Ausgabe: 02 / 2008
Seite: 85

Das Wunderkind und der Kommerz

Von Hans Pietsch

Das Van Gogh Museum zeigt eine Schau des englischen Präraffaeliten AMSTERDAM: JOHN EVERETT MILLAIS

Was Mozart für die Musik war, das war John Everett Millais (1829 bis 1896) für die englische Malerei des 19. Jahrhunderts - ein Wunderkind. Er begann bereits mit drei Jahren zu zeichnen, mit elf wurde er in die Kunstschule der Royal Academy aufgenommen, mit 14 gewann er dort seine ersten Preise, und im Alter von 19 war er einer der Mitbegründer der Bruderschaft der Präraffaeliten, die sich an der spätmittelalterlichen Kunst vor der Renaissance aus richteten.

Nach bisheriger Lesart seiner Laufbahn schuf Millais eine Zeit lang innovative Meisterwerke und verschrieb sich dann dem Mammon - er avancierte zum erfolgreichsten und wohlhabendsten englischen Künstler der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurde ein echter Malerfürst. Die Schau im Amsterdamer Van Gogh Museum, die zuvor in der Tate Britain in London zu sehen war, versucht nun seine Rehabilitierung. Sie will beweisen, dass er in allen Arbeitsphasen Meisterwerke produzierte, nicht nur in den ersten zehn Jahren der Präraffaeliten, wo ihm einige erstaunliche Gemälde gelangen, etwa "Die Brautjungfer" (1851) mit ihrem flammendroten Haar oder das mit präraffaelitischer Detailbesessenheit gemalte Bildnis des Kunsttheoretikers John Ruskin.

In den nächsten 40 Jahren folgte dann der Aufstieg zum begehrtesten viktorianischen Künstler. Millais malte Genreszenen und biblische Geschichten, Landschaften und Porträts. Die starkfarbige Palette der Präraffaeliten machte einer dunkleren Platz, der Pinselstrich wurde lockerer, schneller. Er könne es sich finanziell nicht leisten, Tage an einem münzengroßen Stück Leinwand zu verbringen, erläuterte er. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die späten schottischen Landschaften, großformatige Lein wände von erstaunlich atmosphärischer Dichte. Seinen internationalen Ruhm bezeugt ein Selbstporträt von 1880, das von den Uffizien in Florenz für ihre Sammlung von Selbstbildnissen in Auftrag gegeben wurde.

Dort hing es neben Werken von Diego Velázquez, Giovanni Lorenzo Bernini und Albrecht Dürer, eine hohe Ehre für einen lebenden Künstler.

Termin: 15. Februar bis 18. Mai. Katalog: 19,95 Euro, im Buchhandel 42 Euro. Literatur: Millais, 45 Euro.

Internet: www.vangoghmuseum.nl/vgm/

Mehr Bilder zur Ausstellung finden Sie unter: www.art-magazin.de

"Isabella" (1848/49, 103 x 143 cm), gemalt nach einem Gedicht von John Keats, war eines der ersten Bilder im präraffaelitischen Stil

Herbstliche Szene in Schottland: "Mit Tau bedeckter Ginster" (1889/90, 172 x 122 cm)