Ausgabe: 02 / 2008
Seite: 119

"Kunst verkümmert zur Ware"

Von Heinz Peter Schwerfel

Ausleihpolitik: Louvre-Werke jetzt auch in Denver zu sehen

Trotz unvermindert scharfer Proteste aus den Reihen französischer und internationaler Museumskuratoren baut der Louvre seine lukrative Politik weltweiter Ausleihen weiter aus. Gegen eine nicht öffentlich benannte Leihgebühr wurde kürzlich im amerikanischen Denver Art Museum eine große Ausstellung mit über 150 Gemälden, Skulpturen und Möbelstücken aus dem Besitz der französischen Königshäuser eröffnet.

Die Exponate waren vorher in Atlanta gezeigt worden, im Rahmen des Projektes "Louvre- Atlanta" - einer erst einmal auf drei Jahre befristeten Zusammenarbeit des Louvre mit dem High Museum of Art.

Die vom Kulturministerium abgesegnete Abmachung mit Atlanta war zusammen mit dem Louvre-Projekt in Abu Dhabi von der ehemaligen Direktorin der staatlichen französischen Muse en, Françoise Cachin, scharf kritisiert worden. Nachträglich Rückendeckung bekam Cachin nun durch ihren prominenten New Yorker Kollegen Philippe de Montebello. Der aus Frankreich stammende de Montebello, Direktor des New Yorker Metropolitan Museums, forderte in "Le Monde", da nur Museen den Erwerb und Erhalt des "kulturellen Welterbes" garantieren könnten, müsse der Verleih ihrer Kunstwerke "grundsätzlich kostenlos" bleiben. Im Hinblick auf die geplante Außenstelle des Louvre in Abu Dhabi, die dem französischen Staat über eine Milliarde Euro bringen soll, erklärte Montebello:

"Wir sind in der Verantwortung, unsere Kunstwerke reisen zu lassen, vor allem in Länder Afrikas oder Asiens, die sich wieder für ihre eigene Kunst, aber auch für Kunst aus dem Rest der Welt interessieren." Ausleihe sei also durchaus nötig, aber "ohne irgend welche Versprechen von Exklusivität".

Ungleich schärfer ging in seinem neuen Buch "Malaise dans les musées" Jean Clair, langjähriger Direktor des Pariser Picasso- Museums, mit der Geschäftspolitik des Louvre ins Gericht.

Das Museum vergesse, dass seine Sammlung laut Gesetz "inaliénable", also "unveränderlich" und vor allem "unveräußerlich" sei. Anstatt die Kunst vor dem Markt zu schützen, ließe der Louvre "die Kunst zur Ware" verkümmern und flirte mit arabischen Investmentfonds. In Abu Dhabi nehme der Louvre für ein auf Sand gebautes "Xanadu im gigantischen Beach Resort" in Kauf, dass in Paris acht bis neun Millionen Besucher im Jahr um das ihnen zustehende Angebot an Kunstwerken geprellt würden.

Buchtipp: "Malaise dans les musées", Verlag Flammarion, 2007

Kasten:

Eine bislang unbekannte Zeichnung Michelangelos ist im Archiv der Dombauhütte St. Peter in Rom entdeckt worden. Bei der auf 1563 datierten Skizze handelt es sich um eine Detailzeichnung für den Pfeilerkranz der Domkuppel des Petersdoms. +++ Da das Pariser Picasso-Museum renoviert wird, sind 407 Werke des Hauses vom 5. Februar bis zum 5. Mai im Museum Reina Sofía in Madrid zu sehen. +++ Ab 2. März sollen vier Räume des Palastes von Kaiser Augustus, die vor über 30 Jahren auf dem Palatinhügel in Rom entdeckt und über lange Zeit restauriert worden waren, für Besucher zugänglich sein. +++

Auch im Denver Art Museum sind die Leihgaben aus den Pariser Louvre-Beständen zu sehen

Scharfer Louvre-Kritiker: Jean Clair