Ausgabe: 02 / 2008
Seite: 18-27

Neue deutsche Romantik - Die Monsterfrauen kommen

Von Elke Buhr

Weibliche Vampire, Comic-Amazonen, Ungeheuer im Mondlicht: Eine Generation von Künstlerinnen entdeckt die Unterwelten der Popkultur für sich - ihr neuer Surrealismus gibt sich schrill und träumerisch. Ein unheimlicher Report aus vier Ateliers

Wenn die Künstlerin Jen Ray in ihrem Berliner Studio ihren Laptop auf klappt, sieht sie eine schöne blonde Frau, die sich über einen devot zurückgelehnten Mann beugt - in eindeutiger Absicht: Die Frau ist Vampirin. Gleich wird sie zubeißen und frisches Männerblut kosten.

Das Bild stammt aus dem Film "Begierde" von Tony Scott. In der ästhetizistisch überdrehten Achtziger-Jahre- Produktion ist Catherine Deneuve eine über 1000-jährige Vampirfrau, die erst ihren Partner David Bowie überlebt und dann Susan Sarandon verführt.

"Mein absoluter Lieblingsfilm", strahlt Jen Ray. Schon als Kind habe sie Vampirgeschichten geliebt - auch wenn sie den erotischen Kitzel daran erst später verstanden hat. Heute ist es genau diese Verbindung von Märchenhaftem und Sexualität, die die fantastischen Tuschezeichnungen der 37-jährigen Amerikanerin ausmachen.

Jen Rays Bilder sind bevölkert von Amazonen mit futuristischen Waffen und nackten Brüsten, die schreckliche Löwen, Bären und Yeti-Monster mit einem eleganten Wink ihrer schlanken Finger unterwerfen. Ihre filigranen, sorgfältig kolorierten Tableaus feiern weiblichen Glamour, weibliche Macht und die dunklen Freuden der Dekadenz. Und noch hat Ray keine Vampire gemalt, aber sollte in ihren Bildern einmal jemand Blut saugen, so kann man jetzt schon sicher sein:

Es wird ein weibliches Wesen sein.

Dabei sind es traditionellerweise die Frauen, die ihre weißen Hälse nach hinten biegen, um sich dem tödlichen Biss darzubieten. Die weiblichen Vampiropfer gehören in eine lange Reihe weiblicher "Schöner Leichen", deren Funktion die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen ausführlich beschrieben hat. Im erotisch besetzten Bild der tragisch dahingerafften Frau versucht der männliche Schöpfer- Künstler, das Weibliche zu zähmen.

Ob Ophelia oder Schneewittchen: Die Frau, für Freud der ewig unverständliche "dunkle Kontinent", ist in der abendländischen Kulturgeschichte immer wieder Symbol für das Unheimliche gewesen, bleiches nacktes Opfer, Projektionsfläche von Gruselfantasien, die Männer erdacht haben.

Andererseits ist eines der berühmtesten Wesen der Literatur- und Filmgeschichte von einer Frau geschaffen worden: Frankensteins Monster wurde von der Lord-Byron-Freundin und Feministinnen-Tochter Mary Wollstonecraft Shelley zu literarischem Leben erweckt. Und knapp zwei Jahrhunderte später scheint es, als seien junge Künstlerinnen in der weiten Welt der Fantasie sogar mehr zu Hause als die Männer: Die Frauen haben sich zu souveränen Regisseurinnen ihrer eigenen Traumwelten emanzipiert.

Alice hat es gut gefallen im Wunderland, und ihre Erbinnen probieren freiwillig die magischen Tränke und werfen sich in das Surreale. Sie geben sich Tagträumen hin, in denen deutlich absurdere Begegnungen stattfinden als nur die zwischen einem Regenschirm und einer Nähmaschine, die Lautréamont beschwor. Sie bergen das Erbe der Romantik, spielen die Waldhexe, nehmen Caspar David Friedrich den Pinsel aus der Hand und balancieren in Flip-Flops über dem Abgrund.

Und wenn sie ins Unbewusste herabsteigen, dann kommen sie nicht mit den Händen voller Schlamm und expressiver Gesten wieder hervor, wie ihre männlichen Generationsgenossen Jonathan Meese oder Tal R: Im neuen weiblichen Surrealismus äußert sich das Irrationale subtiler. Aber es ist dabei nicht weniger radikal.

Vielleicht ist Vampirismus sogar die perfekte Metapher für die Eroberung der Kunst durch die Frauen. Die Vampirin kommt überraschend, bohrt winzige Löcher und lässt das Blut heraustropfen; sie zehrt von der Tradition und macht sie selbstbewusst für sich nutzbar. Unter dem Titel "Diebe, Wilderer und Vampire" hat die Malerin Monika Baer einmal in einem Vortrag die Ästhetik ihres Werks skizziert. Auf der Documenta 12 zeigte Baer eine Bildserie mit dem Titel "Vampir": Dort schwebte das zur Maske isolierte Gesicht einer Frau mit hartem Blick durch dramatische Farb- und Formwinde, inmitten von Knochenfragmenten, die durch den abstrakten Bildraum sausen wie bizarre Schmetterlinge.

