Ausgabe: 02 / 2008
Seite: 28-34
Ein Poet am Tiber
Von Kia Vahland
Zu Lebzeiten als zweiter Raffael gefeiert, dann verleumdet und vergessen: Der venezianische Renaissancemaler Sebastiano del Piombo wird jetzt wieder entdeckt
Wer ist der venezianische Maler Sebastiano del Piombo? Ein fröhlicher Hedonist, der sich auf gutes Essen und guten Wein versteht. Nett im persönlichen Umgang, aber an der Staffelei und am Zeichenblock ein Versager. Ein Schmarotzer, der sich von Michelangelo die Vorzeichnungen für seine Gemälde liefern lässt. Einer, der den Pinsel niederlegt, als er verbeamtet wird als "piombatore", päpstlicher Bleisiegler. Der größte Faulenzer der Renaissance. Ein Künstler, so schwerfällig wie das Blei in seinem selbst gewählten Namen.
Soweit der Rufmord. Verübt hat ihn der Kunstschriftsteller Giorgio Vasari, der in seinen 1550 und 1568 erschienenen Lebensbeschreibungen berühmter Künstler über deren Nachruhm entschied. Mancher wurde dabei zum Helden. Mancher wurde zum Gespött der nächsten Jahrhunderte.
An Sebastiano Luciani alias del Piombo (um 1485 bis 1547) exerzierte Vasari ein Lehrstück dafür, wie fest angestellte Künstler angeblich in ihrer Schaffenskraft nachlassen. Über Sebastiano schreibt er: "Sein Tod bedeutete keinen großen Verlust für die Kunst, da man ihn schon seit seiner Ernennung zum Siegelverwahrer zu den Verlorengegangenen zählen konnte." Seither ist der Umgang mit Sebastianos Werk zwiegespalten. Seine wichtigsten Arbeiten wurden ihm aberkannt und Raffael, Giorgione, Michelangelo und den Leonardoschülern zugesprochen. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein folgten die meisten Kunsthistoriker beharrlich Vasaris Verriss.
Erst jetzt, im Jahr 2008, erhält er seine erste Werkschau im Palazzo Venezia in Rom und anschließend in der Gemäldegalerie Berlin.
Auf der anderen Seite haben sich Künstler und Literaten immer mit Sebastiano beschäftigt. Schon Bellini, Tizian, Raffael und Cranach übernahmen seine Bildideen; noch der Barockkünstler Caravaggio war fasziniert von dem herben Stil des Venezianers und kopierte etwa dessen "Geißelung Christi" (art 2/2005). Vladimir Nabokov widmete Sebastianos Frauenbildnis in Berlin eine Erzählung.
Vielleicht irrten Sebastianos Zeitgenossen also doch nicht, als sie den Künstler zu Lebzeiten förderten und feierten. Seine Karriere begann er als Musiker und zog mit seiner Laute durch die venezianischen Paläste.
Dann nahm Giovanni Bellini (art 9/ 2000) ihn als Lehrling auf. Schon bald kam der Quereinsteiger zu Großaufträgen wie dem "Urteil des Salomo", einer Leinwand, die wahrscheinlich von einem Politiker bestellt wurde. Sie ist unvollendet; sogar das Baby fehlt, um das die beiden Frauen sich vor dem Richterthron Salomos streiten.
Sebastiano interessiert sich weniger für die Geschichte als für ihre Darstellung:
Er experimentiert mit einer aufwändigen Säulenarchitektur, die an die Antike erinnert. Der Schächer im Vordergrund ist einer römischen Statue nachempfunden, dem "Gladiator".
Kein venezianischer Maler war so fasziniert von der Skulptur wie Sebastiano.
Wie ein Bildhauer zeigt er seine voluminösen Figuren von mehreren Seiten. Dafür vervielfältigt er sie in einem einzigen Bild, etwa die nackten Frauengestalten im "Tod des Adonis".
Gestikulierend fügen sie sich zu einer großen Woge: Gemeinsam mit seinem Freund Giorgione (art 6/2001) bringt Sebastiano kurz nach 1500 die Malerei in Bewegung.
