Ausgabe: 03 / 2008
Seite: 104-105

Mit sieben Schlüsseln zum Schatz

Von Kerstin Schweighfer

Rettungsaktion: Lange versteckte Kunstwerke aus Kabul in Amsterdam zu sehen

Die Worte "A nation stays alive, when its culture stays alive - ein Volk bleibt am Leben, wenn seine Kultur am Leben bleibt" stammen von Omar Khan Massoudi, 60, dem Direktor des afghanischen Nationalmuseums in Kabul. Sie prangen auf den Au ßenmauern seines Instituts, und sie stehen auch auf großen Fahnen in der Nieuwe Kerk in Amsterdam: Denn dort sind jene 250 Leihgaben aus dem Kabuler Museum zu sehen, für die der Museumschef sein Leben aufs Spiel gesetzt hat: Statuen, Reliefs, Schalen und kostbarer Goldschmuck - einzigartige bis zu 4000 Jahre alte Fundstücke.

Massoudi sorgte dafür, dass dieser Schatz während der sowjetischen Besatzungszeit nicht geraubt wurde und auch das Wüten der Taliban überstand. Bereits 1988 fasste er den Plan, die kostbarsten Stücke zu verstecken, und zwar in einem Gelass im Tresorraum in der Zentralbank von Kabul, der sich im Palast des Präsidenten befand. "Dort hielten wir den Schatz 15 Jahre lang verborgen", erzählt der Museumsdirektor.

Nach alter afghanischer Tradition wurde die Schatzkammer mit sieben Schlüsseln verschlossen, die er an sieben seiner Museumsmitarbeiter verteilte. Nur mit diesen sieben Schlüsseln gleichzeitig ließ sich der Tresor öffnen:

"Aber das ist nicht geschehen, denn meine Männer haben all die Jahre den Mund gehalten." Talibankämpfer entdeckten zwar den äußeren Tresorraum und versuchten auch, ihn aufzusprengen - vergeblich: Er hielt stand.

2003 dann präsentierte die neue afghanische Regierung den verloren geglaubten Schatz erstmals wieder der Öffentlichkeit.

An schließend wurde er von Experten des Musée Guimet in Paris restauriert. Auch das Nationalmuseum in Kabul konnte mit internationaler Hilfe wieder aufgebaut werden. Denn das Regime der Taliban hatte 2001 nicht nur die Buddhastatuen von Bamian sprengen lassen, eine Kampftruppe schlug auch im Kabuler Museum buchstäblich alles kurz und klein. Die ersten restaurierten Stücke können inzwischen zwar wieder ausgestellt werden. Doch die 250 Objekte aus dem Tresor sind so kostbar, dass sie aus Sicherheitsgründen noch nicht in Kabul gezeigt werden: "Dazu brauchen wir Frieden - echten Frieden!", betont der stellvertretende afghanische Kultusminister Omar Sultan, der zur Ausstellungseröffnung nach Amsterdam angereist ist. Derweil gehen die Tresorstücke unter dem Titel "Verborgene Schätze" auf Tournee: "Afghanistan ist zum Synonym für Krieg und Terrorismus geworden", klagt der Minister. "Mit dieser Ausstellung wollen wir beweisen, dass wir auch eine alte Kulturnation sind!" Der Amsterdamer Prinz-Claus- Fonds, der sich weltweit für Kulturprogramme einsetzt, hat dafür gesorgt, dass der Katalog zur Ausstellung auch in den afghanischen Landessprachen Dari und Paschtu erscheint. Er wird gratis an Schulen, Universitäten und Bibliotheken in Afghanistan verteilt. Mit der Rettung eines Kulturschatzes allein sei es nicht getan: "Man muss dafür sorgen, dass die heranwachsende Generation ihn zu schätzen und zu hüten beginnt", betont Massoudi und weist auf die Fahnen, die im Kirchenschiff der Nieuwe Kerk wehen und die Aufschrift tragen: "A nation stays alive, when its culture stays alive."

Termine: bis 20. April in der Nieuwe Kerk, Amsterdam. Weitere Stationen:

National Gallery, Washington, 25. Mai bis 7. September; Asian Art Museum, San Francisco, 24. Oktober bis 25. Januar 2009. Katalog: in Englisch, 34,95 Euro.

Internet: www.nieuwekerk.nl

Die Statue einer Flussgöttin (1. Jahrhundert) und die fein gearbeitete Goldkrone (1. Jahrhundert vor Christus) gehören zu den Prunkstücken aus dem Nationalmuseum in Kabul, die jetzt in Amsterdam gezeigt werden - beim Gastspiel dabei: der afghanische Kurator Mohammed Akram

Vorhängeschlösser sicherten den Tresor. Rechts das zerstörte Nationalmuseum in Kabul

Wasserspeier aus Kalkstein (2. Jahrhundert vor Christus) und eine goldene Schnalle mit Amorfiguren (1. Jahrhundert vor Christus)

Direktor Omar Khan Massoudi

KERSTIN SCHWEIGHÖFER