Ausgabe: 02 / 2008
Seite: 86
Rohlinge mit neuen Werten
Von Ute Diehl
Eine Ausstellung im Palazzo Grassi über den Zusammenstoß von Kulturen VENEDIG: ROM UND DIE BARBAREN
So haben wir es in der Schule gelernt: Das Römische Imperium wurde von den Barbaren zerstört. Dass all diese unter dem Begriff Barbaren zusammengefassten Fremdvölker, die in Italien eindrangen, nicht nur Rohlinge waren, sondern auch Träger neuer Werte, zeigt die Ausstellung im Palazzo Grassi.
Anhand von 1700 Exponaten - prachtvolle Waffen, Schmuck, kultische Objekte, Buchkunst und Gebrauchsgegenstände - wird deutlich, wie sehr die Kunst zwischen dem 4. und 7. nachchristlichen Jahrhundert vom Zusammenstoß der Kulturen profitiert hat. Über 24 Länder gaben dafür ihre nationalen Schätze frei. Augsburg schickte den 1,8 Tonnen schweren "Siegesaltar" aus Kalkstein, den die Römer 260 nach Christus nach einer erfolgreichen Schlacht um die Sicherung ihrer Grenzen an einem Übergang des Lechs aufgestellt hatten.
Die Schweiz entlieh den Theoderich- Schrein, ein Prachtstück merowingischer Goldschmiedekunst (7. Jahrhundert), das seit 1400 die Abtei Saint-Maurice nicht mehr verlassen hat.
Der Katalog, in dem über 100 Wissenschaftler zu Wort kommen, dokumentiert verschiedene Sichtweisen. Einigkeit aber besteht darüber: Barbararisch waren die Barbaren nicht.
Termin: 26. Januar bis 20. Juli. Weitere Station: 22.
August bis 7. Dezember, Kunst- und Ausstellungshalle, Bonn. Katalog: Verlag Skira, 39 Euro, im Buchhandel 70 Euro. Internet: www.palazzograssi.it
Schrein des Theoderich (Höhe 125 mm)
