Ausgabe: 02 / 2008
Seite: 109-111

Scheidungsdrama am Rhein

Von Ute Thon

Konflikt: Land und Verein streiten weiter um die Macht im Arp-Museum

Nun steht sie endlich, die weiße Kunstburg am Rolandseck. Fast 20 Jahre hat es gedauert, bis aus dem luftigen Traum, ein dauerhaftes Ausstellungshaus zu Ehren des Künstlerpaars Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp am Rheinufer zu errichten, Wirklichkeit wurde. Und doch ist niemand so richtig glücklich damit. Zur Eröffnung des eleganten Museumsbaus von Architekt Richard Meier im vergangenen September gab es einen kurzen Jubelmoment mit Kanzlerin Angela Merkel, Ministerpräsident Kurt Beck und allerlei Kulturprominenz. Aber jetzt werden schon wieder die Messer gewetzt. Der Museumsdirektor sagt, er hätte sich ein anderes Haus gewünscht, das Kultusministerium spricht von arglistigen "Tarn- und Täuschungsmanövern", und die Stiftung Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp e.V. klagt:

"Wir sind enttäuscht zu sehen, wie unsere Vision zugrunde geht." Im November kündigte das Land Rheinland-Pfalz (RLP) die Zusammenarbeit mit dem Arp- Verein. Inzwischen sprechen die zerstrittenen Parteien nur noch über Anwälte miteinander. Der Arp- Verein hat den prominenten Berliner Kunstjuristen Peter Raue angeheuert, RLP wird durch die Bonner Sozietät Redeker vertreten.

Ein Schiedsgericht soll Klärung bringen. Vordergründig geht es bei dem Konflikt um versprochene Leihgaben und falsch verstandene Urheberrechtsbestimmungen.

Tatsächlich aber ist es ein vertracktes Machtspiel um Einflussnahme, Eitelkeiten und politischen Ehrgeiz - und letzlich um die Frage, wer das Sagen hat. Damit entwickelt sich das Arp-Museum, kaum dass es seine Tore geöffnet hat, zum Paradebeispiel für die Schwierigkeiten, die die vielbeschworenen "Public-Private Partnerships" im Museumsbetrieb mit sich bringen. Denn das Museum ist, ähnlich wie die Beuys- Sammlung auf Schloss Moy land oder die Flick-Collection im Hamburger Bahnhof in Berlin, eines dieser schwierigen Zwitterwesen.

Finanziert vom Land - mit kräftigem Bundeszuschuss aus Mitteln des Berlin-Bonn-Ausgleichsfonds - stammt die Idee jedoch von einem Privatmann:

Johannes Wasmuth (1936 bis 1997), ein schillernder Kunsthändler und Im presario, der im stillgelegten Bahnhof Rolandseck seit den Sechzigern Kulturevents organisierte, erhielt Arps Nachlass von dessen zweiter Frau Marguerite Arp-Hagenbach. Damit sollte er das Museum bestücken.

Dafür räumte das Land seinem Verein großzügige Mitspracherechte ein.

Auch die Wahl des Architekten geht auf Wasmuths Initiative zurück.

Zunächst schien Meier, der für Museumspaläste wie das Getty Center in Los Angeles bekannt ist, eine glänzende Wahl. Nach unzähligen Um- und Neuplanungen hält sich die Begeisterung in Grenzen.

Die Baukosten sind mit 33 Millionen Euro ziemlich hoch für ein Museum dieses Zuschnitts.

Zu dem weist das 4400 Quadratmeter große Gebäude funktionale Schwächen auf: So fehlten in Meiers Museumsplanung zunächst jegliche Büroräume. Diesen Mangel konnte Gründungsdirektor Klaus Gallwitz, der erst 2006 mitten in der Bauphase berufen wurde, noch beheben. Leben muss dagegen jeder künftige Direktor mit dem Umstand, dass das Haus mit den vielen Panoramafenstern und Glasdächern zwar für Skulpturen bestens geeignet ist, aber wenig Hängefläche bietet, besonders für lichtempfindliche Papierarbeiten aus Arps Frühwerk.

