Ausgabe: 02 / 2008
Seite: 91
Der Tanz um die Leinwand
Von Gerhard Mack
Die Fondation Beyeler gibt mit exquisiten internationalen Werken einen Überblick über ein zentrales Kapitel der Nachkriegskunst - die heftige, gestische Malerei BASEL/RIEHEN: ACTION PAINTING
Die Leinwand ist auf dem Boden ausgebreitet, der Künstler bewegt sich fast tänzerisch um sie herum, taucht den Pinsel in eine Farbdose, lässt die Farbe heruntertröpfeln oder direkt aus der Dose fließen. Wer die Filme, die Hans Namuth 1950 von Jackson Pollock drehte, einmal gesehen hat, wird den Begriff des "Action Painting" immer damit verbinden. Der Maler bewegt sich, er handelt, rhythmisiert Zeit und Raum, die Farbe wird zur Spur, das Bild zum Protokoll dieser Bewegung. Das Gemälde ist wie der Körper im Raum. Bis zu Minimal Art und Performance lässt sich die amerikanische Kunst aus dieser Urszene verstehen.
Selbst die Lyrik eines Jack Kerouac atmet den Rhythmus dieser Malerei.
Jackson Pollock steht mit einer exquisiten Auswahl von Werken denn auch im Zentrum der Ausstellung, mit der die Fondation Beyeler das weite Feld des Action Painting erkundet. Neben Pollock treten mit Kollegen wie Willem de Kooning, Franz Kline und Clyfford Still die anderen Maler des New Yorker Abstrakten Expressionismus der ersten Stunde, die mit ihrer freien Gestik und ihren riesigen Bildformaten ein neues Kapitel in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts aufgeschlagen haben.
Von diesen Heroen aus zieht die Ausstellung ihre Fäden. Grundlage ist für Kurator Ulf Küster stets, "Farbe und Linie als Ausdruck von Bewegung darzustellen".
Dabei kommen die Lehrer wie der aus Deutschland stammende Hans Hofmann ebenso zu Wort wie die einflussreichen Pioniere Arshile Gorky und Roberto Matta sowie herausragende Vertreter nachfolgender Generationen wie Morris Louis und Sam Francis.
In Europa waren die Temperamente verhaltener und die Formate kleiner.
Hier lebte die surrealistische Tradition der Écriture automatique (des "automatischen Schreibens") unmittelbar fort.
Wer das Unbewusste möglichst direkt zu Papier oder auf die Leinwand bringen will, wählt vielleicht eher die der Hand gemäße Dimension. Wols, der mit seinen dichten Liniengeweben für den Philosophen Jean-Paul Sartre den existentialistischen Künstler schlechthin verkörperte, ist ein ganzer Raum gewidmet. Hans Hartungs und Jean Fautriers zwischen figürlicher und abstrakter Form oszillierende Bilder erinnern an die knochenharten Auseinandersetzungen zwischen den alten Glaubenspositionen.
Ernst Wilhelm Nay und Pierre Soulages, der einzige noch lebende Vertreter der ersten Generation dieser Maler, werden besonders gewürdigt. Eine Tour d' horizon, in deren Farbschlingen man gerne versinken möchte.
Termine: 27. Januar bis 12. Mai. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 49,80 Euro. Internet: www.beyeler.com
Das Bild wird zum Protokoll der Bewegung des Künstlers: "Aus dem Gewebe heraus: Nummer 7" (1949, 122 x 244 cm) von Jackson Pollock
Joan Mitchell malte das gestische Bild ohne Titel (249 x 204 cm) im Jahr 1960
