Ausgabe: 03 / 2008
Seite: 86-87
Gespenster der Populärkultur
Von Hans Pietsch
LONDON/STUTTGART: POP ART PORTRAITS
Wie gehen Oberflächenfetischismus und Menschendarstellung zusammen? Man möchte meinen, dass eine Schau über das Porträt in der Pop Art vor allem Porträts zeigte. Doch weit gefehlt! Die wenigsten der 60 Exponate der von der Londoner National Portrait Gallery konzipierten Ausstellung, die nun in Stuttgart zu sehen ist, sind Porträts im herkömmlichen Sinn.
Selbst Arbeiten mit identifizierbaren Personen wie David Hockneys Bild "Portrait Surrounded by Artistic Devices" (1965) - es zeigt den Vater des Künstlers - geht es weniger um die Darstellung eines Menschen, als vielmehr um die Demonstration eines künstlerischen Stils: Figuration als Reaktion auf den Abstrakten Expressionismus, ambivalentes Verhältnis zu Glamour und Konsumgesellschaft, Verarbeitung populärer Kultur. Der Beweis, dass die Popkünstler dem Porträt "neues Leben einhauchten", wie die Schau geltend macht, wird anhand des Gezeigten allerdings nicht überzeugend erbracht.
Allein 16 Werke haben Marilyn Monroe zum Thema: Von Andy Warhols ab 1962 entstandenen Siebdrucken bis hin zu "The Only Blonde in the World" (1963) von Pauline Boty, der einzigen Künstlerin im Männerclub der Pop Art. Boty zeigt die Hollywood-Ikone als lebensfrohe Frau und nicht als Opfer wie Richard Hamilton, in dessen Arbeit "My Marilyn" (1965) Monroe als Person bereits verschwindet. Bei Claes Oldenburgs eindrucksvoller Plastik "Ghost Wardrobe for MM" schließlich (1967), von Kleiderbügeln hängenden Fäden, ist MM endgültig zum Gespenst verblasst.
Mit seiner Collage "Just What Is It That Makes Today's Homes So Different, So Appealing?" (1956) läutete Richard Hamilton die Pop Art ein, mit einem an deren Gemälde bringt er eine Ära zu ihrem Ende: "Swingeing Sixties" (1968/69), also "Harte Sechziger", zeigt den Rolling Stone Mick Jagger und den Galeristen Robert Fraser nach ihrer Verhaftung wegen Drogenbesitzes in einem Polizeiauto. Wie Warhol auf seinem "Self-Portrait" (1967) verbergen die beiden Verhafteten ihr Gesicht hinter ihren Händen - Ambivalenz hat Selbstbewusstsein abgelöst.
Termin: 23. Februar bis 8. Juni, Staatsgalerie Stuttgart.
Katalog: Hatje Cantz Verlag, 29,90 Euro, im Buchhandel 39,80 Euro. Internet: www.staatsgalerie.de
Andy Warhols "Double Elvis" (1963, 207 x 208 cm) zielte gewiss nicht auf Einfühlung ab