Bei aller Lust an schwingenden Gesten: Den Bodenkontakt verlieren seine Figuren nie. Immer sind es erdenschwere Frauen und Männer von massiver körperlicher Präsenz. Etwa das Mädchen, dessen Bildnis die Berliner Gemäldegalerie zu Recht "die Berliner Mona Lisa" nennt. Wie Leonardos Frauen, seine "Ginevra de' Benci" oder "Mona Lisa", so wendet sich auch Sebastianos bella donna dem Betrachter in inniger Zweisamkeit zu. Der Maler zeigt sie etwa lebensgroß in Nahsicht. Vor diesem Bild mag jeder glauben, er sei mit der Schönen alleine. Die junge Frau deutet in intimer Geste auf ihr Herz, sie zeigt ihr weißes Unterhemd - und sperrt den Betrachter doch aus dem Bild aus, indem sie ihren linken Arm wie eine Schranke ausstreckt. Auch den pelzbesetzten Samtmantel fängt sie im letzten Moment auf, bevor er ihr von der Schulter rutscht.
Diese so venezianisch anmutende Tafel entstand in Rom. 1511 folgte Sebastiano dem Bankier Agostino Chigi in die Ewige Stadt. Chigi war der reichste Mann südlich der Alpen, er finanzierte mehrere Päpste. Doch er entstammte keiner bedeutenden Familie - ein Makel, den er als Mäzen und Sammler besonders avantgardistischer Kunst auszugleichen suchte.
Mit Sebastiano wollte er die Römer beeindrucken: Die poetische Malerei vom Canal Grande war ihnen fremd.
Also malte Sebastiano Stimmungsbilder wie das Gemälde des toten Adonis, um den Venus mit den Nymphen vor der Silhouette Venedigs trauert.
Auch das Berliner Mädchenbildnis handelt von der Liebe. Wahrscheinlich zeigt es Francesca Orde a schi, die junge Venezianerin, mit der Chigi in wilder Ehe lebte.
Einer war gar nicht begeistert von dem Neuankömmling: Raffael. Galt doch bislang er alleine am Tiber als Maler der Sinnlichkeit, ein Virtuose der Farbigkeit. Die beiden Künstler rivalisierten sofort miteinander. Erst spielerisch, als sie ihre Bilder in Chigis Villa aufeinander reagieren ließen.
Ernst wurde es, als ein Dritter sich einschaltete, dem der Aufsteiger Raffael schon lange ein Ärgernis war - Michelangelo. Sebastiano bewunderte den Bildhauer, er verzieh ihm jeden Wutausbruch. Schon bald durfte sich der gesellige Venezianer zu Michelangelos Freunden zählen - ein Privileg, das kaum jemand genoss. Sie tauschten jahrelang Briefe aus.
Sebastiano kam Michelangelo gerade recht. Der Venezianer verzauberte mit seinen psychologischen Porträts selbst die pragmatischen Strip penzieher im Klerus. Er konnte all das, was Michelangelo nicht beherrschte:
Gesichter malen, Ölfarben leuchten lassen, den Tastsinn des Betrachters mit der Malerei von weichem Samt und flauschigen Pelzen locken. Aber er stellte Michelangelos Genie nicht infrage, und er schätzte die Skulptur über alles. Er war der Richtige, um Raffaels Platz einzunehmen. Mit diesem Ziel förderte der Bildhauer seinen neuen Freund. Er empfahl ihn hohen Herren und schenkte ihm Zeichnungen für seine Gemälde. Schließlich trieb er ihn in den größten Künstlerwettstreit der Renaissance. Raffael und Sebastiano malten gegeneinander an, zwei Altarbilder für Giulio de' Medici, den späteren Papst Clemens VII.
Raffael war nicht wohl bei der Sache, er spionierte die Ideen des Kollegen aus und versuchte, den öffentlichen Vergleich der beiden Bilder zu verhindern. Sebastiano beklagte sich darüber bei Michelangelo, der natürlich auf seiner Seite steht - froh, dass ihm selbst solch ein direkter Vergleich mit Raffael erspart blieb.