Monika Baer, die noch in den figurationsskeptischen späten achtziger Jahren künstlerisch sozialisiert wurde, malt solche Motive unter fundamentalen konzeptuellen Zweifeln, jeder inhaltlichen Interpretation verweigert sie sich. Romantik und Kitsch sind keine gültigen Vokabeln für sie. Ihr geht es um die Möglichkeiten der Malerei, und ein unheimliches Gesicht oder ein postromantischer Totenkopf haben als figurative Elemente für sie den gleichen Status wie beispielsweise fallende Wurstscheiben. Doch die jüngeren Künstlerinnen, die jetzt die Szene betreten, nutzen die klassischen Chiffren der Romantik, des Geheimnisvollen und des Surrealen mit großer Freiheit - ohne dabei naiv zu werden.

Susanne Kühn zum Beispiel. Die 1969 in Leipzig geborene Malerin hat direkt nach der Wende dort studiert und später einige Jahre in den USA verbracht, wo sie die konzeptionelle Herangehensweise an die Kunst kennen gelernt hat. "So wie mir die klassische akademische Maltechnik erst sehr nah war, ist sie mir da sehr fremd geworden - heute genieße ich die Freiheit, die mir das Handwerkliche gibt", erzählt sie beim Besuch in ihrem Studio in Freiburg, wo sie nun wohnt.

Das Vertraute fremd machen, so könnte man auch ihre Bilder beschreiben.

Großartige Wälder und Landschaften mit allen Versatzstücken romantischer Naturidyllen finden sich dort: Pittoresk verwitterte Baumstümpfe erheben sich neben imposanten Wasserfällen, ein Gebirge thront erhaben über einer tiefen Schlucht, ein bleicher Mond bescheint einen silbrig glänzenden Bach. Mitten in diesen zeitlosen Landschaften befinden sich Susanne Kühns Frauenfiguren: erkennbar Bewohnerinnen unserer urbanen Gegenwart, mit Hüfthosen und in Jogging-Pose oder eben in Flip- Flops über der Schlucht balancierend.

Wie ruhige Kraftzentren halten diese wunderbaren Frauenfiguren die Landschaften zusammen, die, statt in rückwärts gewandter Idylle zu verharren, an allen Ecken und Enden ins Abstrakte kippen, sich in scharfen Diagonalen dynamisieren und Ornament und Struktur werden. Ja, sie hat Caspar David Friedrich schon als Kind geliebt, sagt Susanne Kühn, sie hat auch die amerikanische Romantik kennen gelernt: "Interessant für mich sind da Lichtstimmungen, Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, eine gewisse Räumlichkeit, die dadurch entsteht." Das Wagnerianische, das manche darin sehen mögen, ist ihr jedoch fern - und das spürt man auch. Nicht zuletzt in den neueren Bildern, die erstmals auch Innenräume zeigen, mit Renaissance- Proportionen und nachdenklichen Frauen darin, die dem alten Dürer-Thema der Melancholie nachspüren.

Mitten drin in den komplexen Formen der Architektur und Landschaft steht dann eine Burg im Regal, deren schaurige Formen vom Spielzeughersteller Playmobil stammt - so erzielt Lebensnähe überraschende surreale Effekte.

Kühns Bilder wirken gleich zeitig entrückt und zeitgenössisch - und dabei um vieles interessanter als die bedeutungsschwangeren surrealen Kompositionen einer der bislang bekanntesten Malerinnen der Leipziger Schule, Rosa Loy. Susanne Kühn fühlt sich in ihren ruhigen Rätselbildern "vollkommen wohl". Doch Betrachter finden sie oft unheimlich, vielleicht wegen ihrer undurchdringlichen Frauenfiguren, die sich so völlig selbst genügen. Auch Miriam Vlaming wird oft auf das Unheimliche in ihren Bildern angesprochen, doch sie fühlt sich dann sehr verstanden: "Für mich muss die Malerei Geheimnisse bergen, sie darf nicht alles aussprechen.

Künstlich erzeugen kann man das allerdings nicht. In dieses Gefühl muss man sich hineinbegeben." Auch die 1971 in Düsseldorf geborene Miriam Vlaming hat in Leipzig studiert; früh hat sie ihre Vorliebe für das Märchenhafte entdeckt, hat große, fast klobige Alice-Figuren auf die Leinwand gesetzt und sich mit ihrer Hilfe malerische Räume erobert.

