Ausgabe: 02 / 2008
Seite: 8
Studio - unheimliches Schattenspiel
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SCHNELLDEUTUNG: Royaler Schnappschuss Das neue Herrscherporträt: art lässt das Familienfoto zum 60. Hochzeitstag der Queen von Experten entschlüsseln - kunsthistorisch und gesellschaftlich Der Kunsthistoriker analysiert Bildsprache und Details in der Tradition königlicher Familienporträts:
"Es herrscht eine beängstigend unpersönliche, fast schon eingefrorene Ordnung: Die Königin (7) thront frontal in der Mitte, um sie herum sitzt und steht die Kernfamilie (8), ohne sich zu berühren, dahinter ein Vorhang (12) wie aus Stein.
Das ist eine hierarchisierende, fast mittelalterliche Bildsprache wie zuletzt bei Hans Holbein oder Anthonis van Dyck.
Dabei ist bereits vor 300 Jahren alles viel lockerer geworden: Enkel kamen mit aufs Bild, die Familie gruppierte sich zwanglos und ohne eine Rangfolge darzustellen. Hier herrscht nun wirklich das Gegenteil: absolute Symmetrie bei Menschen und Gegenständen - sogar in der Körperhaltung der Männer. Selbst die Accessoires im Raum fangen das auf: links und rechts oben Porträts (1, 13), in der Mitte Landschaften (2, 14), unten Fotos (3, 15). Ich nehme an, dass der Fotograf Stunden gebraucht hat, um alles so zu arrangieren. Und dann haben alle auf sein Kommando das gleiche Lächeln aufgesetzt. Dabei geben sich königliche Familien seit Jahrhunderten auf Bildern eigentlich gern so wie Bürgerliche.
Darauf wird hier verblüffenderweise wieder verzichtet. Die wenigen privaten Anklänge sind Prinz Philips hochgezogene Hosenbeine (17) und Königin Elisabeths umgekipptes Handtäschchen (10). Die einzigen Hinweise auf zwischenmenschliche Nähe sind der Saum ihres Kleides (18), der den rechten Schuh ihres Gatten berührt, und das Sofakissen (9), das die beiden verbindet.
Zwischen ihr und ihrem Sohn hingegen klafft eine große Lücke (6). Das sieht für mich nach einer gestörten Familienstruktur aus. Vielleicht deutet das sogar auf eine Krise der Monarchie hin - aber das können Politologen besser beurteilen." Der renommierte Journalist und Adelsexperte erklärt Dresscode, Sitzordnung und Raumwahl: "Es handelt sich um The Morning Room (19) in Clarence House, der Residenz des Thronfolgers Prinz Charles und seiner Gattin Camilla. Das ist das Audienzzimmer mit einem tollen Blick in den Garten. Eigentlich finden solche Aufnahmen in den Machtzentren der Königin statt: Buckingham Palace, Windsor Castle. Das deutet darauf hin, dass Prinz Charles langsam nachrückt.
Auf dem Foto ist nur die allerengste Familie (8). Früher gehörten dazu auch noch Queen Mum und Prinzessin Margaret, aber die sind ja leider gestorben.
Sie sitzen auf einem Chippendale- Sofa (16). Dieser Stil dominiert überall in den Schlössern. Die Bilder an der Wand stammen allesamt aus dem persönlichen Besitz von Queen Mum.
Wahrscheinlich waren es Geschenke, aber sie würden dort nicht hängen, wenn sie ihr nicht gefallen hätten.
Links oben: "A Conversation Piece at Aintree" (1) (um 1927) von Walter Sickert. Links unten: "A Fylde Farm" (2) (1943) von L. S. Lowry. Rechts oben: "When Homer Nods": (13)
Porträt von George Bernard Shaw (1915) von Augustus John. Rechts unten: "Newhaven Pier" (14) (um 1939) von Duncan Grant. Interessant sind die Fotos aus jungen Jahren auf den Tischchen: links Queen Mum (3), rechts Elisabeth und Philip (15). Der Dresscode an diesem Abend lautet Black Tie (11). Das ist englisches Understatement. Sie verzichten auf die volle Pracht, also Frack, Uniform und Diademe. Bei einer bürgerlichen Familie wäre die Sitzordnung anders. Die Tochter säße mit den Eltern auf dem Sofa und die Jungs stünden dahinter.