Der starb über diesem Streit im April 1520, die "Transfiguration", das Konkurrenzbild zu Sebastianos "Lazarus", ist sein letztes Werk.
Sebastiano galt nun in Rom als einzig würdiger Nachfolger Raffaels.
Doch das Glück währte nicht lang.
In Folge der Reformation verwüsteten 1527 deutsche Landsknechte die Ewige Stadt. Sebastiano erlebte diese Plünderung, den "sacco di Roma", in der Engelsburg an Seiten von Papst Clemens VII., der ihn später wegen seiner Loyalität zum Bleisiegler ernannte.
Das verspielte, kunstsinnige Rom der Renaissance war aus den Fugen geraten. 1531 schreibt der schwer erschütterte Sebastiano an Michelangelo:
"Immer noch bin ich nicht wieder der alte Bastiano, der ich vor dem "sacco" war, ich komme immer noch nicht wieder zu Verstand." Wenn sein Stil in den nächsten Jahren düsterer wird und er weniger malt, dann liegt dies nicht an seiner "Faulheit", wie Vasari meint. Vielmehr hegte Sebastiano Zweifel am Sinn der Kunst in einer Welt, die dem Untergang so nah ist, wie er es erlebt hat.
Wie auch Michelangelo, so sympathisierte er nun mit der innerkirchlichen Reformbewegung, die mehr Bescheidenheit und eine verinnerlichte Chris tusliebe propagierte.
Sebastiano hat die Widersprüche seiner Zeit ausgehalten und in sich vereint: Ein Beamter des Papstes, der in kirchenkritischen Kreisen verkehrt.
Ein Maler, der die Bildhauerei bewundert.
Ein Venezianer, der seine poetischen Liebesbilder in der Hauptstadt der Kleriker und Prostituierten malt.
Im Bemühen, zwischen der venezianischen Ölmalerei und der Freskokunst Mittelitaliens zu vermitteln, entwickelte er eine viel gerühmte Technik, in Öl auf Stein zu malen. Damit Michelangelo diese Methode in seinem "Jüngsten Gericht" verwendet, ließ Sebastiano die Wand der Sixtinischen Kapelle entsprechend präparieren.
Laut Vasari geriet Michelangelo in Rage, ließ den Putz abreißen und schrie, Ölmalerei sei eine Kunst für Frauen und Faulpelze wie Sebastiano.
Vielleicht hat Vasari die Geschichte erfunden, um seinen Rufmord zu rechtfertigen. Vielleicht aber war Sebastiano manchmal selbst für seinen Freund Michelangelo zu innovativ.
s Buch "Sebastiano del Piombo. Ein Venezianer in Rom" erscheint im März im Verlag Hatje Cantz auf Deutsch und Englisch (24,80 Euro). Ausstellung: 7. Februar bis 18. Mai im Palazzo Venezia Rom; 28. Juni bis 28. September in der Gemäldegalerie Berlin. Katalog: Verlag Federico Motta, 35 Euro, im Buchhandel 45 Euro
Mit seinem "Tod des Adonis" (189 x 285 cm) in den Uffizien holt Sebastiano Arkadien an die Lagune
Papst Clemens VII. ernannte Sebastiano zum Bleisiegler (145 x 100 cm, Museo di Capodimonte, Neapel)
Gemalt in Öl auf Stein: "Geißelung Christi" (515 x 300 cm, San Pietro in Montorio, Rom)
Das "Bildnis einer jungen Frau" (78 x 61 cm, Gemäldegalerie Berlin) zeigt wahrscheinlich die Geliebte von Sebastianos Mäzen
Seine poetischen Liebesbilder malt Sebastiano auch im klerikalen Rom
Unvollendet:
Sebastianos Frühwerk "Das Urteil des Salomo" (208 x 315 cm, Kingston Lacy)
Michelangelos Freund Sebastiano misst seine voluminösen Figuren an der Bildhauerei
Maler der Dunkelheit und des Mondlichts: "Pietà" (270 x 225 cm, Museo Civico, Viterbo)
"Kardinal Ferry Carondelet und sein Sekretär" (113 x 87, Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid)
In seinen Bildnissen kommt der Venezianer den Römern nah