Zur Eröffnung zeigte Gallwitz, der lange das Frankfurter Städel- Museum und zuletzt das Frieder- Burda-Museum in Baden-Baden leitete, wohin die Reise gehen könnte. Neben Werken von Arp präsentierte er drei große Einzelausstellungen der zeitgenössischen Künstler Anselm Kiefer, Johannes Brus und Anton Henning, deren Arp-Bezug aber vage blieb. Genau diese Entwicklung ist dem Arp-Verein ein Dorn im Auge. Inzwischen distanziert man sich dort von dem Prachtbau.

"Wir haben alles versucht, um dieses gigantische Museum kleiner zu planen. Ohne Erfolg", sagt Generalsekretärin Maja Stadler- Euler, eine gut vernetzte Rechtsanwältin aus Hamburg. Das Haus sei zu groß und kostspielig für ein monografisches Künstlermuseum, wie es ursprünglich geplant war.

Joachim Hofmann-Göttig (SPD) dagegen gefällt es jetzt richtig gut.

Der Kulturstaatssekretär, der zugleich Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Arp-Museum Bahnhof Rolandseck ist, dem auch Stadler- Euler angehört, will aus dem Arp-Museum einen "kulturellen Leuchtturm" machen. "Wir wollen in der Nationalliga mitspielen", sagt Hofmann-Göttig. Die SPDRegierung steht angesichts der Kosten und anhaltenden Querelen unter Druck. Die Opposition hat bereits einen Untersuchungsausschuss eingeleitet, der eventuelle Fehler bei der Museumsplanung aufdecken soll. Genau das kann Kurt Beck als zukünftiger Kanzlerkandiat nicht gebrauchen.

Außerdem hat man in RLP erkannt, dass moderne Kunst eine attraktive Währung sein kann, um strukturschwache Gegenden aufzupeppen.

Mit Meiers Museumstempel besitzt man schon die entsprechende architektonische Attraktion. Fehlt nur noch ein dynamischer Direktor, der mit populären Ausstellungen Besucherscharen lockt. Da nervt es, wenn bei Personalentscheidungen immer wieder einer auf sein Vetorecht pocht - ein Recht, das dem Arp-Verein 1995 vom Land blauäugig zugesichert wurde.

So krankt das Museum auch an seiner konzeptionellen Unschärfe.

Gallwitz bringt zwar eine lupenreine Vita mit, ein ausgewiesener Arp-Kenner ist er nicht. Mit 77 Jahren ist er zudem weit jenseits der Pensionsgrenze. Seine Benennung war nur eine Notlösung.

Gallwitz gehörte zur Findungskommission, für die auch eine teure Headhunting-Firma ein geschaltet wurde. Dennoch wurde kein geeigneter Kandidat gefunden und schließlich Gallwitz berufen.

Gerade hat er seinen Ver trag noch einmal um ein halbes Jahr verlängert. Doch wie es langfristig weitergeht, steht in den Sternen. Über die Besetzung des Direktorenpostens wacht der Arp- Verein mit Argusaugen. Gallwitz' Vorgänger, Raimund Stecker, ließ man bei der Vertragsverlängerung abblitzen - zum Ärger der Landesregierung.

Stecker, der zum Trost eine Beratertätigkeit beim Finanzministerium in RLP bekam, hätte sich nicht für Arp, sondern nur für zeitgenössische Kunst interessiert, begründet Maja Stadler-Euler unter anderem den Rausschmiss. Andere sehen den Grund eher in Steckers Kritik an der Praxis des Vereins, postume Bronzegüsse und Marmorversionen von Arp-Plastiken herzustellen und zu verkaufen.

