Ausgabe: 02 / 2008
Seite: 82-84
Farbwolken gegen die Depression
Von Birgit Sonna
Eine Retrospektive des Amerikaners in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung MÜNCHEN: MARK ROTHKO
Selbst Menschen, die für meditative Rituale völlig unempfänglich sind, entkommen Mark Rothko nicht. Seine wie auf die Leinwand gepuderten, annähernd rechteckigen Farbwolken atmen, schweben und pulsieren so vital aus einer inneren Ba lance heraus, dass auch notorische Museumsschwätzer mit einem Mal ganz still werden. Man begibt sich bereitwillig auf die Reise in das räumliche "Territorium einer Leinwand" - ganz so, wie es sich der amerikanische Maler gewünscht hätte.
Angesichts der austarierten Farbhautgebilde mag man kaum glauben, dass Rothko (1903 bis 1970) ein Künstlerleben lang im Clinch mit seinen Auftraggebern lag. Dem geschätzten Künstlerkollegen Robert Motherwell gegenüber behauptete er ein Jahr vor seinem Selbstmord, er arbeite gerade an einem Projekt für die UNESCO. Das, obwohl er kurz zuvor just ein UNESCO-Angebot für Paris brüsk ausgeschlagen hatte. Rothko erdichtete sich gerne einen Auftraggeber.
Ein Wunschbild, das vermutlich mit seiner prekären gesellschaftlichen Stellung als "Staffeleimaler" während der amerikanischen Depressionsjahre zusammenhing.
Im Rahmen eines Notstandsprogramms für Künstler wurden seit 1935 Wandbildaufträge in öffentlichen Gebäuden vergeben. Zu den so genannten Muralisten zählte Rothko allerdings nicht.
Mark Rothko konkurrierte jedenfalls mit der Monumentalmalerei, bevor er seine berühmten großflächigen Ikonen der Moderne, die "Multiforms", in Angriff nahm. In der Münchner Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung sind nun einige dieser ungern verliehenen, weil äußerst fragilen Farbfeldtafeln zusammengetragen.
Daneben wird das gewöhnlich etwas unterschlagene Frühwerk der dreißiger und vierziger Jahre umfassend präsentiert.
Etappenweise zeichnet sich das innere Aufbäumen Rothkos gegen die noch akademische Bildtradition ab. Anrührend, wie er über die Alibifunktion der figürlichen Malerei bereits die spätere Bildaufteilung seiner übereinander gelagerten, querrechteckigen Farbschwebekissen vorwegnahm. Da sieht man etwa auf einem "Porträt" (1939) betitelten Gemälde einen grauhäutigen Mann am Fenster stehen, fast schon körperlich aufgezehrt von der flächigen Einschachtelung des Interieurs.
Ein weiterer Schwerpunkt in der Retrospektive sind die subtil in Violettoder Grautönen nuancierten Schwarzbilder aus Rothkos letztem Lebensjahrzehnt.
Durch die großzügigen Leihgaben der beiden Künstlerkinder, Kate Rothko Prizel und Christopher Rothko, ist diese als Glücksfall zu begreifende Werkschau möglich geworden.
Termine: 8. Februar bis 27. April; 16. Mai bis 3. August, Hamburger Kunsthalle. Katalog: Hirmer Verlag, 25 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro.
Internet: www.hypo-kunsthalle.de
Mark Rothko: Ölbild "Nr. 36 (Schwarzer Streifen)" (1958, 157 x 170 cm)
Streifen auch im Gegenständlichen:
"Porträt" (102 x 77 cm) aus dem Jahr 1939
"Ohne Titel" (1949, 207 x 169 cm)