Bei der königlichen Familie hat der Thronfolger (4) als wichtigster Nachfolger neben der Königin Platz zu nehmen. Prinz Philip trägt ein weißes Einstecktuch - relativ üblich und konservativ -, während Charles recht riskant agiert, indem er ein lila Tuch (5) wählt.
Er versucht wohl, ein wenig aus der Tradition auszubrechen. Allerdings hätte er vielleicht lieber einen Ton gewählt, der zu der Garderobe seiner Gattin gepasst hätte - sie trug Dunkelgrün."
Wenn am Rosenmontag (4. Februar) in Köln "dr' Zoch kütt" (hochdeutsch: der Karnevalszug kommt), dann fliegen die "Kamelle" von einem Festwagen, wie es ihn noch nie gegeben hat. Das Museum Ludwig ist mit einem vom Karikaturisten Burkhard Fritsche entworfenen Wagen dabei, auf dem die Querelen um die sechs Meter hohe Statue des "David" von Hans-Peter Feldmann durch den Kakao gezogen werden. Diese steht seit Juli 2006 auf dem Heinrich-Böll-Platz nahe dem Museum Ludwig und erregte den Zorn zahlreicher Kölner - der schweinchenrosa David ist splitternackt! Inzwischen ist er so mit Farbe beschmiert worden, dass er zur Restaurierung abmontiert werden musste. Auf dem Wagen bietet ein emsiger Bürokrat Feldmanns Nackedei seine nicht mehr ganz taufrische Unterhose mit dem Ruf "Nemm ming" (Nimm meine) an. Museumsdirektor Kasper König höchstpersönlich wird gemeinsam mit Museumskollegen rund 3000 "Strüßjer" (Blumensträuße) und 15 000 Schokowaffeln unters närrische Volk werfen.
10 200 Euro beträgt in etwa der Ankaufsetat der Südafrikanischen Nationalgalerie in Kapstadt - eine absurd geringe Summe angesichts des Preisbooms, den Kunst gerade erfährt. An Geld mangelt es Südafrika offenbar nicht, denn für die Vorbereitung der Fußballweltmeisterschaft 2010 stellt der Staat ein Gesamtbudget von rund 1,85 Milliarden Euro bereit: für Stadien-, Straßen- und Schienenbau.
PRESSETEXT DES MONATS Zum Medienkunst-Festival "Transmediale" vom 29. Januar bis 3. Februar im Haus der Kulturen der Welt in Berlin: "Die transmediale.
08 wird unter dem Motto ,Conspire ...' untersuchen, wie sich Kommunikationsstrukturen verändern und neue Glaubensapparate, fragwürdige Hierarchien und Realitätsverlust- Mechanismen entstehen. Das Programm beinhaltet einen konspirativen Bilderberg- Salon, eine interdisziplinäre Konferenz mit Keynote-Vorträgen internationaler Wissenschaftler, eine umfangreiche Ausstellung zum Thema sowie Performances, die auch den Stadtraum einbeziehen."
Niemand ist mehr sicher. Dank Handykamera und Web 2.0 findet man im Netz längst private Bilder von nahezu allen Schulfreunden und erst recht von jedem Promi. Und so kann man sich auf YouTube genüsslich Daniel Richter beim Ententanz ansehen oder Joseph Beuys beim anrührenden Anti-Reagan-Rap. Außer Blödel-Entertainment gibt es aber auch echte Perlen unter den Filmchen, wie zum Beispiel Andy Warhol beim Hamburgeressen oder einen Rundgang mit Takashi Murakami durch eine seiner Ausstellungen.
Kaum ein Künstler wird so oft mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert wie Damien Hirst, mehr als 2000 Treffer gibt es, wenn man seinen Namen und "Plagiarism" googelt. Hirst streitet gar nicht ab, dass er sich ganz gern bei der Arbeit inspirieren lässt: So findet man die Punktblume von Hirst (2000) im Buch "Mathographics" (1987) von Robert Dixon und die Ursprungsidee für den berühmten Hai (1991) beansprucht die Londoner Künstlergruppe "The Stuckists" (1989). Mal abwarten - bisher ist Hirst immer heil davon gekommen ...
