Ausgabe: 02 / 2008
Seite: 60-65
Die digitale Wunderlampe
Von Birgit Sonna
Mit ihren magischen Lichtspielen ist Angela Bulloch seit vielen Jahren erfolgreich. Jetzt wagt sie sich in einer Ausstellung im Münchner Lenbachhaus in kosmische Dimensionen
Brunnenstraße, Berlin-Mitte, nicht weit vom Rosenthaler Patz: Nirgendwo sonst in Deutschland sind junge Galerien derart dicht aneinander gekettet. Hinter nahezu jeder zweiten Ladentür sucht sich ein Existenzgründer mehr oder minder verbissen am Kunstmarkt zu etablieren. Angela Bulloch ist vom Szenegetümmel in ihrer Nachbarschaft Lichtjahre entfernt:
"Wenn man wie ich viel herumreist, also ständig kommt und geht, merkt man gar nicht mehr richtig, was in der eigenen Stadt gerade geschieht. Ich bin im Moment dafür einfach zu beschäftigt." Im Rückgebäude einer unauffälligen Klinkerarchitektur hat sich die aus London stammende Künstlerin vor drei Jahren ein Studio eingerichtet, das mehr an ein funktional organisiertes Grafikbüro als an einen Produktionsort von Kunst erinnert.
Spricht man sie auf das denkwürdige Schild "Media House" an ihrem Domizil an, lacht sie nur trocken: "'Media House', du lieber Himmel, was soll das schon heißen!" Zufällig ist Angela Bulloch aber Multimediakünstlerin, eine der weltweit bedeutendsten und konzeptuell versiertesten überhaupt. Ihre effektvoll blinkenden Leuchtkugeln und farbig illuminierten "Pixelboxen" gehören mittlerweile zum wandelbaren Inventar fast jeder großen Kunstmesse.
Sie baut ganze Wände aus Lichtkuben auf oder versetzt mit psychedelischen Glasbällen in eine Club- oder Discoatmosphäre, die trotz Siebziger- Jahre-Anleihen nicht ganz von dieser Welt ist. Ausstellungsbesucher sonnen sich gerne im poppigen Widerschein von Bullochs rhythmisch flackernden Installationen, stehen aber meist doch etwas ratlos vor der Logik der Licht- Choreografie. Es ist eine Minimal Art mit neuen, radikal technologischen Mitteln, die nicht mehr nur selbstverliebt den faden geometrischen Kanon auslotet, sondern in ihrer Abfolge von Farblichtern eine rätselhafte Gesetzmäßigkeit zu verbergen scheint. Die Betonung liegt auf "scheint", denn der vertrackten Ästhetik von Angela Bulloch kommt man nicht so ohne weiteres auf die Schliche.
Etwas "spooky" wird es auch sein, wenn Angela Bulloch nun im unterirdischen, immerhin 110 Meter langen Schlauch des Kunstbaus ihre erste Münchner Einzelausstellung bestreitet.
Zumal sie die aus nur wenigen gigantischen Multimedia-Bausteinen bestehende Ausstellung mit einem elektronischen Sound unterlegt, der spürbar den langen Weg im Kunstbau automatisch wie in einer Woge abschreitet und dadurch eine gewisse Schubkraft, um nicht zu sagen Druck auf den Besucher ausübt. Während computergesteuerte LED-Wände die Illusion von einem mal mehr flimmernden, dann wieder eher diffus erscheinenden Nachthimmel aus der Perspektive von Venus und Merkur erzeugen, lockt ganz am Ende der Passage eine Doppelprojektion mit Bildern des Erdplaneten vom April 2007. Odyssee in den eingefrorenen Weltraum!
Noch nie hat sich Angela Bulloch so weit vorgewagt in eine Raumregie von letztlich galaktischer Dimension.
Im Vergleich dazu wirken ihre vor allem Mitte der neunziger Jahre in Ausstellungen postierten Polsterbänke heute wie putzige Feldstudien zur Verhaltens- und Reflexerforschung des Kunstpublikums. Versuchskaninchen von damals sind ihre Feedback- Bänke allerdings lebhaft in Erinnerung geblieben. Sobald man sich auf dem schlicht-minimalistischen Mobiliar niedergelassen hatte, reagierte das Umfeld gleichsam von Zauberhand geleitet. Und zwar in der Form, dass sich entweder Malmaschinen, Lichtorgeln, Soundapparaturen, Videomonitore oder Computerspiele in Betrieb setzten. Nur notorisch zur Selbstüberschätzung neigende Menschen glaubten, dass sie in Bullochs abgezirkeltem Experimentierfeld einen persönlichen Spielraum hätten. Als Nachklang auf diese ironische Demonstration der menschlichen Machtlosigkeit konnte Bulloch 2001 eine Kunst-am-Bau-Arbeit im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestags realisieren: Dank ihrer "Seats of Power" leuchten an der Pforte verschiedenfarbige Kugellampen immer dann auf, wenn sich die Parlamentarier eine Etage höher auf "Sitzen der Macht" zur Ruhe setzen.