Jetzt spielt ein grauer Leitz- Ordner aus dem Jahr 1996 im Machtkampf zwischen Verein und Land die Schlüsselrolle. Darin befindet sich in kindlicher Handschrift das Verzeichnis der 248 Dauerleihgaben, die der Verein dem Museum versprochen hat.

Strittig ist, ob es sich da bei um ein rechtsverbindliches Dokument handelt, oder, wie Stadler- Euler argumentiert, nur um einen vorläufigen Entwurf. Dass diese Loseblattsammlung die Grundlage für eine Millioneninvestion war, ist ebenso ein Skandal, wie der Umstand, dass der Status elf Jahre lang ungeklärt blieb. Bereits Ende 2007 musste der Verein gestehen, dass diverse Werke aus der Liste verkauft wurden, ein Umstand, den das Kultusministerium als schweren Vertragsbruch wertet.

"Wir wollen einen Neuanfang - ohne den Arp-Verein", sagt Hofmann-Göttig. Die Dau er leihgaben hätte man trotzdem gern.

Solche Forderungen findet Maja Stadler-Euler unerhört. Die Rechtsanwältin vermittelt nicht den Eindruck, sie werde kampflos ein lenken. Schließlich ist der Verein schon durch ganz andere Skandale gesegelt: Da ging es mal um die illegale Ausfuhr von Arp- Werken, mal um den Leibarzt von François Mitterand, der dem Verein einen Teil des Nachlasses streitig machen wollte - und immer wieder um die leidigen Gussrechte. Am meisten geschadet hat dem Verein aber seine mangelnde Transparenz. Bis heute handelt es sich nicht um eine echte Stiftung des bürgerlichen Rechts, das heißt, der Verein steht nicht unter staatlicher Stiftungsaufsicht. Auch über die Mitglieder ist außer ein paar prominenten Namen (Michael Naumann, Graham Greene) kaum etwas bekannt. Und nur wenige haben jemals die ganze Sammlung gesehen. Stadler-Euler spricht von rund 3000 Werken, einen öffentlich zugänglichen Bestandskatalog gibt es nicht.

Vielleicht liegt das Problem auch schon in der Künstlerpersönlicheit, der das Museum am Rolandseck gewidmet ist. Hans Arp (1886 bis 1966), der umtriebige Maler, Bildhauer, Dichter und Mitbegründer der Dada-Bewegung, war besonders in jungen Jahren ein Gegner des Künstlerkults.

Viele seiner Werke, die oft in Kooperation mit anderen entstanden, signierte er nicht. Als gebürtiger Straßburger, der später vornehmlich in Frankreich und der Schweiz lebte (wo auch Stiftungen zur Wahrung seines Nachlasses existieren), verband ihn wenig mit Rolandseck. Doch hätte ihn der Streit um sein Museum wohl amüsiert. In seinen Texten über "Unsern täglichen Traum" findet sich folgende Empfehlung:

"Ich glaube heute, dass eine Zusammenarbeit die Lösung ist und uns die Harmonie bringen kann, welche imstande ist, die Kunst aus der grenzenlosen Verwirrung zu retten."

Vom Kunsthändler Johannes Wasmuth, hier ein Foto aus dem Jahr 1978, stammt die Idee zum Arp-Museum am Bahnhof Rolandseck

Vergangene Harmonie: Ex-Direktor Raimund Stecker (rechts) und Dieter Lange, Vorsitzender des Arp-Vereins

Uneins: Maja Stadler-Euler und Joachim Hofmann-Göttig

Künstlerpaar Sophie Taeuber-Arp und Hans Arp, aufgenommen 1925

"Wir wollen in der Nationalliga mitspielen" und das Arp-Museum zum "kulturellen Leuchtturm" machen

Museumschef Klaus Gallwitz hat seinen Vertrag um ein halbes Jahr verlängert, ein Nachfolger ist nicht in Sicht

Arp-Museum: Moderne Kunstburg überm Klassizismus-Bahnhof