, in Englisch, 19,90 Euro.

Internet: www.neuegalerie.at und www.zkm.de

Zumindest als Thema ist die Malerei noch vorhanden: Ausstellungsansicht der Neuen Galerie