Dann hat sie begonnen, altes Fotomaterial abzumalen, vom Flohmarkt oder aus Büchern. Menschen aus der Vergangenheit tauchen in ihren weiten Farbräumen auf wie Schatten; wie ihr Leben verlief und wie es endete, liegt genauso im Ungewissen wie der Raum, aus dem sie zu uns blicken.

Vlaming arbeitet mit Eitemperafarbe, die sie aufträgt und wieder abwäscht:

"Ich mag die Porösität, dass es so fragil aussieht - obwohl es extrem haltbar ist." In einer schwierigen Balance von Kontrolle und Laufenlassen entwickelt sie Bilddetails und löscht sie wieder aus, entwirft und negiert, wie in einem langen Prozess von Rede und Widerrede. Die Farbschleier, die Miriam Vlaming dabei übereinander schichtet, sind zauberhaft zart - das akademische Handwerk der Leipziger Schule hat sie zu einer Malweise geführt, die längst himmelweit entfernt ist von der ausformulierten Figuration.

Und wenn in den feinen Strukturen ihrer Bilder hingestreckte Ophelias auftauchen, von denen man nicht weiß, ob sie schlafen oder tot sind, wenn sie winzige Gestalten durch weite Wälder schickt, dann wirken diese Motivzitate wie vielfach gefilterte Erinnerungen, die feinste Stimmungsnuancen in die Jetztzeit transportieren.

"Mein Lehrer, Arno Rink, hat mir einmal gesagt, ich hätte die Naivität eines Kindes, aber das Misstrauen einer Erwachsenen", erzählt Miriam Vlaming: "Das fand ich recht passend." Doch so wie jedes Motiv in Vlamings Bildern sich gleichzeitig dem Blick wieder entzieht, so erscheint auch das, was sie ihre Naivität nennt, reflektiert und gefiltert - ohne dass das Gefühl an Intensität einbüßen müsste. Die Entfremdung, von der die Romantik erzählte, zeigt Vlaming dabei nicht mehr im Verhältnis zur Natur, sondern im Menschen selbst, der seinen Wiedergänger im Spiegel heute unendlich vervielfacht in den Medien findet.

Gerade die Topoi der Romantik sind heute nicht mehr denkbar ohne die Karriere, die sie in der Popkultur gemacht haben, im weiten Feld von Fantasy und Gothic, von Grusel-Metal und Splatter-Film. Auch hier sind die Frauen heute ganz selbstverständlich zu Hause - allen voran die Düsseldorferin Andrea Lehmann. Beim Besuch ist in ihrem Atelier gerade das fertige Material für die aktuelle Galerieausstellung aufgebaut: eine Folge von Tableaus, die einen ganzen Raum auskleiden.

Und es wird einem nicht nur deshalb darin schwindelig, weil man sich einmal um sich selbst drehen muss, um alles zu sehen. Da sind altmodisch plüschige Interieurs, bevölkert von älteren Herren, die in Verschwörungen verwickelt zu sein scheinen. Daneben kontrolliert eine Gruppe nahezu identischer schöner Frauen durch altmodische Telefonanlagen das Geschehen; sie tragen die schneewittchenschönen Züge der 33- jährigen Malerin selbst. Eine mädchenhafte Rothaarige blickt - Alice lässt grüßen - in einen Spiegel, der eine bizarre Wunderkammer enthüllt: ein Kalb und ein Babyskelett, jeweils mit zwei Köpfen, Föten in grünlicher Flüssigkeit.

Und daneben sitzen die Rock- Größen Elvis, Johnny Cash und Glenn Danzig an einem langen Tisch, als hielten sie Gericht über diese irre Welt.

Es geht um Agentengeschichten, Heavy Metal, Macht, Geld und Gehirn", erklärt Andrea Lehmann, und lacht charmant in die Sprachlosigkeit ihrer Besucherin hinein. Seit Jahren schon schickt Andrea Lehmann ihre altmeisterlich gemalten Figuren - meist auch bei ihr weiblich - auf fantastische Reisen, lässt sie in wuchern den Installationen Geister jagen, malt Mutationen und Séancen.

Auf manchen ihrer wie Schmuckstücke versiegelten Ölbilder kleben echte Haare an den Köpfen bleicher Jungfrauen. Und man weiß gar nicht, worüber man sich mehr gruseln soll, über das fast noch flüssige Blut, das ihnen aus der Nase tropft, oder über das zweite Augenpaar, das einem aus den Gesichtern entgegenstarrt. "Es gibt viele Leute, die das wahnsinnig überladen, hysterisch und kitschig finden - was auch völlig in Ordnung ist. Ich kann nicht von jedem erwarten, dass er mit so etwas gut klar kommt", sagt Lehmann.

