Ausgabe: 02 / 2008
Seite: 98-99
Madonnen für Naturkostkunden
Von Sandra Danicke
FRANKFURT/MAIN / KARLSRUHE / COLMAR: CRANACH D. Ä. UND GRÜNEWALD
Cranach als Maler für die Massen, Grünewald für Insider - mit welchen Mitteln werden die Alten Meister einem zeitgenössischen Publikum nähergebracht? Die Idee hätte Lucas Cranach dem Älteren (1472 bis 1553) sicher gefallen:
Eine Naturkostkette als Werbeträger, Weintüten mit Schlangensignet und überall Plakate, Prospekte, Berichte, so gar in der "Tagesschau". Nicht nur in Frankfurt ist man über die Cranach- Ausstellung des Städel-Museums rundum im Bilde, auch über die Stadtgrenzen hinaus mehren verschiedene Medien den Ruhm des Renaissance künstlers.
Museumsdirektor Max Hollein hat ein "Cranach-Tagebuch" in der "Frankfurter Rundschau" veröffentlicht, und zur Eröffnung ließ man das Wasser im Brunnen vor der Alten Oper rot färben - in Anspielung darauf, dass der Künstler und Unternehmer seinerzeit auch eine Apotheke mit Weinausschank unterhielt.
In der Städel-Schau, so die unterschwellige Botschaft, sollen nicht nur Kunsthistoriker auf ihre Kosten kommen:
Cranach ist ein Maler für die Massen.
Er selbst hätte es vermutlich nicht anders gemacht. Geschäftstüchtig wie er war, wusste er nicht nur die Vervielfältigungsmöglichkeiten der Druckgrafik zu nutzen, sondern beschäftigte in seiner Werkstatt auch mehrere Mitarbeiter, um den Produktionsausstoß zu optimieren.
Wer da jeweils was gemalt hat, ist heute kaum noch zu bestimmen.
Ganz anders Matthias Grünewald (um 1475/80 bis 1528): Der Zeitgenosse Cranachs ließ die Druckgrafik links liegen, vertraute ganz der Ausdruckskraft seiner prächtig schillernden Farben und geriet dabei - zumindest vorübergehend - in Vergessenheit. Dass derzeit die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe und das Musée d' Unterlinden in Colmar dem Meister des Isenheimer Altars große Ausstellungen widmen, ist nicht minder sensationell als die exquisite Auswahl von Cranach-Preziosen in Frankfurt.
Und doch hängen in Karlsruhe und Colmar nirgends Grünewald-Poster über Gemüseregalen, nur vereinzelt werben kleine Plakate bescheiden in Grau. Fast gewinnt man den Eindruck, hier wolle man die so kostbaren Werke vor dem Blick sensationsgieriger Kunstbanausen schützen. Dabei hätte gerade der rätselhafte Grünewald mit seinen skurrilen Horror- und Fantasieszenarien jede Voraussetzung geboten, sogar jugendliche Marilyn-Manson-Fans zu frommer Demut zu bekehren: Keiner hat Christus am Kreuz derart eindrücklich und gruselig verrecken lassen, niemand das vorausgehende Leid so drastisch und dabei bewegend beschworen wie Grünewald.
Wo Cranach oder auch Dürer den sterbenden Jesus als anmutigen Jüngling mit wolkig sich bauschendem Lendentuch darstellten, zeigte Grünewald den Gefolterten mit aufgeplatzten Füßen und grünlich verwesender Haut, das Geschlecht nur durch Stofffetzen verdeckt. Und während die Kollegen elegante Idealkreuze entwarfen, demonstrierte Grünewald mit schäbigen, aber geschickt zusammengesteckten Balken Zimmermannswissen.
Auch die Inszenierungen der Altmeisterschauen könnten gegensätzlicher nicht sein. Wer die Cranach-Ausstellung in Frankfurt betritt, taucht in gedämpftes Licht ein, aus dem die mit Spotlights beleuchteten Meisterwerke umso strahlender hervor treten. Dezente Wandtafeln informieren über Cranachs Werdegang.
Doch bereits an dieser Stelle könnte der unbedarfte Naturkostkunde, den womöglich der farbenfrohe Prospekt in die Ausstellung gelockt hat, ins Schleudern geraten. So interessant er es finden dürfte, dass Cranach zu seinen prächtigen Gewändern und verschachtelten Raumbühnen durch einen Aufenthalt in den Niederlanden inspiriert wurde, so gern hätte er vielleicht gewusst, wie es kommt, dass bei Cranachs Bildpersonal Anatomie und Proportionen oft so gravierende Defizite aufweisen.
Unvermögen? Stilwillen? Niederländische Vorbilder?
"Seine Madonnen", heißt es an anderer Stelle, "belegen eine intensive Auseinandersetzung mit Perugino und Raf fael." Der Vorgebildete nickt hier wissend. Der Laie aber fragt sich womöglich, wer dieser Perugino wohl war und was es mit Fachbegriffen wie "Grisaille" und "Retabel" auf sich hat. Vielleicht erfreut er sich aber auch bloß an den entzückenden Details und Cranachs Bilderfindungen?
In Karlsruhe kämpft der Durchschnittsbesucher mit viel grundsätzlicheren Problemen - sofern er überhaupt den Weg in diese so offenkundig an Insider gerichtete Ausstellung gefunden hat. Wo im Städel eine geschickte Ausstellungsarchitektur die verschiedenen Themenbereiche in leicht überschaubare Häppchen teilt, herrscht in der Karlsruher Ausstellung helle Großzügigkeit - aber eben auch Orientierungslosigkeit.
Mühsam muss man Schildchen für Schildchen abschreiten, um die raren Grünewald-Werke unter den Werken seiner Zeitgenossen auszumachen. So anschaulich der Vergleich von Grünewalds lebensnahen Heiligen mit den stilisierten Pendants der Kollegen anmutet, so sehr verwirrt die Vielzahl der Vergleichsbeispiele - weniger wäre hier mehr gewesen.
In Colmar schließlich steigt man ins Tiefgeschoss, wo eine scheußliche, beige gestrichene Sperrholzarchitektur den ein Stockwerk höher gelegenen gotischen Kreuzgang imitiert. Eine Gliederung, sei sie thematisch oder chronologisch, lässt sich nur schwer ausmachen, die Wandtexte sind ausschließlich in französisch gehalten. Über eine unscheinbare Seitentreppe gelangt man schließlich zum Höhepunkt - dem Isenheimer Altar. Sicher, er ist ungünstig beleuchtet, und die umwerfende, von Fantasiewesen nur so wimmelnde "Versuchung des Heiligen Antonius" ist darauf mehr zu erahnen, als im Detail zu erkennen. Im Angesicht des so eindrucksvoll gemarterten Christus verlieren derlei Ärgerlichkeiten allerdings schnell an Bedeutung.
Termine: bis 17. Febuar, Frankfurt; bis 2. März, Karlsruhe/Colmar. Kataloge: Frankfurt, 34,90 Euro, im Buchhandel 45 Euro; Karlsruhe, 35 Euro, im Buchhandel 45 Euro; Colmar, 32 Euro.
Internet: www.staedelmuseum.de, www.kunsthallekarlsruhe. de, www.musee-unterlinden.com
Genau hinsehen hilft nicht immer weiter: Besucherin vor Cranachs "Christus segnet die Kinder" (84 x 122 cm, um 1535/40)
Woher nimmt der Laie in der Karlsruher Kunsthalle sein Wissen um die Heiligenfiguren, die Grünewald um 1509/12 malte?
