Ausgabe: 02 / 2008
Seite: 80-81

Blut und Tränen der Gewalt

Von Ute Diehl

Die italienische Fotografin Letizia Battaglia hat jahrzehntelang die Verbrechen der Mafia dokumentiert. Dafür wurde sie jetzt mit dem Erich-Solomon-Preis geehrt

Letizia Battaglias Maisonettewohnung liegt hoch oben auf einem grauen Mietshaus nah am Gefängnis Ucciardone in Palermo. Die 72-jährige Fotografin, die jahrelang unerschrocken die Verbrechen der Mafia dokumentierte, ist gerade aus Köln von einer Tagung über organisierte Kriminalität zurückgekehrt.

Man hatte sie gemeinsam mit Roberto Scarpinato eingeladen, dem Palermitaner Staatsanwalt, der viermal knapp einem Attentat entgangen ist. Battaglia wundert sich, dass man in Deutschland ohne Risiko Geldwäsche und Transaktionen abwickeln kann: "Die Mafia findet dort geradezu ideale Verhältnisse vor." In Palermo wandere die alte, die mordende Mafia langsam ins Gefängnis. "Die neue Mafia aber lässt sich nicht fassen.

Was mir heute am meisten Angst macht, ist die Stille." Wir gehen aus dem Haus. Überall riecht es nach geröstetem Sesam. Am Weg sind zwei klapprige Stühle mit Kette und Schloss an einen Pfahl gesichert.

In einer dunklen Werkstatt schneidet ein Schuster Einlegesohlen aus Papier. Die schicke Viale della Libertà ist ganz in der Nähe. Aber dahin würde Letizia Battaglia keinen Fuß setzen. Zum Mittagessen wählt sie ein "Slowfood"-Lokal, das kürzlich im Schatten der Gefängnismauern eröffnet hat. Der von Letizia Battaglia geschätzte Fotograf Emanuele Lo Cascio stößt zu uns. Die junge Fotoszene Palermos kommt um die berühmte Fotografin nicht herum. Das Gespräch dreht sich schnell um die Schwierigkeit, heute noch Filme für Letizias alte Kamera zu finden. Warum hat sie eigentlich immer schwarzweiß fotografiert? "Da ist so viel Blut geflossen", sagt sie. "Das konnte man nicht in Farbe aufnehmen. Ich glaube, ich habe auch aus Respekt vor den Opfern schwarzweiß fotografiert." Sie hat ein Leben lang gegen die Mafia gekämpft. Sie hat ihre Kamera auf Opfer und Täter gerichtet, auf Weinende und Tröstende, auf Richter und Killer. Ihre Fotos rüttelten auf. Es sind Bilder voller Dramatik, Verzweiflung und Entsetzen. Ein Gesicht in der Blutlache. Ein Toter, der bäuchlings in der Einfahrt zur Garage liegt.

Von 1974 bis 1990 arbeitete sie in Palermo für die kommunistische Tageszeitung "L'Ora". Bis zu fünf Mafiamorde gab es damals täglich. Sie hörte heimlich den Polizeifunk ab und war mit ihrer Vespa oft als Erste am Tatort.

Aber sie ist viel mehr, als eine Mafia- Fotografin. Eindringliche Porträts von Kindern und immer wieder von Frauen sind ihr gelungen. Kürzlich hat sie ihren ersten Videofilm gedreht.

Erbin ihrer poetischen Begabung ist ihre zweite Tochter Shobha, eine viel prämierte Fotografin.

Als 1992 in Palermo eine Autobombe Paolo Borsellino und seine fünf Leibwächter zerfetzte, ging sie hin. "Ich hatte die Kamera um den Hals, aber ich konnte nicht fotografieren.

Es lagen Reste von Menschen herum.

Es war grauenvoll. Ich sah einen Bauch, nur einen Bauch ohne Beine und Rumpf. Irgendjemand hat das alles fotografiert und veröffent licht.

Das hat keinen Sinn mehr. Damals habe ich aufgehört, den Tod zu fotografieren." Als Kind ging sie in eine Klosterschule, und der Vater ließ sie nicht aus dem Haus. Mit 16 Jahren heiratete sie den ersten, der sie fragte.

Sie bekam kurz hintereinander drei Töchter. Mit Mitte 30 verließ sie ihren Mann, zog nach Mailand, begann zu fotografieren. Mit 40 kehrte sie nach Palermo zurück und ging eine Verbindung mit dem 18 Jahre jüngeren Fotografen Franco Zecchin ein.

Im Mai 2007 hatte der Mafia-Gegner Leoluca Orlando versucht, das Rathaus zurückzuerobern, aber er unterlag deutlich. In den achtziger und neunziger Jahren war er Bürgermeister der Stadt gewesen, und Letizia Battaglia saß damals für die Grünen im Stadtrat. Sie engagierte sich für die Umwelt, kümmerte sich um Jugendliche und Häftlinge, ließ eine lange Reihe Palmen längs der Uferpromenade pflanzen. Orlando plante die Rettung der Altstadt. Letizia Battaglia ging mit gutem Beispiel voran und bezog ein Haus im Zentrum. Dreimal wurde ihre Wohnung komplett ausgeräumt.

"Ich hielt es da 13 Jahre lang aus", sagt sie. "Dann wurde es mir zu viel." Sie hatte einen Verlag für Anti- Mafia-Bücher gegründet und für den Verkauf einen kleinen Laden gemietet. Als zum zweiten Mal ein freundlicher Mann erschien und um eine Spende bat, gab sie auf.

"90 Prozent der Geschäftsleute bezahlen Schutzgeld. Widerstand war bisher tödlich", erklärt sie. "Aber es gibt jetzt einen echten Aufbruch gegen die Mafia." So hat beispielsweise der Besitzer der für Milzbrötchen berühmten "Antica Focacceria San Fran cesco" seine Erpresser angezeigt. Sie erhielten lange Haftstrafen. Seitdem wird die Focacceria rund um die Uhr polizeilich bewacht.

Wim Wenders bot Battaglia eine kleine Rolle in seinem Film "Shooting Palermo" an. Die Gage stiftete sie für die Anti-Schutzgeld-Kampagne, "obwohl ich eigentlich ein paar neue Zähne bräuchte", sagt sie lachend.

Im vergangenen Jahr hat Letizia Battaglia den Erich-Salomon-Preis erhalten.

Sie zeigt mir die digitale Leica M8. "Ein großes Geschenk. Ich wollte ja den Sprung zur Digitalkamera machen, konnte mir das aber leider nicht leisten." Zuallererst wird sie mit der neuen Kamera nun Fotos zu Texten von Leoluca Orlando realisieren, die ein deutscher Verlag bei ihr in Auftrag gegeben hat.

Weitere Werke der Fotografin finden sie hier: www.art-magazin.de

Aus Respekt vor den Opfern fotografiert Battaglia in Schwarzweiß: Mordopfer in Palermo (1976), Trauergäste einer Beerdigung in Castelvetrano (1980), Sohn mit ermordetem Vater (undatiert)

Unter Polizeischutz:

Anti- Mafia-Kämpferin Letizia Battaglia vor dem Restaurant in Palermo, das sich gegen Schutzgelderpresser gewehrt hat (Foto: Emanuele Lo Cascio)