DIE ART-HOME-STORY ( 7 )
Zu Gast bei Thomas Bayrle
Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.
Mao-Bibel Die Mao-Bibel ist von 1968.
Damals hat sie mich stark beeinflusst. Die chinesische Philosophie kommt mir vor wie eine Maschine, sie hat die Rigidität eines Webstuhls:
In einem Gewebe gibt es nur drunter oder drüber, jegliches Moralisieren fällt weg. Ich gucke da aber schon lange nicht mehr rein. Eigentlich steht da lauter Schwachsinn drin.
"Uhu"-Tuben "Uhu" brauche ich in rauen Mengen. Ich verklebe damit meine Papp- und Holzmodelle. Ich habe es auch mal mit "Pattex" versucht, aber das Zeug ist zu störrisch und fließt nicht gut.
Für so kleine Klebestellen, wie ich sie habe, eignet es sich gar nicht. Von der Elastizität her und der Art, wie es trocknet, ist "Uhu" einfach unschlagbar.
Filmrollen Seit 1980 mache ich Filme in den Formaten 35-Millimeter und 16-Millimeter. Mittlerweile liegen die Rollen hier einfach so rum. Da kam ich auf die Idee, daraus Architekturmodelle zu bauen, indem ich die Streifen zu Endlosschleifen verbinde. Genauso wie ich das sonst mit meinen Pappautobahnen mache. Ich finde, eine solche Filmrollenskulptur wäre doch ein schönes Modell für ein Filmmuseum.
Mottenschutz Ich habe sehr viele Sachen aus Stoff in meinem Atelier, die ich gegen Motten schützen muss: zum Beispiel Mäntel, die ich seit 1967 ausstelle; und das sind ja nicht nur Regenmäntel aus Gummi. Außerdem lagere ich hier diverse Wandbespannungen aus gewebten und bedruckten Stoffen. Da muss man höllisch aufpassen, dass da nicht die Motten reingehen.
Märklin-Autos Die Autos brauche ich für meine Autobahnmodelle aus Pappe.
Bevor ich die Wagen auf die Straßen klebe, spritze ich sie so mit Lack um, dass sie verdreckt aussehen.
Leider gibt es sie in Deutschland schon seit Jahrzehnten nicht mehr zu kaufen. Solche Autotypen werden ja auch schon lange nicht mehr gebaut. Diese hier habe ich in Ungarn bekommen - das war eine riesige Aktion.
EINE LISTE "Was darf ich Ihnen anbieten?" Was man bei Interviews von Künstlern angeboten bekommt:
1. Neo Rauch: selbst gekochte Pasta, frischen Salat 2. James Turrell: Eistee, Kaffee, selbst geschmierte Puten-Sandwiches 3. Berlinde De Bruyckere: Salat, Brot, Käse, Wein 4. Tobias Rehberger: Johannisbeerschorle, geräucherte Bratwurst 5. Thomas Demand: Waldbeeren, Weintrauben 6. Martin Honert: Holundersaft 7. Luc Tuymans: schwarzen Kaffee 8. Martin Eder: Pasta, Rotwein, Bier, Gin Tonic 9. Robert Rauschenberg: viel Weißwein mit Eiswürfeln 10. Teresa Margolles: Bier, zur Not auch Tee 11. Andreas Gursky: Kaffee aus dem Plastikbecher und Nussecken 12. Gregory Crewdson: Kaffee aus der Thermoskanne 13. Ambra Medda: Zigaretten 14. Herzog & de Meuron: Wasser 15. Matthew Barney, Vanessa Beecroft, Christo und Jeanne-Claude: nichts
Es ist kein gewöhnliches Haus, das da in Los Angeles vor sich hinrottet. Ennis House hat - wie viele tragische Gestalten der Metropole - fast alle Facetten des Lebens gesehen: Geboren 1924 aus einer Entwurfskizze von Frank Lloyd Wright, wuchs es in liebevoller Bauarbeit zu einem Betontempel im Maya-Stil heran.
