Ausgabe: 02 / 2008
Seite: 35

Kombiniere: Kunst bringt Gunst

Von Thomas Wagner

Ist die Kunst zu erfolgreich? Die Feuilletons brechen in Katzenjammer aus, weil Malerei zum Mainstream geworden ist. meint: Kritiker, lasst Euch nicht so hängen!

Ach, hätten wir doch ein so spitzes Kinn und einen so harten Hinterkopf wie unser Freund Nick. So ist es aber nicht und auch der Knoten lässt sich nicht leicht lösen. Worum es geht? Darum, dass Erfolg offenbar mehr Probleme verursacht als Misserfolg.

Zumindest für bestimmte Leute. Die zeitgenössische Kunst ist angeblich so erfolgreich wie nie zuvor. Und schon beginnen die Sorgen. Denn statt sich zu freuen, das Geschäft der Kritik ernsthaft zu betreiben und am einzelnen Werk Kriterien für dessen Beurteilung zu entwickeln, geben sich die sonst so smarten Kollegen nun en famille kulturpessimistisch. Die einen beklagen, es gebe keine Skandale mehr, die anderen rufen gleich die ganze Kunst zur Ordnung und fordern Regelwerke, Kanon, Qualität.

Auf dem Kamm der Welle vergießen sie ein Tränchen und rufen: So geht es nicht weiter! Alles leer! Alles hohl! "Machete- Literatur" hat Holger Liebs in der "Süddeutschen Zeitung" das Genre der besorgten Trompeter und gelangweilten Katzenjammerer treffend genannt.

Richtig - zeitgenössische Kunst ist keine elitäre Angelegenheit mehr. Jedes Lifestyle-Magazin schmückt sich mit ihr. Oder, wie mein Freund Nick sagen würde - Kombiniere:

Kunst bringt Gunst. Aber ist das mehr als der Schaum auf der Welle? Es handelt sich doch um die immergleichen bekannten Namen und eher eingängige, oft biedere und risikolose Werke, für die geworben wird. Davor, darunter, dahinter, daneben gibt es aber jede Menge sperrige, eigenwillige, schwierige, unbeugsame, gelungene und deshalb eben auch gute Kunst. Und verdammt, wäre es nicht die Pflicht der Kritik, dem naturgemäß gefräßigen Markt und den Renditejägern all diese schwer vermittelbaren Werke entgegenzuhalten, statt sich derart hängen zu lassen?

Wer sich erschöpft fühlt, der lese mal wieder Thomas Bernhard. Oder halte sich an Mike Kelley oder an ein Bild von Bernard Frize oder ... Da weht eine andere Brise.

Naturgemäß. Und man denkt bei sich: Ist die Rede von der ach so erfolgreichen zeitgenössischen Kunst vielleicht nur ein aufgeblasenes Nichts?

Worin besteht denn der Erfolg?

Ist Kunst erfolgreich, wenn sie möglichst hohe Preise erzielt und sich dem Prinzip kapitalistischen Wirtschaftens unterordnet?

Oder reüssiert Gegenwartskunst, wenn sie die öde Dauerberieselung mit flachen Bildern wenigstens für einen Moment zerreißt? Wer ist hier eigentlich vom Erfolg verwöhnt? Freund Nick in seiner zupackenden Art hat für so etwas nichts übrig und fragt nur: Macht Denken Flecken?

Wir reden doch nicht über Kunst, weil wir über Kunst reden wollen; schon gar nicht, weil wir über Geld reden wollen. Wir betrachten Kunst und freuen und ärgern und streiten uns darüber, weil sie uns die Welt anders sehen lässt. Ohne Sachzwänge, ohne die Onkeleien der Politiker und ohne deutsches Gerechtigkeitsgetue. Einen schrägen Blick und ein klares, nicht korrektes Wort oder Bild - das brauchen wir. Weil das die Welt verändert - zumindest im Prinzip. Im Jahr 2005 wurde im ukrainischen Pavillon der venezianischen Biennale - einem kleinen Raum mit Plastikstühlen - ein Video von den Demonstrationen gezeigt, die zur orangefarbenen Revolution geführt haben. Man sah, wie Leute frierend um ein Feuer hockten, sich in klammen Zelten aneinanderschmiegten, Essen machten, diskutierten. Das war keine große Kunst. Aber es zeigte, was alle Nachrichtenkanäle verschwiegen: Wie schwer es ist, durchzuhalten.

Wer den Kaiser einmal nackt gesehen hat, wird es nicht mehr vergessen. Darin liegt die Macht des Symbolischen.

Nur die Kunst-Spekulanten haben etwas zu verlieren.

Für uns bleibt immer genügend Kunst übrig. Also handelt es sich bei all dem Gejammer um einen Sturm im Wasserglas. Jede Woche ein Jahrhundertkunstwerk ausrufen und sich dann enttäuscht geben, das ist Medien-Realität.

Zur zeitgenössischen Kunst gibt es keine Alternative.

Sie ist der einzige Weg, mittendrin zu stecken und sich trotzdem etwas Klarheit zu verschaffen - in Malerei, Skulptur, Film, Literatur, Musik, Theater ... Manchmal sogar in der Werbung. Es gibt noch viel zu begreifen, bevor die Kunstproduktion auf das Niveau her absinkt, das ihr ihre Beschützer verordnen wollen. Also machen wir es wie Freund Nick. Der weiß, wann man den Dingen ihren Lauf lassen muss. Kombiniere: Jetzt mache ich eine Kombinier-Pause.

Wir reden doch nicht über Kunst, weil wir über Kunst reden wollen; schon gar nicht, weil wir über Geld reden wollen.

Einen schrägen Blick brauchen wir