Aber sie selbst sieht keine Alternative:

"Ich glaube, im Grunde kann man sich nicht aussuchen, was man malt.

Man merkt einfach, was man kann, was von selbst entsteht. Natürlich muss nicht jeder so malen, aber ich schon", erklärt Lehmann. Tatsächlich hat sie allen Anlass zur Gelassenheit - nicht nur weil ihr die Sammler die Bilder zur Zeit aus der Hand reißen. Gerade in seiner kompromisslosen Hemmungslosigkeit ist ihr künstlerischer Entwurf atemberaubend. Es ist eine Hemmungslosigkeit ganz ohne Machogeste, mit großer technischer Finesse ausgeführt.

So findet bei Andrea Lehmann wie auch bei den anderen dieser Künstlerinnen die Malerei zu einer sehr ursprünglichen Funktion dieser Gattung: Sie ist Medium des Träumens. In dieser Traumwelt ist die Hierarchie zwischen High und Low aufgehoben, die Popkultur genauso integriert wie die malerische Tradition.

Die Fantasiewelt der Kindheit hat dort ihren Platz neben Erotik, Sexualität, Tod. Mit bemerkenswerter Souveränität und ohne esoterische Flausen lassen die jungen Künstlerinnen diese Traumwelten aufsteigen in ihre Bilder, sie reflektieren sie und klopfen ihre ästhetischen Qualitäten ab. Sie stehen zu ihren Fantasien, jenseits der alten Grabenkämpfe zwischen Abstraktion und Figuration. Nicht jede der geheimnisvollen Hexen, Feen und Flip-Flop-Frauen, deren Träume wir bestaunen, ist bewaffnet wie Jen Rays Amazonen; aber alle sind auf eine bemerkenswerte Weise bei sich. Und die schöne Mädchenleiche als Projektionsfläche männlicher Fantasien ist nur noch eine Erinnerung aus einem vergangenen Jahrhundert.

Jen Ray Galeriekontakt: Galerie Jan Wentrup, Berlin, www. janwentrup.com Susanne Kühn Galeriekontakt: Goff + Rosenthal, Berlin, www.goffandrosenthal.com Ausstellung: 19. April bis 14. Juni.

Literatur: Susanne Kühn, Hatje Cantz Verlag 2007.

Miriam Vlaming Galeriekontakt: maerzgalerie, Leipzig, www.maerzgalerie.com Literatur: Miriam Vlaming. Vormorgen.

Kerber Verlag 2007.

Andrea Lehmann Galeriekontakt: Anna Klinkhammer Galerie, Düsseldorf, www.anna-klinkhammer.de Ausstellung: Andrea Lehmann. Die nächsten 1000 Jahre

Weitere Werke der vier Künstlerinnen finden sie hier: www.art-magazin.de

Oben: Jen Ray (links) und Susanne Kühn. Unten: Andrea Lehmann (links) und Miriam Vlaming

Zotteliges Untier: "Ohne Titel (Nicht aufgeben)" (2007, 76 x 57 cm)

Jen Rays Bilder sind bevölkert von Amazonen mit Waffen und nackten Brüsten, die Löwen und Yeti-Monster unterwerfen

Amerikanerin in Berlin: Jen Ray, 37, in ihrem Atelier (Foto:

Nina Lüth)

Kunst aus Comictrash: Ausschnitt aus der Tusch- und Aquarellzeichnung "Ohne Titel (Lazer Float)" (2007, 120 x 160 cm)

"Baden bei Sonnenaufgang" (2005, 180 x 210 cm)

Susanne Kühn zeigt Wälder und Landschaften mit allen Versatzstücken romantischer Naturidyllen - und mittendrin urbane Frauenfiguren

Susanne Kühn, 38, in ihrem Freiburger Atelier (Foto:

Markus Feger)

"Katja - Melancholie" (2007, 220 x 320 cm)

Blasse Erinnerungsbilder: "Survivors" ("Überlebende", 2006, 140 x 160 cm)

In den fein übereinander geschichteten Farbschleiern von Miriam Vlaming tauchen hingestreckte Ophelias auf oder winzige Gestalten, die durch Wälder geschickt werden

Miriam Vlaming, 36, hat bei Arno Rink in Leipzig studiert und lebt heute in Berlin (Foto: Nina Lüth)

Die Magie des Wassers: "Goldgräber" (2006, 170 x 200 cm)

Traumfigur: "Diamantkopfalien" (2005, 250 x 180 cm)

"Natürlich muss nicht jeder so malen", sagt Andrea Lehmann, "aber ich schon"

Andrea Lehmann, 33, in ihrer Düsseldorfer Galerieausstellung (Foto: Markus Feger)

Zwischen Zauber und Horror:

"Materialverwechslung" (2006, 210 x 350 cm)