Dann wurde es für den Film entdeckt und wirkte mit in Klassikern wie "House on Haunted Hill" (1958), "Blade Runner" (1982) oder "Gattaca" (1997). Doch der Ruhm bröckelte und mit ihm die Fassade. Aber für einen Nachruf ist es noch zu früh, denn ein Comeback der renovierten Ikone ist fest geplant ...
KLEINE ENZYKLOPÄDIE DER KUNSTKLISCHEES (10)
Sehgewohnheit, die: f., Kompositum aus "sehen" (Wahrnehmung der in opt. Reizen enthaltenen Informationen) und "Gewohnheit" (erlernte, verfestigte Verhaltensweise, die routinemäßig, automat.-reflexartig, instinktiv praktiziert wird). Bes. in der Kunst ist die S. von zentraler Bed., da nur durch ihre schmerzhafte Brechung ein Evolutionsschritt erfolgt. Die Etablierung einer neuen S. erfolgt in fünf Stadien: Skandal, Empörung, Umdenken, Verzückung, Verehrung. Beispiel: Marcel Duchamp, der mit einem sig nierten Pissbecken erst den Zorn der Massen provozierte, dann zum Messias der Moderne aufstieg - eine simple und preiswerte Idee, in die Geschichte ein zugehen. Das Genialität nicht käuflich ist, zeigte jüngst wieder Damien Hirst: Sein Diamantenschädel bricht nicht die S., sondern bestätigt, dass nur die wenigsten Künstler das Zeug dazu haben, eine neue Epoche einzuleiten.
Nach über 20 Jahren Pause knüpft der britische Künstler Anthony McCall an seine "Solid Light"-Serie an und veranstaltet in der Londoner Serpentine Gallery ein fast schon unheimliches Schattenspiel:
Mit Hilfe von Digitalprojektoren lässt er Licht in begehbare, dunkle, mit Nebel gefüllte Räume fallen. Die Kegel öffnen und schließen sich langsam, so dass der Eindruck einer dreidimensionalen Installation entsteht. McCall, der in den Siebzigern zur britischen Avantgardefilm- Szene gehörte, reduziert Kino hier aufs Wesentlichste: Licht. Noch bis 3. Februar in London, ab 14. Februar bis 11. Mai im Hirshhorn Museum in Washington D.C. Infos unter www.anthonymccall.com
Wie Adlerschwingen breitet sich das Dach der Hungerburgbahn in Innsbruck aus. Niemand Geringeres als Zaha Hadid hat dem Seilbahnhaus in den Alpen seine eigenwillige Form gegeben. Auf 886 Metern Höhe korrespondieren weißes Glas, silbernes Metall und heller Beton wunderbar mit der Winterlandschaft. "Fließendes Eis" habe sie zu der Konstruktion aus 1200 Scheiben inspiriert, sagte die in London lebende Irakerin bei der Eröffnung. Infos unter www.nordpark.com
Professor Martin Warnke
Familienbild in engstem Kreis, sitzend von links: Thronfolger Prinz Charles, Königin Elisabeth II. und ihr Gatte
Prinz Philip; stehend von links: Prinz Andrew, Prinzessin Anne und Prinz Edward
Rolf Seelmann- Eggebert
Karnevalswagen (Entwurf) mit "David" und Werken aus dem Museum Ludwig
Daniel Richter gibt alles. Ob er ahnte, dass diese private Performance im Netz landen würde?
Original und Fälschung?
Oben links das übergroße anatomische Modell "Hymn" (2000), darunter ein fast identisches Modell aus der Serienproduktion.
Rechts oben der Hai der Stuckists, darunter der von Hirst. Darunter links die Punktblume "True Daisy" von Dixon und rechts "Valium" von Hirst
Thomas Bayrle, 70, in seinem Frankfurter Atelier, Galeriekontakt: www.galerie barbaraweiss.de
Die Szene aus "Blade Runner" zeigt den früheren Glanz von Ennis House
Paparazzi-Bilder belegen: So schlecht steht es um Ennis House
René Magritte und Luis Buñuel brechen in Bild und Film mit Sehgewohnheiten
