Ausgabe: 02 / 2008
Seite: 115
Schönster Arbeitsplatz der Stadt
Von Till Briegleb
Architektur: Kopenhagens neues Schauspielhaus
Wie zwei ungleiche Brüder liegen sie sich im Hafen von Kopenhagen gegenüber, die beiden neuen königlichen Theater Dänemarks. Dominierend und monströs der 2005 eröffnete Opernbau von Henning Larsen, elegant und zurückhaltend das neue Kongelige Skuespilhuset von Boje Lundgaard und Lene Tranberg.
Wie relativ die Begriffe arm und reich in der Architektur sein können, lässt sich kaum schöner illustrieren als an diesem Paar. Während das Operngebäude trotz üppiger Baukosten von 335 Millionen Euro billig und protzig wie ein osteuropäisches Kongresszentrum aussieht, erzeugt sein armer Bruder mit einfachsten Materialien einen noblen Anzug.
Von Hand gemauert aus flachen, sehr dunklen Ziegeln, die gebogen und gelb befleckt wie von der Ausschusshalde wirken, entwickeln die Wände des neuen Schauspielhauses die schillernde Vielfalt einer tachistischen Malerei.
Eine Promenade vor dem Foyer, die auf Stelzen in das Hafenbecken gebaut wurde, besteht aus Bauplanken, was der spektakulären Plattform den ironischen Rahmen eines Provisoriums verleiht.
Und auch die Verkleidung des Bühnenturms mit einem Relief aus Kupfer sowie der Fußboden mit einfachem Stäbchenparkett schaffen mit schlichter Architektur: Kopenhagens neues Schauspielhaus Schönheit eine Atmosphäre demokratischer Kultur - die dadurch unterstrichen wird, dass die dänische Königin auf den gleichen roten Stühlen Platz nimmt wie ihr Volk.
Doch der Verzicht auf Hemmschwellen durch pompöses Design muss nicht bedeuten, auf aufregende Architektur zu verzichten.
Das offene Foyer bildet einen Versammlungsplatz mit herrlichem Panoramablick, der runde Theatersaal mit seinem rhythmischen Ziegelrelief erzeugt die Intimität einer Grotte mit den Mitteln des klaren dänischen Designs.
Die Krönung des königlichen Staatstheaters aber ist die gläserne Halskrause um den Bühnenturm, in der sich alle künstlerischen Abteilungen befinden. Das zu einem Vordach auskragende Geschoss mit seiner durchgehen den Fensterfläche bietet die vermutlich attraktivsten Arbeitsplätze von ganz Kopenhagen.
Mit Rundblick über den Hafen ist das Geschoss organisiert wie eine Ministadt. Drei breite Promenaden gliedern die 84 mal 84 Meter große Fläche mit ihren offenen Büros. Vor den Scheiben formt sich der Fußboden zu Sitzgruppen und Schlafkojen für die Schauspieler, gelb und orangefarben leuchtende Oberlichter geben den Räumen auch an grauesten Wintertagen einen Hauch von Sommer.
Mit dem klugen Einsatz weniger Materialien und einfacher Formen ist dem Architekturbüro Lundgaard und Tranberg ein nahezu perfekter Theaterbau für diesen Ort gelungen. Wenn Shakes peares Hamlet bei der Eröffnungsvorstellung am 16. Februar die berühmte "Sein oder nicht sein"-Frage stellt, kann der Theaterbesucher wohl mit aller Überzeugung antworten: "Sein!"
Schlichte Form, aber noble Ausstrahlung: das neue Königliche Schauspielhaus im Kopenhagener Hafen, entworfen von Lundgaard und Tranberg
Intimität einer Grotte: Zuschauersaal mit markanten Ziegelwänden
Lene Tranberg, 51, führt seit dem Tod von Boje Lundgaard 2004 das Kopenhagener Büro, das beide Architekten gemeinsam 1985 gegründet haben, allein. Charakteristisch für die Projekte von Lundgaard und Tranberg sind konzentrierte Grundformen, die durch besondere Details und den Einsatz schöner Materialien veredelt werden. Häufig entwickeln die Gebäude die Spannung aus dem Verhältnis von rund und eckig, so etwa bei dem vielfach ausgezeichneten Tietgen-Studentenwohnheim (2005) in Kopenhagen, einem Ring mit hervortretenden Boxen. Weitere Projekte: Copenhagen Business School (2005), Apartmenthaus Harbour Isle (2007) und das Geschosswohnungshaus Ørestadshuset (2007).
