Ausgabe: 03 / 2008
Seite: 107

"Nicht das Orakel von Delphi"

Von Kerstin Schweighfer

Rembrandt-Forschung: Van de Weterings umstrittene Macht

Das Urteil des Rembrandt Research Projects (RRP) ist zu sehr die Meinung eines einzigen Mannes geworden - meint Frits Duparc, ehemaliger Direktor des Mauritshuis in Den Haag. Mit Duparc sprach art-Korrespondentin Kerstin Schweighöfer. art: Was bereitet Ihnen bei der Echtheitsbestimmung von Rembrandt- Bildern Sorge?

Duparc: Wir sind Menschen, und Menschen machen Fehler. Deshalb kann es nicht so sein, dass die ganze Welt auf das Urteil eines einzigen Mann wartet - wenn der sagt, es ist ein Rembrandt, dann ist es ein Rembrandt, und wenn er nein sagt, ist es keiner.

Sie sprechen von RRP-Chef Ernst van de Wetering ... ... den ich sehr bewundere und von dem ich viel gelernt habe.

Meine Kritik richtet sich nicht gegen ihn, sondern gegen die Öffentlichkeit:

Man sollte sich dessen bewusst werden, dass es bloß um eine von vielen Meinungen geht. Ernst van de Wetering ist nicht das Orakel von Delphi.

Nennen Sie ein Beispiel.

Vor kurzem noch kam die Studie des Kopfes einer alten Frau mit weißer Kappe auf den Markt. Die habe ich während der Restaurierung in mehreren Phasen gesehen, und ich kann beim besten Willen nichts entdecken, was auf Rembrandt weist. Van de Wetering hingegen ist überzeugt davon, einen Rembrandt vor sich zu haben. So ist das nun mal. Aber es darf doch nicht eine Situation wie vor 100 Jahren entstehen, als ein Kunsthistoriker wie Abraham Bredius in seiner unendlichen Weisheit darüber entschied, was echt war und was nicht! Denn auch Bredius hat, wie wir heute wissen, viele Fehler gemacht.

Beim RRP arbeiten längst nicht mehr nur Kunsthistoriker, sondern auch Kostümwissenschaftler und Holzexperten. Dennoch sagen Sie, es gehe nicht mehr um Teamwork?

Weil van de Wetering die Leitung und damit das letzte Wort hat. Früher wurde das von sechs Kunsthistorikern gemeinsam entschieden.

Ich sage nicht, dass es besser war. Nicht umsonst hat das RRP seine Arbeitsmethode geändert. Es gibt jetzt nicht mehr nur Schwarz und Weiß, also echt und unecht, sondern auch einen Graubereich: Das sind jene Arbeiten, die in Rembrandts Atelier entstanden, aber nicht allein von seiner Hand. Aber nun ist es so, dass eine einzige Person über die Authentizität eines Rembrandt- Werks entscheidet und die Welt nicht realisiert, dass da keine endgültige Wahrheit verkündet wird, sondern eine Expertenmeinung!

Frits Duparc (ganz links) kritisiert, dass in der Rembrandt- Forschung nur das Urteil von Ernst van de Wetering zählt