Bereits bevor sich Angela Bul lochs leuchtkräftige Markenzeichen virenartig in der Kunstwelt breit machten, gehörte die 1966 in Rainy River/Kanada geborene Künstlerin zu einem umworbenen Londoner Künstlerkreis.
Mit der Teilnahme an der von Damien Hirst 1988 in einem leer stehenden Lagerhaus in den Docklands kuratierten Gruppenschau "Freeze" wurde Angela Bulloch das in der Folge nicht immer vorteilhafte Etikett der "Young British Artists" angeheftet. Studiert hat sie von 1985 bis 1988 an dem als konzeptuelle Kaderschmiede bekannten Goldsmiths College. Für den Turner- Preis war Angela Bulloch schließlich 1997 vorgeschlagen. Zwei Jahre lang hatte sie danach noch in London ein Atelier, bis ihr dort Immobilienhaie die Lust auf die Stadt nahmen.
"Anstelle an einen womöglich schrecklichen Ort in London zu ziehen, mietete ich 1999 in Berlin ein Apartment, weil ich hier auch einige Projekte hatte, die eine stärkere Präsenz erforderten." 2000 begann die fast schon fabrikmäßige Produktion der würfelförmigen "Pixelboxen". Für eine Einzelausstellung in der Zürcher Galerie Hauser & Wirth & Presenhuber entwickelte sie zusammen mit dem Künstler Holger Friese die "Prototypen". Angela Bulloch deutet auf ein Installationsfoto mit einer gerade grün aufleuchtenden Lichtbox: "Das war mein erstes Stück aus der Serie. Eigentlich habe ich sie langsam Schritt für Schritt entwickelt. Anfangs gab es die eher schlichten Pixelboxen, dann Variationen davon mit Sound oder solche, die auf Bewegungen reagiert haben.
Ich postierte sie einzeln, paarweise oder stellte sie aufeinander. Dieser mit der Schauseite nach oben gedrehte Kasten sieht wie ein Tisch aus, aber natürlich ist er nur das Symbol von einem Tisch, denn er ist nicht wirklich funktional. Man kann darauf weder schreiben noch essen." Die programmierte Farblichtabfolge beruhte seinerzeit auf einem lächerlich einfachen Prinzip: Zeitversetzt durchlief jeder Würfel die Macintosh-Farbpalette des Betriebssystems 9.
Bei Angela Bullochs Lichtskulpturen folgt die Entzauberung der Verzauberung auf den Fuß. Auf dem Umschlag einer ihrer Kataloge ist ein geöffnetes Exemplar der "Pixelboxen" abgebildet: Das mit einem Kunststoffschirm versehene Gehäuse aus Birkenfurnier beherbergt im Innern je eine Leuchtstoffröhre in Rot, Grün und Blau aus dem RGB-Farbsystem. Nicht mehr und nicht weniger! "Die Pixelboxen sehen ja sehr mysteriös von außen aus", sagt Angela Bulloch. "Auf rein visueller Ebene erwecken sie den Anschein, als würde ihnen eine Art Magie innewohnen, aber faktisch handelt es sich mehr um eine Annäherung an die Minimal Art." Angela Bulloch überträgt das Motto der Minimalisten "What you see is what you get!" auf ihre computergesteuerte Kunst. Pixel meint bekanntlich die kleinste Darstellungseinheit eines digitalen Bildes.
Wer Angela Bulloch auf die Palme bringen will, muss nur die Bezeichnung "interaktive Kunst" ins Gespräch einfließen lassen. Mit dem Modebegriff aus den Neunzigern ist sie jahrelang traktiert worden, von Journalisten und Kritikern. "Der Begriff ist missverständlich!", wettert Bulloch. "Wenn man das Wort interaktiv benutzt, dann denken die Leute unweigerlich: Oh, ich kann jetzt alles Mögliche mit dem Objekt machen und es antwortet mir.
Ich möchte den Menschen nicht diese falsche Vorstellung von Freiheit vorgaukeln.
