Ausgabe: 03 / 2008
Seite: 77

Mathematik auf allen Ebenen

Von Almuth Spiegler

Im Mumok zeigen Künstler ihren Umgang mit Zahlen und geometrischen Formen WIEN: GENAU UND ANDERS

Wer ohne zu zögern die Fibonacci- Folge herunterbeten kann und weiß, wie die Verhältnisse im Goldenen Schnitt liegen (nämlich wie immer 1,618 zu 1), der braucht sich über "Genau und Anders" wenig den Kopf zu zerbrechen. Und wer sich gar nicht auskennt, sollte sich von der großen Sonderausstellung über Kunst und Mathematik, die ganze vier Geschosse des Wiener Museums Moderner Kunst füllt, trotzdem nicht schrecken lassen.

Das versichert jedenfalls Kurator Wolf gang Drechsler. Denn obwohl diese zwei Welten sich schon seit Jahrhunderten gegenseitig befruchten, "kennen sich auch viele Künstler in der Mathematik nicht wirklich aus". Sehr beruhigend.

In der Renaissance war das freilich noch ganz anders, Albrecht Dürers mathematisches Genie, das etwa aus seinen vier Büchern zur menschlichen Proportion spricht, gilt noch heute als unterschätzt.

Sein Kupferstich "Melencolia I" (1514), die Attribute der theoretischen Geometrie in der Hand, ist die logische Eröffnung dieser Schau, die mit rund 300 Werken bis in die Gegenwart reicht. Es war aber am Beginn der Klassischen Moderne, als die Avantgarde wieder verstärkt ihre Liebe zur Geometrie entdeckte, die Paul Cézanne dann den berühmten Satz entlockte: "Alles in der Natur modelliert sich wie Kugel, Kegel und Zylinder." Dem Quadrat wiederum ist in der Ausstellung ein ganz eigener Abschnitt gewidmet. Ausgehend von den Ideen, die sich in Kasimir Malewitschs schwarzem Quadrat manifestieren, ist es für Drechsler "das Thema" des 20. Jahrhunderts. Das am Fin de Siècle noch einmal un übersehbar wiederkehrte:

Nämlich als die Künstlergruppe IRWIN 1992 ein 22 mal 22 Meter großes schwarzes Quadrat am Roten Platz in Moskau entrollte.

Dieses Beispiel hat System: Jede der historischen Themengruppen versucht Drechsler mit einem jüngeren, zeitgenössischen Beispiel abzuschließen, etwa die "Zahl" mit Lichtobjekten von Brigitte Kowanz oder das "Systematische" mit malerischer Rasterforschung von Esther Stocker. Seine beiden Schwerpunkte legte der Kurator, der auch Sammlungsleiter des Museums ist, auf Minimal Art und Konzeptkunst, wesentlich beeinflusst von der Auseinandersetzung mit der neuen Schenkung der Sammlung Dieter Bogners.

Hier wird es neben Werken von Sol LeWitt und Donald Judd auch ein Wiedersehen mit der bei der Documenta 12 wieder entdeckten Ruth Vollmer geben.

Die Künstlerin war wie Hanne Darboven ein Bindeglied zwischen den Kunstszenen in den USA und Europa. Durch ungewöhnliche Gegenüberstellungen will Drechs ler zeigen, wie die "amerikanische Minimal Art hochgehalten wird und ihr europäisches Pendant gering".

Termin: 29. Februar bis 18. Mai.

Katalog: zirka 29 Euro. Internet: www.mumok.at

Arbeit ohne Titel (1986) von Sol LeWitt

Dreiecke allenthalben: "Festmahl der Götter" (153 x 107 cm), 1948 von Max Ernst gemalt