Nein, meine Kunst folgt einem System, das nach ganz eigenen Bedingungen funktioniert. Einige meiner Skulpturen halten zwar Optionen für das Publikum offen, aber mir sind ohne hin diejenigen lieber, die vollkommen 'interpassiv' sind. Das heißt:
Es passiert etwas aus einer gewissen Konsequenz heraus und es gehört zum Entdeckungsprozess, dies nach einer Weile herauszufinden." Angela Bulloch ist eine Perfektionistin.
Ansonsten würden ihre mit Sound- und Computerspezialisten jeweils neu entwickelten, aufwändigen Projekte auch leicht Gefahr laufen, zu stranden. Aus hellblauen Augen blitzt sie einen an und erläutert ihr straffes Konzept für den Münchner Kunstbau: "Die Ausstellung 'The space that time forgot' handelt von verschiedenen Arten des Raums.
Ich versuche die Position des Einzelnen innerhalb eines universellen Raums bildlich zu fassen. Gleichzeitig soll aber bewusst bleiben, dass wir uns im Untergrund von München, in einem nur zufällig durch den U-Bahn-Bau entstandenen geschichtlichen Raum befinden.
Ich möchte einen Warteplatz mit Fluchtpunkt schaffen, auf dem man herumspazieren kann." Angela Bulloch liebt das technische Experiment und verbraucht unter der Anspannung pfundweise Kaugummis - den Großpackungen auf ihrem Schreibtisch nach zu urteilen.
Ihr Blick wird sonniger, sobald das Gespräch auf ihre musikalischen Eskapaden gelenkt wird. Sie tritt ab und an in einer fünfköpfigen Bassgitarrenband auf die Bühne, der im Übrigen auch ihr ehrenwerter Künstlerkollege Cerith Wyn Evans angehört.
Nicht nur der Soundtrack wird immer wichtiger in Bullochs Installationen, sondern zunehmend speist sie auch Kinobilder in ihre Pixelbox- Wände ein. In "Z Point", einer ihrer suggestivsten Arbeiten der jüngeren Zeit, spaltete sie die spektakuläre Schlussszene aus Michelangelo Antonionis Kultfilm "Zabriskie Point" in 48 Großpixel auf. Man mag die in Zeitlupe wiedergegebene Explosion einer modernen Villa vage erahnen, aber eigentlich lodert unter augenbetörender Zerstörungswucht ein abstraktes Mosaik auf. "Ich denke, dass viele meiner Arbeiten mit dem Maßstab, mit dem menschlichen Maßstab zu tun haben", resümiert Bulloch. "Die neueren 'Nachthimmel'-Arbeiten repräsentieren zwar einen unendlichen Raum, haben aber einen genauen Bezug zum menschlichen Körper. Ich möchte jedem Kunstbetrachter einen Rahmen zur Selbstdarstellung liefern, völlig unabhängig von seinem Vorwissen." Angela Bulloch bürstet das modernistische Erbe immer wieder gegen den Strich. Jenseits der Utopie-Verirrungen der Moderne dockt sie am Menschen an, macht ihn zum Mitspieler ihrer Kunst, lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass sein Aktionsradius ein ziemlich beschränkter ist.
Und so haben ihre Skulpturen mehr mit dem richtigen Leben zu tun als es ihr cooles Leuchten anfänglich vermuten lässt.
Ausstellung: "Angela Bulloch - The space that time forgot", 16. Februar bis18. Mai 2008, Städtische Galerie im Lenbachhaus/Kunstbau, München. Katalog: Deutsch/Englisch, zirka 24 Euro. Galerie: Esther Schipper, Berlin, www.estherschipper.com Literatur: Angela Bulloch, "Prime Numbers", Verlag der Buchhandlung Walther König, 2006
Kleines Globalisierungsspiel:
"Last Year", hier 2007 in der Galerie Schipper Berlin
Lichtdenkerin Angela Bulloch (Foto: Thomas Meyer)
Minimal Art, die nicht selbstverliebt den faden geometrischen Kanon auslotet, sondern Rätsel zu verbergen scheint
Entzauberter Märchenwald:
"The Disenchanted Forest x 1001", 2005 im Hamburger Bahnhof, Berlin
Der Bulloch- Klassiker in Aktion: Die 48 Großpixel von "Z Point" (2002) zeigen verfremdet die Schlussszene des Films "Zabriskie Point"
Drei Leuchtstoffröhren in einem Kasten aus Holz und Plexiglas werden zur Verwandlungsmaschine
Der Beginn der Pixelboxen: die Ausstellung "Prototypes", 2000 in der Zürcher Galerie Hauser & Wirth & Presenhuber
